29.11.2017 Schwierige Digitalisierung

Das Innovationsdrama der Digitallabore

Von: Ingo Steinhaus

Jede Woche eröffnet irgendwo ein neues Innovationslabor, der Hype hält an. Doch die ersten sind bereits gescheitert.

Reagenzgläser im Labor

Innovationen frisch aus dem Digilab

Der Spaß hat nicht lange gedauert: Nach nur einem Jahr gibt der Versicherungsriese Allianz seinen „Allianz X“ genannten Company Builder auf und verlegt sich vom Ausbrüten auf das Finanzieren von Startups. Dabei hatte das Unternehmen extra den Startup- und Inkubator-Experten Peter Borchers von der Telekom abgeworben, um das Digitallabor aufzubauen. Die „Strategieänderung“ reiht sich ein in eine lange Liste an Fehlversuchen von großen und internationalen Konzernen, in einem Startup-Inkubator Innovationen auszubrüten.

Ebenfalls nicht so gut funktionierten die Inkubatoren bei British Airways, Coca-Cola, Disney, der Kaufhauskette Nordstrom, der Kommunikationsagentur Ogilvy, dem Discounter Target und dem Medienunternehmen Turner. Selbst Microsoft hat einen abgeschriebenen Inkubator in seinen Büchern stehen. Und in der deutschen Startup-Szene denken immer noch viele mit Schrecken an das krachende Scheitern von Epic Companies, dem Rocket-Internet-Klon von ProSiebenSat.1.

Beruhigungspillen und Innovationsdramen

Dabei sind Labs immer noch im Trend. Ihr Versprechen: Sie retten langsame Unternehmensriesen vor der Stagnation. Digitalberater Andy Howard findet, dass zu viele Unternehmen ihre Digitallabore aus den falschen Gründen aufbauen. Es gehe dann eher darum, Vorstand, Aufsichtsrat und Shareholdern auf der PowerPoint-Bühne ein Innovationsdrama aufzuführen. Die Show soll sie zufriedenstellen und ihnen zeigen: „Wir tun was.“ Howards harsches Urteil gilt den großen, internationalen Konzernen. Doch auch aus deutscher Perspektive geht es bei Innovationslaboren eher um digitale Beruhigungspillen, wie Jochen Siegert feststellt.

Für den COO der Finanzierungsplattform Traxpay handelte es sich bei den beliebten Digilabs um eine Todsünde der Digitalisierung. „Bei solchen Corporate-Initiativen wird der notwendige Wandel auf einen Nebenprozess delegiert.“ Er stellt die einfache Frage, warum wohl innovative Unternehmen wie Google, Apple, Facebook, Amazon & Co. keine Innovationslabore haben? Die Antwort ist für ihn ganz einfach: „Bei diesen Unternehmen ist Innovation Teil der DNA.“ Er hält es für fragwürdig, den Wandel im Kerngeschäft an ein Labor zu delegieren und „zu hoffen, dass eine Handvoll Mitarbeiter etwas schaffen, was Tausende in der Zentrale nicht hinbekommen.“

Es reicht also nicht, einfach ein paar Leute vom Rest des Unternehmens zu separieren. Andy Howard nennt in seinem Artikel einige Kriterien für den Erfolg von Digilabs. So betont er, dass erfolgreiche Innovationslabore Leute von außen rekrutiert haben. Der Grund: „Ändern die Mitarbeiter ihre Denkweise, wenn sie aus dem Alltagsgeschäft herausgezogen und in eine neue Abteilung gesteckt werden? Niemals.“ Es gehe vielmehr darum, das gute Leute mit kundenorientierter und unternehmerischer Denkweise von außen in die Organisation hineinkommen. Ein weiteres wichtiges Merkmal: Kaufmännisches Denken und der Anspruch, ein skalierbare Geschäftsmodell zu gestalten.

Auch der Vorstand muss die Ärmel hochkrempeln

Doch wie lässt sich das den Alltag des Unternehmens hineinbringen? Eine mögliche Antwort liefern die Innovationsberater von Hyve. Dr. Giordano Koch, Geschäftsführer der HYVE Innovation Community, empfiehlt als gangbaren Weg längerfristige Workshops unter externer Beratung, eine Art temporäres Innovationslabor: „Ein Team zieht sich von der normalen täglichen Arbeit zurück und kommt für sechs bis zwölf Wochen zu uns.“ Dort werden mit Methoden wie Design Thinking neue Ideen erprobt.

Den Digitalberatern ist dabei die Schnittstelle zum Unternehmen wichtig, damit die Erkenntnisse aus dem Innovationslabor in die Organisation zurückfließen und das Top-Management eingebunden ist: „Es ist zwingend vorgesehen, dass ein Vorstand einmal pro Woche ins Lab kommt, sein Jackett vor der Tür auszieht, die Ärmel hochkrempelt und mitarbeitet.“ An solchen Details zeige sich, ob ein Unternehmen wirklich digital und innovativ sein will. Andernfalls hilft ein Lab auch nicht weiter und stattdessen wird das Innovationsdrama in PowerPoint aufgeführt.

Der nächste Schritt ist dann die Institutionalisierung des Digilabs. Hier haben die Unternehmen die meisten Schwierigkeiten, aber neben einigen Fehlschlägen gibt es auch deutliche Erfolge. Das Beratungsunternehmen Infront Consulting hat für die Zeitschrift Capital in einer Studie 34 der mindestens 100 Digilabs in Deutschland untersucht. Nur rund der Hälfte der Unternehmen gelingt es tatsächlich, die Digital-Einheiten effektiv und zielgerichtet einzubinden und nachhaltig Innovationen und neue Produkte zu schaffen. Spitzenreiter sind hierbei Lufthansa Innovation Hub, Daimler Business Innovation und MAN-X-Lab.

Die Studie hat ganze Reihe von Erfolgsfaktoren ausgemacht. So ist neben der deutlichen Unterstützung durch das Topmanagement mit klaren Zielvorgaben auch eine fokussierte Auswahl der Themen wichtig. Entscheidend ist der Austausch zwischen Konzern und Digitalableger, wobei sowohl Information als auch Personal in beiden Richtungen gehen müssen. Ebenso wichtig ist natürlich die intensive Zusammenarbeit mit Kunden und externen Partnern. Eine Grundbedingung ist zudem die Bereitschaft, die entstandenen Ideen wirklich zu einem Kerngeschäft des Konzerns zu machen - sonst geht dem Digilab schnell die Berliner Luft aus.

Bildquelle: Thinkstock

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