29.11.2017 Handel mit „gebrauchter“ Software juristisch geregelt

Cloud bringt keinen Einbruch beim Lizenzhandel

Von: Guido Piech

Im Interview spricht Björn Franz Anton Orth, Geschäftsführer der Vendosoft GmbH, über neueste Entwicklungen im Markt für gebrauchte Software.

Björn Franz Anton Orth Vendosoft

„In der Darstellung von Microsoft hat es den Anschein, als gäbe es nichts anderes mehr. Wer der Cloud jedoch skeptisch gegenübersteht oder aus anderen Gründen nicht wechseln will, den beflügelt es, sich mit On-Premise-Software einzudecken“, sagt Björn Franz Anton Orth.

ITM: Herr Orth, inwieweit ist der Weiterverkauf „gebrauchter“ Softwarelizenzen mittlerweile juristisch geregelt? Wo gibt es noch Grauzonen?
Björn Franz Anton Orth: Der Europäische Gerichtshof hat 2012 klare Richtlinien für den Handel mit Secondhand-Software verordnet. Seither gilt der sogenannte Erschöpfungsgrundsatz. Der besagt, dass sich das Verbreitungsrecht des Urhebers – also des Herstellers – erschöpft, sobald er sein Werk erstmalig innerhalb der Europäischen Union in Verkehr gebracht hat. Dieses Urteil bekräftigte der Bundesgerichtshof und beschied 2013, dass gebrauchte Softwarelizenzen vor Übertragung auf den neuen Käufer vom Ersterwerber unbrauchbar gemacht werden müssen. Diesen Vorgang überprüfen wir als Gebrauchtsoftwarehändler und garantieren unseren Kunden das volle Nutzungsrecht. 2014 legitimierte der BGH den Handel mit Second-Hand-Software auch für Volumenlizenzverträge und deren Aufsplittung. Juristisch ist der Weiterverkauf gebrauchter Software also klar geregelt.

Die Frage nach den Grauzonen ist allerdings berechtigt. Denn natürlich gibt es „schwarze Schafe“. Ich rate daher von Online-Käufen ab, bei denen nicht ersichtlich ist, welche Lizenzart eigentlich erworben wird. Werden im Netz Keys angeboten, sollten IT-Verantwortliche nicht blauäugig zuschlagen, nur weil sie günstig sind. Vielmehr sollte dem Kauf gebrauchter Standardsoftware eine verlässliche Lizenzberatung vorausgehen. Deshalb sind alle unsere beratenden Mitarbeiter zertifizierte Microsoft Licensing Professionals.

ITM: Welche Arten „gebrauchter“ Lizenzen werden derzeit am meisten gehandelt? Aus welchen Branchen stammen die Käufer vornehmlich?
Orth: Unsere Kunden stammen aus allen Branchen des deutschen Mittelstands: aus dem produzierenden Gewerbe, der Logistik, dem Bankwesen, aus Anwalts- und Wirtschaftsprüfungskanzleien sowie natürlich von IT-Beratungshäusern. Städte und Gemeinden, Kliniken, Verbände und soziale Einrichtungen sind ebenfalls auf günstige Konditionen bei der IT-Beschaffung angewiesen. Daher zählen auch sie verstärkt zu unserer Klientel.

Wir sind auf Produkte von Microsoft und Adobe spezialisiert. Da wir Unternehmen beliefern, die in der Regel eine größere Anzahl an Clients bestücken, handelt es sich meist um Volumenlizenzen. Momentan verspüren wir eine starke Nachfrage nach aktuellen Servern wie Microsoft Windows Server 2016 oder Microsoft SQL Server 2016.

ITM: Inwiefern verändert die Nutzung der Cloud Ihr Geschäftsmodell?
Orth:
Wider Erwarten gering. Nach unserer Erfahrung springt der Mittelstand deutlich gemäßigter auf das Thema an als von Medien und Herstellern suggeriert. In der Darstellung von Microsoft hat es den Anschein, als gäbe es nichts anderes mehr. Wer der Cloud jedoch skeptisch gegenübersteht oder aus anderen Gründen nicht wechseln will, den beflügelt dies, sich mit On-Premise-Software einzudecken.

ITM: Wer übernimmt den Support und die Wartung der „gebrauchten“ Lizenzen?
Orth:
Hier gibt es keine Änderung gegenüber den vertraglichen Regelungen einer Neulizenz. Rechteinhaber ge-brauchter Lizenzen können etwa genauso Updates beziehen wie der Erstbesitzer.

ITM: Wie sollten Ihre Käufer bei anstehenden Audits vorgehen?
Orth:
Unser Kunde, die Karl Schmidt Spedition, berichtete in der September-Ausgabe von IT-MITTELSTAND treffend, dass es in Europa möglich ist, gebrauchte Software legal zu erwerben. Daher ist die Sorge vor einem Audit unbegründet. Doch die Hersteller bauen in ihren Plausibilisierungsanschreiben gerne Druck auf. Da kann ich nur raten, die Ruhe  zu bewahren. Wir begleiten unsere Kunden im Audit, wenn nötig unter Einbeziehung unserer Rechtsabteilung. Vor Abgabe einer Erklärung prüfen wir gemeinsam mit den Kunden alle Bestände. Nicht selten entdecken wir dabei ungenutzte Microsoft-Lizenzen, die wir aufkaufen. So können unsere Kunden brachliegende Software sogar noch zu Geld machen.

Bildquelle:Vendosoft

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