19.10.2017 Nicht den Anschluss verlieren!

„Die Digitalisierung kommt so oder so“

Von: Lea Sommerhäuser

Christoph Plass, Vorstand von Unity, betont im Interview: „Die Digitalisierung kommt so oder so – wer jetzt den Anschluss verliert, wird in Zukunft nicht mehr wettbewerbsfähig sein.“

Christoph Plass, Vorstand von Unity

„Ein guter Hinweis für Qualität in der Industrie-4.0-Beratung ist eine enge Vernetzung mit führenden Industrie-4.0-Initiativen und Institutionen“, meint Christoph Plass, Vorstand von Unity.

ITM: Herr Plass, inwieweit sind digitalisierte, automatisierte und vernetzte Prozesse bereits in mittelständischen Betrieben verankert?
Christoph Plass:
Der Entwicklungsstand hinsichtlich digitalisierter und vernetzter Prozesse ist in den einzelnen Betrieben sehr unterschiedlich. Es gibt einige Vorreiter, die Industrie-4.0-Ansätze bereits realisieren. In den meisten Unternehmen – vor allem im Mittelstand – gibt es aber noch großes Potential, was Automatisierung und Vernetzung angeht.

ITM: Ist es nicht so, dass die Prozesse in den Produktionen schon recht lange automatisiert und vernetzt sind und dieser Tage aber als „Industrie 4.0“ gehypt werden?
Plass:
Der Begriff „Industrie 4.0“ ist derzeit in aller Munde und sorgt – aufgrund der Komplexität der Thematik – vielleicht manchmal für Verunsicherung. Dennoch darf das, was hinter dem Begriff steckt, nämlich der Einzug des Internets auf dem Shop Floor, keinesfalls als vorübergehender Hype abgetan werden. Ein Blick in die Unternehmen zeigt, dass das Internet noch keineswegs in der Produktion angekommen ist. Dieses Potential muss gehoben werden, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.

ITM: Welchen Stellenwert besitzt demnach Industrie-4.0-Beratung im Mittelstand? Inwieweit benötigen mittelständische Unternehmen überhaupt konkrete Beratung in diesem Bereich?
Plass:
Die Chancen und Möglichkeiten, die sich durch Industrie 4.0 und das Internet der Dinge für Unternehmen ergeben, sind so groß und vielfältig, dass sich eine professionelle Industrie-4.0-Beratung auf jeden Fall auszahlt. Es geht um die Fragen: Wie kann ich meine Wertschöpfungskette digitalisieren? Welche meiner Produkte und Services sollten digitalisiert werden? Und welche meiner Geschäftsmodelle kann ich meinen Kunden anbieten? Berater wirken hier zum einen als Impulsgeber, zum anderen kennen sie Best Practices aus anderen Unternehmen und Branchen, die auf den individuellen Betrieb zugeschnitten werden können.

ITM: Wie setzen Sie hier an? Wie ist Ihre Vorgehensweise?
Plass:
Unser Vorgehen gliedert sich im Prinzip in vier Schritte: Zuerst führen wir eine Standort- und Zielbestimmung mit unserem Industrie-4.0-Reifegrad-Modell durch, um festzustellen, wo sich das Unternehmen auf dem Weg zu Industrie 4.0 befindet – und wo dieser genau hinführen soll. Dann gilt es, die Digitalisierungsstrategie, die ein fester Bestandteil der Unternehmensstrategie ist, zu entwickeln. Sie enthält Architekturen und Technologien zur Erhöhung des Automatisierungsgrads sowie neue Geschäftsmodelle. Entscheidend für die digitale Transformation ist die Umsetzungsplanung. Hier müssen Begrifflichkeiten, Zuständigkeiten, Rollen und Zusammenarbeitsmodelle geklärt werden, um die Projekteffektivität und -effizienz zu gewährleisten. Die einzelnen Aktivitäten müssen schließlich umgesetzt werden.

ITM: Mit welchen Methoden und Tools lassen sich die Prozesse, Anlagen- und Automatisierungstechnik sowie IT- und Kommunikationskonzepte eines Mittelständlers in Hinblick auf „Industrie 4.0 und IoT“ analysieren und die technische Machbarkeit sowie Wirtschaftlichkeit bewerten?
Plass:
Mit dem „Readiness Check Digitalisierung“, der zusammen mit Acatech, der Akademie der Deutschen Technikwissenschaften, entwickelt wurde, haben wir eine leicht anwendbare Beurteilungsmethode, mit der sich der Reifegrad eines Unternehmens hinsichtlich Digitalisierung und Industrie 4.0 schnell und exakt ermitteln lässt. Gemeinsam mit unseren Kunden bestimmen wir so ihre Positionen in den vier Gestaltungsdimensionen Kultur, Organisationsstruktur, Ressourcen (Menschen und Maschinen) und Informationssysteme entlang der Ende-zu-Ende-Unternehmensprozesse. Sie erhalten eine exakte und transparente Darstellung zum Zustand ihres Unternehmens hinsichtlich Digitalisierung und Industrie 4.0 und bekommen darüber hinaus ein Zielbild mit verständlichen und konkreten Handlungsempfehlungen.

ITM: Worin bestehen die Herausforderungen bei der Entwicklung eines entsprechenden Konzepts sowie der Implementierungs-Roadmap?
Plass:
Häufig mangelt es zunächst an dem Willen, sich mit Digitalisierung zu beschäftigen. Dafür muss man sich Zeit nehmen und die Sache offen und visionär angehen. Im ersten Schritt geht es darum, das Thema Digitalisierung bzw. Industrie 4.0 zu verstehen – erst danach gilt es, für sich geeignete Ansätze zu finden.

ITM: Wann reicht ein „pauschales Konzept“, wann ist eine „individuelle Strategie“ nötig?
Plass:
Ein pauschales Konzept gibt es nicht, da jedes Unternehmen eine individuelle Ausgangslage hat. Eine individuelle Strategie ist daher unabdingbar. In unseren Projekten nutzen wir Best Practices, passen die jedoch individuell auf den Kunden an.

ITM: Mit welchem Aufwand (zeitlich, personell, finanziell) ist die schrittweise Einführung von Industrie-4.0-Prozessen in eine gewachsene IT-Umgebung verbunden?
Plass:
Der Aufwand hängt natürlich von der Ausgangslage, also dem Reifegrad des Unternehmens, ab. Sind die Prozesse bereits durchgängig automatisiert, ist der Weg zur Vernetzung nicht mehr ganz so weit. Jetzt den Aufwand zu scheuen und nicht zu handeln, ist in jedem Fall der falsche Weg. Die Digitalisierung kommt so oder so – wer jetzt den Anschluss verliert, wird in Zukunft nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Entscheidend für die Umsetzung ist ein agiles Vorgehen: Man startet mit kleinen, überschaubaren Schritten und sollte stets bereit sein, diese Schritte wieder zu überdenken, um ggf. nachjustieren zu können.

ITM: Welche Rolle spielen die Mitarbeiter auf dieser „digitalen Reise“ eines Unternehmens?
Plass:
Die Mitarbeiter spielen dabei eine ganz wesentliche Rolle. Sie müssen auf diese „neue Welt“ vorbereitet und in den Transformationsprozess eingebunden werden. Mit Industrie 4.0 wandeln sich nicht nur Technologien – die Auswirkungen auf die konkrete Arbeitswelt werden enorm sein. Führungskräfte müssen in Pilotprojekten Vertrauen für die neuen Technologien schaffen. Beschäftigte werden in Zukunft autonomer arbeiten können. Schwere körperliche Arbeit wird deutlich abnehmen, kreative geistige Arbeit ist hingegen mehr denn je gefragt. Generelles Ziel der Digitalisierung ist, ein einfacheres Arbeitsumfeld zu schaffen, von dem die Mitarbeiter profitieren. Die Transparenz wird steigen: Jeder Fehler ist sofort sichtbar, sodass im Ganzen alles schneller analysierbar und steuerbar wird. Es besteht allerdings die Gefahr, dass Mitarbeiter sich überwacht fühlen. Für Führungskräfte und Mitarbeiter ist es daher wichtig, mit dieser neuen Transparenz umgehen zu können. Es gilt, eine Fehlerkultur im Unternehmen zu etablieren und damit den Wandel als Chance zu verstehen.

ITM: Welche Aufgaben kommen nach Einführung/Implementierung von Industrie-4.0-Prozessen auf den IT-Berater/-Dienstleister zu?
Plass:
Schulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen müssen bereits vor und während der Einführung von Industrie-4.0-Prozessen durchgeführt werden. Es gilt, die Mitarbeiter aufzuklären, sie für die digitale Transformation zu motivieren und zu befähigen – und diese dann in konkreten Projekten umzusetzen. Während des gesamten Transformationsprozesses gilt es darüber hinaus, die notwendige Veränderung der Unternehmenskultur zu begleiten. Eine gute Führungskultur zeichnet sich durch Fairness im Umgang mit Fehlern aus, die in der digitalen Welt schneller und öfter erkannt und stärker individuell zuordenbar sind. Erfolge sollten von Führungskräften und Mitarbeitern bewusst gefeiert werden.

ITM: Was zeichnet einen guten IT-Berater/-Dienstleister im Bereich „Industrie 4.0/IoT“ letztlich aus? Worauf sollten Mittelständler achten, wenn sie sich entsprechende Hilfe suchen?
Plass:
Es kommt vor allem auf Technologie-, Geschäftsmodell- und Innovationskompetenz sowie Erfahrung im Change Management an. Visionäre Kraft und detailliertes Fachwissen zeichnen eine professionelle Industrie 4.0 Beratung aus. Referenzen können hier Orientierung geben.

ITM: Wodurch kann die Qualität von Beratungsleistungen auf jenem Gebiet abgesichert werden? Gibt es so etwas wie ein Industrie-4.0-Gütesiegel für IT-Berater/-Dienstleister?
Plass:
Ein Gütesiegel gibt es leider nicht. Referenzen des Beratungsunternehmens bieten eine gute Orientierung. Ein guter Hinweis für Qualität in der Industrie-4.0-Beratung ist eine enge Vernetzung mit führenden Industrie-4.0-Initiativen und Institutionen, wie Acatech, Plattform Industrie 4.0, Industrial Data Space oder Spitzencluster it’s OWL.

Bildquelle: Unity

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