25.10.2017 Schon nah am Puls der Zeit

Die hohen Anforderungen der IoT-Projekte

Von: Lea Sommerhäuser

Laut Donald Wachs wird das Thema „Industrie 4.0“ von vielen Dienstleistern als Schlagwort aufgegriffen. „Die hohen Anforderungen der Industrie 4.0-/IoT-Projekte erfordern von der Beratung die Bündelung verschiedener Expertisen aus unterschiedlichen Bereichen“, so der Partner bei Bearingpoint.

Donald Wachs von Bearingpoint

„Gute Beratungen sind in ihrer Arbeit durch verständliche Dokumentation sowie durch klar umschriebene Lieferobjekte zu definierten Zeitpunkten transparent“, betont Donald Wachs von Bearingpoint.

ITM: Herr Wachs, inwieweit sind digitalisierte, automatisierte und vernetzte Prozesse bereits in mittelständischen Betrieben verankert?
Donald Wachs:
Es gibt, wie überall, innovative Vorreiter, die bereits sehr weit sind bei der Umsetzung ihrer digitalen Agenda. Insgesamt muss aber konstatiert werden, dass der Mittelstand als solches noch viel nachholen muss, um auch zukünftig innovativ zu bleiben. Das Potential der Digitalisierung im Zusammenspiel mit Big Data und Machine Learning und die Auswirkung auf die Geschäftsmodelle sind noch nicht vollständig verstanden – die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten hierzu gilt es, aufzubauen.

ITM: Ist es nicht so, dass die Prozesse in den Produktionen schon recht lange automatisiert und vernetzt sind und dieser Tage aber als „Industrie 4.0“ gehypt werden?
Wachs:
Natürlich sind heute viele Prozesse in der Produktion schon weitgehend automatisiert. Industrie 4.0 geht aber einen Schritt weiter und beschreibt die Vernetzung der digital vorliegenden Daten und bietet dann Schnittstellen, um einfacher neue Abläufe oder Konstellationen abzubilden – dadurch ist es auch für Produkte mit kleineren Stückzahlen oder komplexen Varianten möglich, automatisierte Prozesse effizient anzubieten.

ITM: Welchen Stellenwert besitzt demnach Industrie-4.0-Beratung im Mittelstand? Inwieweit benötigen mittelständische Unternehmen überhaupt konkrete Beratung in diesem Bereich?
Wachs:
Hier gibt es keine besonderen Unterschiede zu anderen Beratungsfeldern – es gilt, für jedes Unternehmen das Potential individuell zu ermitteln. Ziel muss eine Roadmap sein und eine kritische Prüfung, was für das jeweilige Unternehmen relevant ist und was nicht. Es gibt Unternehmen, die aufgrund ihrer Produkte schon sehr nah am „Puls der Zeit“ sind. Eine Standortbestimmung ist aber grundsätzlich eine gute Investition.

ITM: Wie setzen Sie als IT-Berater/-Dienstleister hier an? Wie ist Ihre Vorgehensweise?
Wachs:
Wir haben das gesamte Thema unter Get Connected, Get Inside und Get Optimzed zusammengefasst. Get Connected bildet die Grundlage mit der Vernetzung der Maschinen, Datengewinnung und Datenspeicherung. Get Optimized geht der Frage nach der Auswertung der Daten mithilfe von Algorithmen und Machine Learning nach. Unter Get Optimized verstehen wir die effiziente Gestaltung der internen Prozesse.

ITM: Mit welchen Methoden und Tools lassen sich die Prozesse, Anlagen- und Automatisierungstechnik sowie IT- und Kommunikationskonzepte eines Mittelständlers in Hinblick auf „Industrie 4.0 und IoT“ analysieren und die technische Machbarkeit sowie Wirtschaftlichkeit bewerten?
Wachs:
Starre Projektpläne sind bei Industrie-4.0- und IoT-Projekten nicht zielführend und daher setzen wir auf agiles Projektmanagement. Bei Digitalisierungsprojekten gilt es, kontinuierlich Zwischenergebnisse abzuliefern und Veränderungen anzuschieben. Der Erfolg der Projekte beruht auf täglicher Zusammenarbeit von Fachexperten und Entwicklern aus verschiedenen Disziplinen. Um diese selbstorganisierten Teams steuern zu können, muss das Ergebnis bereits vor Projektstart klar umschrieben sein. Auch hierbei helfen Berater.

ITM: Worin bestehen die Herausforderungen bei der Entwicklung eines entsprechenden Konzepts sowie der Implementierungs-Roadmap?
Wachs:
Die Branchenexpertise der Berater ist hierbei eine Grundvoraussetzung – die Kombination aus dem „was will der Markt“ und „was ist möglich und umsetzbar“ bezogen auf die Situation des Kunden sind die essenziellen Punkte für ein Konzept und somit auch die Vorgabe für die Roadmap. Hier gilt wie immer: „think big“ – „start small“ – „fast results“.

ITM: Wann reicht ein „pauschales Konzept“, wann ist eine „individuelle Strategie“ nötig?
Wachs:
Bei der Wahl des Dienstleisters oder Software-Anbieters kann auf bewährte Konzepte zurückgegriffen werden. Auch für bestimmte Fragestellungen der Datenauswertung bietet sich der Einsatz etablierter Algorithmen an. Aufgrund der individuellen organisatorischen Prozesse und der technischen Infrastruktur ist aber immer auch eine starke individuelle Strategie vonnöten.

ITM: Mit welchem Aufwand (zeitlich, personell, finanziell) ist die schrittweise Einführung von Industrie-4.0-Prozessen in eine gewachsene IT-Umgebung verbunden?
Wachs:
Das hängt natürlich vom konkreten Vorhaben ab – aber als generelle Antwort und auch Planungsannahme sollte man mittelfristig ca. 1/5 der Ressourcen für diese neuen Technologien nutzen – es ist nun mal eine Zukunftstechnologie.

ITM: Welche Rolle spielen die Mitarbeiter auf dieser „digitalen Reise“ eines Unternehmens?
Wachs:
Trotz der zunehmenden Automatisierung sind die Mitarbeiter weiterhin das wichtigste Kapital eines Unternehmens. Dementsprechend gilt es, im Rahmen der Personalentwicklung und im Change Management entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um die Fähigkeiten und Potentiale von Mitarbeitern auf die neu entstehenden Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung auszurichten. A priori sollten Mitarbeiter aktiv bei der Gestaltung digitaler Lösungen involviert werden, d.h. das Know-how der Berater wird auch zur Schulung genutzt. Mitarbeiter sind Befähiger und Träger eines jeden technologischen Fortschritts.

ITM: Welche Aufgaben kommen nach Einführung/Implementierung von Industrie-4.0-Prozessen auf den IT-Berater/-Dienstleister zu?
Wachs:
Eine hauptsächliche Aufgabe von Beratern ist die Befähigung des jeweiligen Kunden, entwickelte Lösungen nach Projektabschluss eigenständig zu verwalten, zu pflegen und zu verwenden. Hierzu sind insbesondere Workshops und Trainings ein Mittel der Wahl. Auf die Definition von entsprechenden Inhalten und die Durchführung der Veranstaltungen sind Berater spezialisiert und auch besonders dafür geeignet, da sie intensiv bei der Leistungserstellung der jeweiligen Lösung mitgewirkt haben.

ITM: Was zeichnet einen guten IT-Berater/-Dienstleister im Bereich „Industrie 4.0/IoT“ letztlich aus? Worauf sollten Mittelständler achten, wenn sie sich entsprechende Hilfe suchen?
Wachs:
Das Thema „Industrie 4.0“ wird von vielen Dienstleistern als Schlagwort aufgegriffen. Die hohen Anforderungen der Industrie 4.0-/IoT-Projekte erfordern von der Beratung die Bündelung verschiedener Expertisen aus unterschiedlichen Bereichen – kann der Berater glaubhaft aufzeigen, dass sowohl Prozesskompetenz, Automatisierungs-, PLM-, ERP-Know-how vorhanden sowie IT-Umsetzungskompetenz vorhanden sind? Hierbei ist vor allem auf entsprechende Referenzen von bereits erfolgreich abgeschlossenen IoT-Projekten zu achten.

ITM: Wodurch kann die Qualität von Beratungsleistungen auf jenem Gebiet abgesichert werden? Gibt es so etwas wie ein Industrie-4.0-Gütesiegel für IT-Berater/-Dienstleister?
Wachs:
Gute Beratungen sind in ihrer Arbeit durch verständliche Dokumentation sowie durch klar umschriebene Lieferobjekte zu definierten Zeitpunkten transparent. Gerade agile Projekte bieten frühzeitig vorzeigbare, verständliche Ergebnisse, die dann weiter verfeinert werden können – auch Konzepte kann man „verproben“ und damit die Qualität transparent machen.

Bildquelle: Bearingpoint

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