23.10.2017 Qualität systematisch absichern

Gütesiegel für IT-Beratung?

Von: Lea Sommerhäuser

„Die Qualität der Beratungsleistungen kann bisher nicht systematisch abgesichert werden“, berichtet Harald Stricker, Partner der Msg Industry Advisors AG. „Und ehrlich gesagt, kann ich mir auf Sicht auch keine aussagekräftigen Gütesiegel in diesem Feld vorstellen.“

Harald Stricker, Partner der Msg Industry Advisors AG

„Der Mittelstand ist größtenteils spät in die Themen um Digitalisierung und Industrie 4.0 eingestiegen“, weiß Harald Stricker, Partner der Msg Industry Advisors AG.

ITM: Herr Stricker, welchen Stellenwert besitzt Industrie-4.0-Beratung im Mittelstand? Inwieweit benötigen mittelständische Unternehmen überhaupt konkrete Beratung in diesem Bereich?
Harald Stricker:
Der Mittelstand ist größtenteils spät in die Themen um Digitalisierung und Industrie 4.0 eingestiegen. Dies liegt zum einen daran, dass lange nicht wirklich sichtbar war, in welchen Konzepten Mehrwerte liegen. Konstrukte wie die Smart Factory mit ihren intelligenten Cyber-Physical-Systemen waren für den Mittelstand zu theoretisch, zu teuer und zu wenig erprobt. Die mittelständische Industrie ist darauf angewiesen, dass sich Investitionen schnell rechnen. Geld für Experimente ist in der Regel nicht vorhanden. Auch ist darauf zu achten, dass für die meisten Mittelständlern ein sogenanntes „Brownfield“ vorherrscht: Das heißt, die Werkshallen sind bereits mit Maschinen und IT verschiedenster Altersstufen und technischer Möglichkeiten bestückt, so dass man nicht einfach ein Wunschszenario umsetzen kann. Es ist also eher von evolutionären Ansätzen als von Revolutionen auszugehen, so dass die Beratung in der mittelständischen Industrie vor allem mit begrenzten, pragmatischen und smarten Anwendungsfällen Nutzen schafft.

ITM: Wie setzen Sie als IT-Berater/-Dienstleister hier an? Wie ist Ihre Vorgehensweise?
Stricker:
In unserer Vorgehensweise geht es erst einmal darum zu verstehen, welche Voraussetzungen für Digitalisierungsansätze bestehen. Und wir wollen – und müssen – das Geschäftsmodell des Unternehmens im Detail verstehen. Darauf aufbauend kann dann das heutige Geschäftsmodell untersucht werden: Wie ist die Reife im Hinblick auf die Digitalisierung? Welche Schwächen bestehen? Wo können neue „digital players“ das Unternehmen angreifen? Danach erarbeiten wir gemeinsam mit dem Kunden und weiteren Experten Innovationen – häufig in Form von Workshops in einem der Labs der Msg-Gruppe. Wir überlegen dann, wie das Geschäftsmodell durch digitale Technologien und Prozesse so geändert oder angepasst werden kann, dass sich neue Felder erschließen oder neue Produkte und Services entwickeln lassen. Darüber versuchen wir auch Ansätze zu erarbeiten, um das Geschäftsmodell aktiv gegen Angriffe zu härten. In anderen Fällen geht es darum, bestehende und bekannte „Pain-Points“ anzugehen und mit neuen Technologien zu beseitigen. Hier kann ein Design-Thinking-Ansatz gut zum Tragen kommen, um die oftmals in den Prozessen liegenden Probleme anders zu bewerten und entsprechend auch andere Lösungen dafür zu finden. In beiden Fällen haben wir am Ende dieser Prozesse einen sehr genauen Zielstatus der Geschäftsmodelle des Unternehmens und auch eine recht klare Vorstellung über den Weg dahin.

ITM: Mit welchen Methoden und Tools lassen sich die Prozesse, Anlagen- und Automatisierungstechnik sowie IT- und Kommunikationskonzepte eines Mittelständlers in Hinblick auf „Industrie 4.0 und IoT“ analysieren und die technische Machbarkeit sowie Wirtschaftlichkeit bewerten?
Stricker:
Der Dokumentation der Systemlandschaft kommt eine große Bedeutung zu. Sehr häufig finden wir gewachsene und komplexe Systemlandschaften vor, die schlecht oder gar nicht dokumentiert sind. Und kaum einer blickt noch durch, was über die Jahre entstanden ist. Dann geht es darum, die bestehende IT-Landschaft, die vielen Systeme und Versionen überhaupt erst festzustellen. Dies erfolgt in der Regel auch durch spezielle Tools zur Inventarisierung der installierten Software. Zusammen mit dem zuvor erarbeiteten Zielstatus kann nun eine Fit-Gap-Analyse der betroffenen Prozesse und IT-Systeme erfolgen. Daraus wird eine Aktionsplanung abgeleitet, die dann wieder Basis für eine Kosten- und ROI-Betrachtung ist.

ITM: Worin bestehen die Herausforderungen bei der Entwicklung eines entsprechenden Konzepts sowie der Implementierungs-Roadmap?
Stricker:
Wir erleben häufig, dass die Euphorie aus der Innovations- und Designphase schnell abnimmt, wenn man in die Umsetzungsplanung einsteigt und sich mit den ganzen komplizierten Altlasten auseinandersetzen muss. An diesem Punkt, wenn die Realität einen einholt, ist es sehr wichtig, einen langen Atem zu haben und einen starken Sponsor im Management, der den Wandel unterstützt und vorantreibt. Oftmals ist es besser, diesen Weg in kleinen Schritten zu gehen und Änderungen Stück für Stück umzusetzen, kleine Erfolge zu schaffen, die dazu motivieren, diesen Marathon weiterzulaufen.

ITM: Wann reicht ein „pauschales Konzept“, wann ist eine „individuelle Strategie“ nötig?
Stricker:
Pauschale Konzepte reichen nie. Alle Unternehmen sind unterschiedlich aufgestellt, haben unterschiedliche Strukturen, Teams, Geschäftsmodelle, stark abweichende digitale Reifegrade. Ich habe noch nie eine Situation erlebt, in der man ein pauschales Konzept umsetzen hätte können. Was dagegen sehr nützlich ist, sind Best Practices – wenn man diese mit Bedacht nutzt, lässt sich eine individuelle Umsetzung schneller und sicherer planen.

ITM: Wodurch kann die Qualität von Beratungsleistungen auf jenem Gebiet abgesichert werden? Gibt es so etwas wie ein Industrie-4.0-Gütesiegel für IT-Berater/-Dienstleister?
Stricker:
Die Qualität der Beratungsleistungen kann bisher nicht systematisch abgesichert werden. Und ehrlich gesagt, kann ich mir auf Sicht auch keine aussagekräftigen Gütesiegel in diesem Feld vorstellen. Man sollte als Kunde darauf achten, dass die Berater über nachweisbare technische und industriespezifische Erfahrung sowie aussagekräftige Referenzen verfügen. Aber da sollte man gerade die mittelständischen Unternehmen auch nicht unterschätzen – nach meiner Erfahrung haben sie schon durchaus Kompetenz darin, den richtigen Partner auszuwählen.

Bildquelle: Msg Industry Advisors

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