26.10.2017 Sicht von außen bringt Digitalisierungswissen

IT-Beratung: ja oder nein?

Von: Lea Sommerhäuser

Die „richtige“ Sicht von außen bringt detailliertes Wissen über Digitalisierung, über moderne IT-Konzepte und Technologien sowie den Weitblick über Marktveränderungen. „Daraus lassen sich konkrete und machbare Maßnahmen ableiten, die einem Unternehmen helfen, auch in Zukunft erfolgreich zu sein“, so Thomas Widmann, Gründer und Geschäftsführer der Widasconcepts GmbH, im Interview.

Thomas Widmann, Gründer und Geschäftsführer der Widasconcepts GmbH

„Digitalisierung macht Mitarbeiter nicht überflüssig, sondern verändert die Job-Profile“, betont Thomas Widmann, Gründer und Geschäftsführer der Widasconcepts GmbH.

ITM: Herr Widmann, inwieweit sind digitalisierte, automatisierte und vernetzte Prozesse bereits in mittelständischen Betrieben verankert?
Thomas Widmann:
Automatisierung fand bereits vor der Digitalisierung statt, wobei wir hier schon bei der Begriffsklärung sind. Automatisierung bedeutet, dass auf die Nutzung von IT-Systemen gesetzt wird, um beispielsweise Fertigungsprozesse zu planen und zu steuern. Ziele bei der Automatisierung sind die Optimierung von Durchlaufzeiten, Qualitätsverbesserungen, Kostenreduktion und vieles andere. Die Digitalisierung führt zu neuen Geschäftsmodellen, zu neuen Geschäftsbeziehungen und zu komplementären Geschäftsprozessen. So stellt sich beispielsweise für einen Hersteller von Gartenbewässerungen die Frage, welche zusätzliche Services er anbieten sollte, um das eigentliche Produkt, nämlich das Gartenbewässerungssystem, am Markt weiterhin attraktiv zu gestalten. Dass man nun heute an die Vernetzung in ein Ökosystem „Smart Home“ denkt, ist für manche vielleicht offensichtlich. Dadurch ändert sich für diesen Hersteller vieles, neben dem Produkt vor allem die Services und Prozesse.

ITM: Ist es nicht so, dass die Prozesse in den Produktionen schon recht lange automatisiert und vernetzt sind und dieser Tage aber als „Industrie 4.0“ gehypt werden?
Widmann:
Ja und Nein. Wie gesagt, Automatisierung findet schon länger statt, jedoch in den verschiedenen Branchen unterschiedlich stark ausgeprägt. Das „Hypen“ ist der Marketing-Industrie geschuldet, wo alles, was Automatisierung ist, bereits als Digitalisierung herausgestellt wird. Industrie 4.0 zielt darauf ab, dass die vielen Daten im Unternehmen in mehr oder weniger Echtzeit analysiert werden, um daraus Vorhersagen zu generieren. Diese Vorhersagen werden direkt in den IT-Systemen verwendet, um entsprechende Aktionen auszulösen. Technisch gesprochen ist das IoT (Sensoren und Aktoren) die eine Seite der Medaille und Big Data die andere Seite.

ITM: Welchen Stellenwert besitzt demnach Industrie-4.0-Beratung im Mittelstand? Inwieweit benötigen mittelständische Unternehmen überhaupt konkrete Beratung in diesem Bereich?
Widmann:
Die Digitalisierung ist manchmal disruptiv. Im Grunde geht es für Unternehmen um folgende Fragen: Mache ich mich mit meinem Produktsortiment zukünftig noch Geschäft? Wenn ja: Mit wem mache ich das Geschäft? Die „richtige“ Sicht von außen bringt detailliertes Wissen über Digitalisierung, über moderne IT-Konzepte und Technologien sowie den Weitblick über Marktveränderungen. Daraus lassen sich konkrete und machbare Maßnahmen ableiten, die einem Unternehmen helfen, auch in Zukunft erfolgreich zu sein.

ITM: Wie setzen Sie als IT-Berater/-Dienstleister hier an? Wie ist Ihre Vorgehensweise?
Widmann:
Wir bringen viel Erfahrung im Bereich IoT und Big Data mit, wissen was funktioniert und was nicht. Bei der Digitalisierung geht es immer um die Marktpositionierung, wo wir in Zusammenarbeit mit der Unternehmensleitung Szenarien entwickeln, um Digitalisierungsoptionen zu erkennen. Im nächsten Schritt werden diese in Use Cases Schritt für Schritt in einem MVP-Vorgehen (Minimal Viable Product) umgesetzt. Damit kann rasch das Kunden-Feedback einbezogen werden, denn die Kundenerfahrung ist der Schlüssel.

ITM: Mit welchen Methoden und Tools lassen sich die Prozesse, Anlagen- und Automatisierungstechnik sowie IT- und Kommunikationskonzepte eines Mittelständlers in Hinblick auf „Industrie 4.0 und IoT“ analysieren und die technische Machbarkeit sowie Wirtschaftlichkeit bewerten?
Widmann:
Mit der Digitalisierung verfolgen wir insgesamt einen holistischen Ansatz, wo die Customer Experience / User Experience im Vordergrund steht. Die „intelligente Produktion“, „verbesserte Kunden-Services“ oder „neue Geschäftsmodelle“ sind in der Regel wirtschaftlich notwendig. Die Maßnahmen sind heterogen und neuartig. Aus dem Grund kennen wir keine standardisierten Methoden und Tools. Das genannte MVP-Vorgehen gibt jedoch rasch eine Rückkopplung hinsichtlich der gewünschten Zielerreichung und der Wirtschaftlichkeit.

ITM: Worin bestehen die Herausforderungen bei der Entwicklung eines entsprechenden Konzepts sowie der Implementierungs-Roadmap?
Widmann:

• Management Attention und
• die Identifizierung von Digitalisierungsmaßnahmen, die Kunden-Services verbessern oder zu neuen Geschäftsmodelle führen.

ITM: Wann reicht ein „pauschales Konzept“, wann ist eine „individuelle Strategie“ nötig?
Widmann:
Eine individuelle Strategie ist immer nötig. Die Implementierung der Strategie über standardisierte Konzepte und Lösungen ist dabei zu berücksichtigen. Schließlich geht es aus IT-Sicht auch hier um die Fertigungstiefe. Commodity-Software, wie Mail-Services, Office oder Finanzbuchhaltung und zahlreiche weiterer Produkte, gibt es ready-to-use bereits in der Cloud. Digitalisierung z.B. braucht Customer Identity Management – mit unserem Cloud-Service „cidaas“ weiß man diese Aufgabe in besten Händen. Für kundenindividuelle Anforderungen und Use Cases, vor allem wenn wir uns auf Wettbewerbsvorteile konzentrieren, sind individuelle Lösungen besser. Über ein CRM oder ein ERP kann man sich nicht differenzieren vom Wettbewerb, über einen passenden personalisierten Service rund um das Produkt jedoch schon.

ITM: Mit welchem Aufwand (zeitlich, personell, finanziell) ist die schrittweise Einführung von Industrie-4.0-Prozessen in eine gewachsene IT-Umgebung verbunden?
Widmann:
Wir empfehlen einen use-case-basierten Ansatz, den wir über ein MVP-Vorgehen umsetzen. Ziel muss es sein, in spätestens drei Monaten Ergebnisse zu erzielen, die die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens erkennen lassen.

ITM: Welche Rolle spielen die Mitarbeiter auf dieser „digitalen Reise“ eines Unternehmens?
Widmann:
Je nach Use Case sind Mitarbeiter in unterschiedlichen Funktionen involviert, deren Erfahrung und Wissen ist sehr wichtig für diese innovativen Maßnahmen. Digitalisierung macht Mitarbeiter nicht überflüssig, sondern verändert die Job-Profile.

ITM: Welche Aufgaben kommen nach Einführung/Implementierung von Industrie-4.0-Prozessen auf den IT-Berater/-Dienstleister zu?
Widmann:
Die Standortbestimmung und die ersten zwei bis drei Use Cases sorgen für viel Know-how-Transfer. Der Beratungsaufwand wird dann deutlich geringer und die Ideen und Konzepte werden im eigenen Haus wachsen. Als IT-Dienstleister bleibt man als Entwicklungspartner in einer langfristigen Partnerschaft.

ITM: Was zeichnet einen guten IT-Berater/-Dienstleister im Bereich „Industrie 4.0/IoT“ letztlich aus? Worauf sollten Mittelständler achten, wenn sie sich entsprechende Hilfe suchen?
Widmann:
Grundsätzlich wird ja immer gesagt, dass „Erfahrung“ und „Referenzen“ das A und O sind. Ich persönlich finde das zwar auch gut, aber wie soll jemand bei Industrie 4.0 zehn Jahre Erfahrung mitbringen? Es sollte eher darum gehen, wie visionär ein IT-Dienstleister sich in ein Unternehmen/eine Branche hineinversetzen kann, um ein guter Sparrings-Partner beim Thema Digitalisierung zu sein.

ITM: Wodurch kann die Qualität von Beratungsleistungen auf jenem Gebiet abgesichert werden? Gibt es so etwas wie ein Industrie-4.0-Gütesiegel für IT-Berater/-Dienstleister?
Widmann:
Entsprechend anerkannte Zertifikate zu Industrie 4.0 oder Digitalisierung sind mir nicht bekannt. Die Qualität der Arbeit bzw. der Ergebnisse sollte von den Unternehmen individuell geprüft werden. Mit einem agilen Vorgehen kann dies einfach erreicht werden.

Bildquelle: Widasconcepts

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