17.10.2017 Unüberschaubarer IoT-Markt

Mittelständler brauchen unabhängige IT-Beratung

Von: Lea Sommerhäuser

„Gerade Mittelständler brauchen eine unabhängige Beratung. Einerseits, um effizient eine maßgeschneiderte digitale Strategie zu entwickeln“, so Konstantin Böhm, Geschäftsführer der Ancud IT-Beratung GmbH, im Interview. „Andererseits, um in einem unüberschaubaren, sich schnell veränderlichen Markt geeignete Lösungen zu finden.“

Konstantin Böhm, Geschäftsführer der Ancud IT-Beratung GmbH

„Die Industrie-4.0-Einführung ist ein längerer Prozess, der verlässliche Begleitung erfordert“, so Konstantin Böhm, Geschäftsführer der Ancud IT-Beratung GmbH.

ITM: Herr Böhm, inwieweit sind digitalisierte, automatisierte und vernetzte Prozesse bereits in mittelständischen Betrieben verankert?
Konstantin Böhm:
Leider hält sich ein Großteil des Mittelstands noch zurück, eine durchgehende Digitalisierung wichtiger Prozesse umzusetzen. Das liegt einerseits daran, dass es noch zu wenig kostengünstige, einfach anwendbare Lösungen gibt, und andererseits, dass besonders der Mittelstand Probleme hat, innovative IT-Fachkräfte zu bekommen.

ITM: Ist es nicht so, dass die Prozesse in den Produktionen schon recht lange automatisiert und vernetzt sind und dieser Tage aber als „Industrie 4.0“ gehypt werden?
Böhm:
Ja, es gibt gerade in der Fertigung schon eine lange Automatisierungstradition. Die Technologie ist aber oft an Maschinen und deren Hersteller gebunden, damit proprietär und teuer, zudem sehr unterschiedlich und schlecht vernetzbar. Für Industrie 4.0 braucht es übergreifende, unabhängige Eigenkompetenz, die erst aufgebaut werden muss.

ITM: Welchen Stellenwert besitzt demnach Industrie-4.0-Beratung im Mittelstand? Inwieweit benötigen mittelständische Unternehmen überhaupt konkrete Beratung in diesem Bereich?
Böhm:
Gerade Mittelständler brauchen eine unabhängige Beratung. Einerseits, um effizient eine maßgeschneiderte digitale Strategie zu entwickeln, andererseits, um in einem unüberschaubaren, sich schnell veränderlichen Markt geeignete Lösungen zu finden, und zuletzt – ganz wichtig – um eine eigene Digitalkompetenz aufzubauen. Erst aus der Kombination von Digital- und Branchenwissen kann ein Unternehmen seine Wettbewerbsstrategie aufbauen.

ITM: Wie setzen Sie als IT-Berater/-Dienstleister hier an? Wie ist Ihre Vorgehensweise?
Böhm:
In der Regel haben wir bei unseren Kunden Innovatoren als Partner. Diese Leute haben die Herausforderungen früher erkannt oder einfach etwas mehr Zeit, sich darum zu kümmern. Mit den Pionieren erarbeiten wir beim Kunden eine stufenweise Digitalisierungsstrategie, die mit kleinen, positiven ersten Schritten im Unternehmen für Akzeptanz sorgt. Mittelständler sind sehr pragmatisch und wollen sehen, dass „die Sache was bringt“. Erfolgreiche Piloten schaffen Akzeptanz und bauen Ängste ab. Digitalisierung bedeutet ja oft auch Jobabbau. Veränderung führt oft zu Machtverschiebungen und so auch Bedeutungsverlust. Wir erleben deshalb immer wieder Widerstand bei Projekten.

ITM: Worin bestehen die Herausforderungen bei der Entwicklung eines entsprechenden Konzepts sowie der Implementierungs-Roadmap?
Böhm:
Herausforderungen liegen einerseits in den technischen Gegebenheiten vor Ort wie auch bei immer wiederkehrenden Anbindungsproblemen. Andererseits muss ein Konzept Fragen der Unternehmensentwicklung sowie der Zukunft der Mitarbeiter berücksichtigen. Gerade verteilte Zuständigkeiten, auch Abhängigkeiten von Maschinenherstellern, bieten reichlich Ursache für Verzögerungen bis zu bewusster Blockade.

ITM: Wann reicht ein „pauschales Konzept“, wann ist eine „individuelle Strategie“ nötig?
Böhm:
Grundsätzlich gilt, je stärker der zu digitalisierende Prozess mit vorhandener Infrastruktur verbunden ist, umso mehr individuelle Ansätze sind zu leisten. Auch wenn der Prozess im Zentrum der Wertschöpfung steht, sind meist individuelle Strategien sinnvoll, weil sie eben die künftige Geschäftsidee abbilden. Neue Themen oder wenig abhängige Prozesse können sehr gut mit Standardkonzepten angegangen werden. Moderne Industrie-4.0-Software erlaubt aber ein einfaches „Nachkonfigurieren“ von Prozessen durch die Akteure selbst.

ITM: Mit welchem Aufwand (zeitlich, personell, finanziell) ist die schrittweise Einführung von Industrie-4.0-Prozessen in eine gewachsene IT-Umgebung verbunden?
Böhm:
Das hängt sehr vom eingesetzten Framework ab und natürlich von der spezifischen Aufgabe. Zunehmend entstehen derzeit moderne Industrie-4.0-Lösungen, bei denen die Fertigungsingenieure selbst Prozesse realisieren oder modifizieren können. Das ist für den Mittelstand der entscheidende Innovationsschritt, der künftig eigenverantwortliche, kostengünstige Digitalisierung ermöglichen wird.

ITM: Welche Rolle spielen die Mitarbeiter auf dieser „digitalen Reise“ eines Unternehmens?
Böhm:
Mitarbeiter sind der Schlüssel. Ohne überzeugende Antworten für die Mitarbeiter und deren aktive Einbindung in Veränderungen wird Digitalisierung nicht gelingen. Eingebundene Mitarbeiter bringen Prozesswissen und tiefe Kreativität ein. Damit sind sie wesentlich bei der digitalen Neuerfindung eines Unternehmens.

ITM: Welche Aufgaben kommen nach Einführung/Implementierung von Industrie-4.0-Prozessen auf den IT-Berater/-Dienstleister zu?
Böhm:
Die Industrie-4.0-Einführung ist ein längerer Prozess, der verlässliche Begleitung erfordert. Je nach Voraussetzungen braucht es viel technischen Wissenstransfer, aber auch Mindset-Entwicklung von Mitarbeitern bzw. den Fertigungsverantwortlichen. Wichtig sind auch Vermittlung und Kooperation zwischen verschiedenen Bereichen. Das muss in Trainings und Workshops organisiert werden. Neue Technologien und Frameworks müssen sauber unterstützt werden. Das kann oft nur durch externe Dienstleister geleistet werden. Auch der Hersteller einer Lösung alleine kann nicht ausreichend die lokalen Verhältnisse berücksichtigen. Begleitung, Support durch Integratoren vor Ort sind daher wichtig.

ITM: Was zeichnet einen guten IT-Berater/-Dienstleister im Bereich „Industrie 4.0/IoT“ letztlich aus? Worauf sollten Mittelständler achten, wenn sie sich entsprechende Hilfe suchen?
Böhm:
Ein guter Berater sollte zuhören können und auf das Unternehmen eingehen. Zudem hat er Kenntnisse über verschiedene Frameworks und Technologien, die er auch fair und nachvollziehbar berät. Die Entscheidung für eine Lösung sollte zum Unternehmen passen, nicht nur zur Partnerstrategie des Beraters. Auch sollte er eigene Kräfte im Unternehmen fördern und sich nicht unersetzbar machen. Darüber hinaus hilft er mit, die Belegschaft einzubinden und die Chancen der Digitalisierung solide zu vermitteln.

ITM: Wodurch kann die Qualität von Beratungsleistungen auf jenem Gebiet abgesichert werden? Gibt es so etwas wie ein Industrie-4.0-Gütesiegel für IT-Berater/-Dienstleister?
Böhm:
Die Qualität eines Beraters lässt sich teilweise aus den Referenzen ermitteln, die man ruhig genauer hinterfragen sollte oder indem man sogar um Kontakte bittet. Ein anderes Indiz ist die Mitgliedschaft des Beraters in einschlägigen Netzwerken und deren Aktivität. Die Gütesiegelidee macht Sinn, mir fallen verschiedene Netzwerke ein, die das anbieten könnten. Der ASQF plant beispielsweise ein Qualitätszertifikat für Industrial IOT.

Bildquelle: Ancud IT-Beratung

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