30.10.2017 Das vernetzte Auto – ein Milliarden-Markt?

Autonome Fahrzeuge: Technik vs. Datenschutz

Von: Kathrin Zieblo

Die Entwicklung von vernetzten und selbstfahrenden Autos nimmt immer weiter Fahrt auf. Die verbauten Systeme werden komplexer und die Zahl der automatisierten Funktionen wächst. Möglich wird dies aber nur mit einer besonders großen Menge an Daten, die gesammelt, verarbeitet und mit der Umwelt geteilt werden.

Autonome Fahrzeuge: Technik vs. Datenschutz

Das Angebot an Car-Services wächst, doch stehen diese auch im Einklang mit aktuellen Datenschutzbestimmungen?

Studien belegen, dass die große Mehrheit (90 Prozent) der Verkehrsunfälle durch menschliches Fehlverhalten verursacht wird. Intelligent vernetzte und autonome Fahrzeuge sollen den Straßenverkehr sicherer machen. Autos, die selbstständig fahren und dabei untereinander kommunizieren, sollen das Unfallrisiko erheblich senken. Gleichzeitig soll Autofahren insgesamt umweltfreundlicher werden, weil sich Wegstrecken dank Echtzeit-Navigation effizienter zurücklegen lassen und dadurch der Spritverbrauch sinkt. Die schon heute im Einsatz befindlichen Fahrassistenz- und Sicherheitssysteme – wie Abstands-, Geschwindigkeits- und Müdigkeitswarner sowie Spurhalte- oder Notbremsunterstützung – tragen ihren Teil bereits dazu bei und sorgen neben mehr Komfort vor allem für eine Entlastung des Fahrers. Basis dieser Systeme bildet moderne Sensorik mit Kamera-, Radar-, Laser- und Ultraschall-Technologie, die kontinuierlich die Umgebung abscannt und die aufgenommenen Daten verarbeitet. Autofahrer sind in diesem Zusammenhang vor allem an praktischen Informationen interessiert, etwa an Hinweisen zum Fahrstil, um Sprit zu sparen, Echtzeit-Navigation oder der Parkplatzsuche. Darüber hinaus belegt das Automobilbarometer 2016, herausgegeben von der Commerz Finanz GmbH, dass Interesse an Diensten besteht, die das Fahrzeug sowohl für Insassen als auch andere Verkehrsteilnehmer sicherer machen. Dazu zählt etwa die Warnung vor Fußgängern, Fahrradfahrern oder allgemeinen Hindernissen auf der Straße. Um Pannen zu verhindern, wünschen sich Verbraucher intelligente Wartungssysteme, die den Zustand unter der Motorhaube analysieren. Immerhin jeder zweite deutsche Umfrageteilnehmer gibt an, dass er für diesen Service einen höheren Anschaffungspreis in Kauf nehmen würde. Fraglich ist jedoch, ob diese Vielzahl an aufleuchtenden und piependen Alarmen die Aufmerksamkeit und Konzentration des Fahrers fördert. Oder, ob nicht eine Art Überforderung entsteht, wenn sich die Ursache nicht auf den ersten Blick erkennen lässt.

Aus Sicht der Autobauer und (dank) der technologischen Möglichkeiten im Rahmen der Digitalisierung lag es daher nahe, in der Entwicklung noch einen Schritt weiterzudenken und computer-gesteuerten Lösungen, derzeit zumindest teilweise, das Beschleunigen, Bremsen, Lenken und Überholen zu überlassen. Und alles deutet darauf hin, dass vollständig selbstfahrende Fahrzeuge in naher Zukunft über die Straßen rollen werden. So hat die Bundesregierung bereits einen Maßnahmenplan beschlossen. Eine Ethik-Kommission hat erste Leitlinien für Fahrcomputer entwickelt, mit denen Deutschland international Vorreiter für Mobilität 4.0 bleiben will.

Die Auswirkungen sowohl auf die Automobilbranche als auch die Verbraucher sind weitreichend. Neue Wirtschaftsakteure mit zusätzlichen Geschäftsmodellen stehen in den Startlöchern. Denn die Autobauer sind nicht allein an dieser Entwicklung beteiligt, auch Zulieferer, Software- und Telekommunikationsunternehmen sowie Service- und Infotainment-Anbieter werden zukünftig eine eigene wachstumsstarke Industrie bilden, um die Car-to-X-Kommunikation voranzutreiben. Zukunftsszenarien sehen z.B. vor, dass die Straße Information über ihren Zustand übermittelt, der Parkplatz freie Kapazitäten meldet und Licht- und Ampelanlagen Auskunft über ihre Funktionstüchtigkeit geben.

Car-Service-Angebote wachsen

Die Vernetzung der Fahrzeuge untereinander sowie mit der Umwelt und die Nachfrage der Verbraucher nach unterstützenden Infotainment- und Connectivity-Angeboten sorgen dafür, dass der Markt für Connected-Car-Lösungen zu einem tragenden Wirtschaftsfaktor in der Automobilindustrie wird. Die Relevanz des Themas zeigt beispielsweise die Studie „Connected Car Innovation 2017“, im Auftrag von Cisco, auf: Über 50 Prozent aller Neuerungen der Automobilhersteller entfallen inzwischen auf den Bereich Connected Car. Demnach wurden im Erhebungszeitraum im Jahr 2016 insgesamt 621 Lösungen aus den Bereichen Telematik, Sicherheitssysteme, Bedien- und Anzeigenkonzepte sowie 300 Mobilitätsdienstleistungen erfasst.

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Längst hat eine Vielzahl an Akteuren erkannt, dass sich mit dem vernetzten Fahrzeug, das zur Kommunikationszentral zwischen Fahrer und Umgebung wird, viel Geld verdienen lässt. Der globale Markt der Connected-Car-Services wird von Statista für das Jahr 2017 auf ein Volumen von ca. 322 Mio. Euro beziffert. Mit einem Anteil von ca. 85 Prozent spielen hierbei Instandhaltungs- und Diagnosedienste eine zentrale Rolle. Für den europäischen Markt, der bei ca. 62 Mio. Euro Umsatz (2016) für diese Dienste liegt, wird für 2021 ein Umsatz von
715 Mio. Euro prognostiziert. Das entspricht einer Verzehnfachung in nur fünf Jahren.

Je mehr Unternehmen und Entwickler mit neuen Produkten und Ideen auf den Markt strömen, desto deutlicher wird, dass ein Alleingang nur selten zum Erfolg führt. Lange hat sich die deutsche Industrie gegen den Einstieg neuer Player gewährt. Hersteller haben vor allem Bedenken gegenüber Anwendungen, die sie nicht selbst entwickeln und somit nicht die volle Kontrolle über die Sicherheit besitzen. Inzwischen reift die Erkenntnis, dass es vor allem in Sachen Digitalisierungs-Know-how ohne Zusammenarbeit nicht möglich sein wird, am Markt zu bestehen. Start-ups wie auch große und kleine Unternehmen treten in einen Kooperationswettbewerb, um gemeinsam Technologien zu entwickeln und gegenseitig davon zu profitieren.

Doch auch abseits der technologischen Zusammenarbeit sind Partnerschaften denkbar: Erkennt die Elektronik im Auto, dass die Tankfüllung – oder zukünftig die Akkuladung – nicht bis zum Ziel ausreicht, wird in der Umgebung nach einer Tankstelle gesucht. Besteht nun z.B. eine Kooperation zwischen Navigationshersteller, Tankstellenbetreiber und vielleicht einer Café-Kette, wird mitunter nicht die nächstgelegene Tankstelle angezeigt, sondern jene, an der die jeweiligen Partner beteiligt sind. Ähnliches ist mit Reparaturservices vorstellbar: Da Autohersteller bekanntlich erst nach dem Autoverkauf verdienen – nämlich mit den regelmäßig anfallenden Wartungen – könnte das Navi den Fahrer direkt zur nächsten Vertragswerkstatt lotsen. Versorgt die Software parallel dazu die Werkstatt direkt mit den nötigen Informationen, sind die Mechaniker nicht nur auf den Besuch vorbereitet, sondern können sogar schon mögliche Ersatzteile bestellen.

Technik vs. Datenschutz

Eines wird bei der Betrachtung der verschiedenen Szenarien, die das vernetzte Fahrzeug möglich macht, deutlich: ohne Daten funktioniert das gesamte Konzept nicht. Es gibt Daten, die die Fahrzeugelektronik über die standardisierte On-Board-Diagnose-Schnittstelle selbst generiert und solche, die von den (nachträglich) verbauten Systemen oder verwendeten Diensten und Apps gesammelt werden. Dessen sind sich auch die Befragten des Automobilbarometers bewusst. Trotz der Aussage, dass sie gerne auf unterschiedliche intelligente Funktionen zurückgreifen würden, stehen 37 Prozent dem vernetzten Auto skeptisch gegenüber. Vor allem der Schutz individueller persönlicher Daten und die Sicherung der Privatsphäre ist eine der größten Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Nach konkreten Bedenken gefragt, ist das Interesse am Schutz der individuellen Daten in Deutschland mit 32 Prozent am stärksten ausgeprägt.

Die Debatte zum Thema Datenschutz wirft viele offene Fragen auf: „Wem gehören die Daten aus dem Fahrzeug und wer hat ein Anrecht darauf?“ und „Wer ist für die Sicherung und Wahrung der Daten überhaupt verantwortlich?“. Die gesamte Branche ist gefordert, ein Vertrauensverhältnis nicht nur in Sachen funktionierender Technologie zu schaffen, sondern auch aus datenschutzrechtlichen Gesichtspunkten. Denn die Erwartungshaltung der Kunden ist hoch und das Handlungsfeld der Industrie entsprechend deutlich. Ein transparenter Umgang mit Nutzerdaten wird ein entscheidendes Kaufkriterium und somit ein relevanter Wettbewerbsaspekt sein.


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