10.01.2018 Indoor-Digitalisierung

Der digitale Gebäudezwilling

Von: Lena Tausend

Gebäudebegehung per Mausklick, Kontrolle des Baufort-schritts aus der Ferne, virtuelle Besichtigung statt Immobilienexposé: Digitale Technik bietet der Bau- und Immobilienbranche ungeheure Vorteile. Doch was ist dafür nötig?

  • Gebäudebegehung per Mausklick

    Gebäudebegehung per Mausklick: Digitale Technik revolutioniert die Bau- und Immobilienbranche.

  • Indoor-Navigation für die Digitalisierung

    Ein virtueller Zwilling: Indoor-Navigation kann Innenräume effizient digitalisieren.

Hat das Fenster den richtigen Abstand zum Boden? Wurden die Sprinklerrohre korrekt angebracht? Hat die Trennwand die richtige Höhe? Um das zu überprüfen, ist heutzutage kein Vor-Ort-Besuch der Baustelle mehr nötig. Vielmehr können Architekten und Bauleiter digitale Technik nutzen, um effizienter und exakter zu arbeiten. Wie etwa mit der Lösung Indoor-Digitalisierung der Deutschen Telekom. Basis ist ein von dem Start-up Navvis entwickelter Trolley mit sechs hochauflösenden Kameras und drei Laser-Scannern. Nutzer – etwa Bauunternehmen, Architekten oder Immobilienverwalter – beauftragen einen Mitarbeiter der Telekom, den Trolley durch ihre Gebäude zu schieben und im Anschluss einen digitalen Zwilling zu erstellen.

Dies funktioniert wie folgt: Die Laser-Scanner erfassen die Geometrie des Raumes und erstellen eine 3D-Punktewolke, die hochauflösenden Kameras schießen Panorama-Aufnahmen. Zusätzlich dokumentieren Funksensoren, an welchen Stellen im Gebäude beispielsweise WLAN- oder Bluetooth-Zugangspunkte sind. Software-unterstützt entsteht auf diese Weise ein fotorealistisches Modell inklusive 3D-Daten des Raumes – ein digitaler Zwilling. Im Anschluss können Nutzer die Räume jederzeit und von jedem Ort virtuell per Webbrowser und mobiler App besichtigen oder sich durch die digitalisierten Innenräume navigieren lassen.

Besser digital

Was das bringt? „Überall dort, wo bisher zu papierbasierten Grundrissen oder Fotos gegriffen wurde, spielt Indoor-Digitalisierung ihre Stärken aus“, sagt Patrick Eberwein, verantwortlicher Start-up- und Partnermanager bei den Bonnern. „Denn mit den Trolleys lassen sich Raummaße und -eigenschaften schnell und effizient erheben; bis zu 3.000 Quadratmeter in der Stunde.“ Innerhalb eines Bau- oder Sanierungsprojekts seien die Abläufe dadurch zuverlässiger: Architekt, Bauleiter und die einzelnen Gewerke sehen gleichzeitig, wie die Baustelle aktuell aussieht.

Das hilft nicht nur bei Ausschreibungen, bei denen Bauherren statt seitenlanger Anforderungskataloge nun nur noch einen Link zum fotorealistischen Modell verschicken, sondern auch bei der Orientierung im Objekt. Da Anwender an bestimmten Points of Interest (POI) Zusatzinformationen in Form von Kommentaren, Video- oder Bilddateien hinterlegen können, erhalten Dienstleister und Zulieferer viel schneller einen präziseren Überblick über anstehende Aufgaben.

Und auch in der Vermarktung von Immobilien sind die virtuellen Einblicke ein Plus: Interessenten können die Räume aus der Ferne besichtigen. Makler erhöhen ihre Reichweite und verschaffen realistischere Eindrücke ihrer Objekte, anstatt bisher nur wenig aussagekräftige Fotos online zu stellen. Und dies auch sicher: Auf Basis der Navvis-Technologie wird ein Komplettpaket angeboten. Die Telekom übernimmt die Indoor-Scans mit den Trolleys und bearbeitet und speichert die Daten in der hauseigenen Cloud. „Besonders für deutsche Kunden ist eine sichere Datenspeicherung und -verarbeitung nach den strengen deutschen Datenschutzbestimmungen entscheidend“, sagt Patrick Eberwein.

Raum für Entwicklung

„Digitale Werkzeuge wie Indoor-Digitalisierung sind die Zukunft der Bau- und Immobilienbranche, da sich Planungskosten um bis zu 15 Prozent reduzieren lassen“, ist sich Eberwein sicher. Auch laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Roland Berger sind sie der Schlüssel zur Modernisierung der Bauindustrie. Die diese dringend nötig hat: Zwischen 2000 und 2011 ist die Produktivität in der Branche lediglich um 4,1 Prozent gestiegen, die der gesamten deutschen Wirtschaft jedoch um elf Prozent. Dabei können mithilfe der Digitalisierung laut der Studie wichtige Wettbewerbsvorteile gegenüber Konkurrenten erzielt werden. Wie? Indem sie dabei helfen, dass Bauvorhaben schneller fertig werden. Oder Unternehmen ihre Mitarbeiter zielgerichteter einsetzen und damit ihre Kosten reduzieren. Das erhöht unterm Strich ihre Effizienz – und damit ihre Produktivität.

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