05.09.2017 Herausforderungen Lebensmittellogistik

E-Commerce fordert Logistik heraus

Von: Kathrin Zieblo

Der Online-Handel erschließt zunehmend neue Warengruppen – immer häufiger werden hierzulande auch frische Lebensmittel zum Kunden nach Hause geliefert. Das wandelnde Konsumentenverhalten verändert nicht nur den Lebensmittelmarkt, sondern auch die Anforderungen an die Transport- und Logistikbranche.

Herausforderungen in der Lebensmittellogistik

Immer häufiger werden hierzulande frische Lebensmittel zum Kunden nach Hause geliefert. Das wandelnde Konsumentenverhalten verändert die Anforderungen an die Transport- und Logistikbranche.

Der E-Commerce befindet sich im Wandel: Vor nicht allzu langer Zeit bezogen Verbraucher online vorrangig Kleidung, Bücher und Kleinelektronik und stellten den stationären Handel damit vor die Herausforderung, in Sachen „Omnichannel” aktiv zu werden. Inzwischen rücken auch Lebensmittel inklusive schnell verderblicher und Tiefkühlprodukte in den Fokus von Kunden. Diese wollen dem Supermarkt vor Ort nicht komplett abschwören, gleichzeitig aber möglichst bequem und schnell an Waren gelangen. Egal, ob internationale Plattformen wie Amazon oder nationale Anbieter wie All you need fresh oder Bringmeister – alle reagieren sie auf die steigende Nachfrage und verändern mit den immer zahlreicher werdenden Angeboten die bisher bekannte Lebensmittelbranche. Um nicht völlig ins Abseits gedrängt zu werden, ziehen seit einiger Zeit nun auch Einzelhändler wie Edeka, Rewe, Lidl oder Kaufland nach und experimentieren in geografisch beschränkten Gebieten und Ballungszentren wie Berlin oder München mit unterschiedlichen (Liefer-)Services: So kann der Wocheneinkauf einfach und bequem online aufgegeben und zur gewünschten Zeit als fertig gepackte Tüten im Supermarkt oder in einer zentralen Abholstation – wie beispielsweise von Emmasbox – in Empfang genommen werden. Oder man lässt sich die gesamte Bestellung inklusive Leergutrückgabe gleich nach Hause liefern. Wer seinen Kühlschrank nicht für die ganze Woche füllen möchte, keine Ideen hat, was er kochen soll, oder einfach nicht gerne einkaufen geht, kann sich per Mausklick eine Kiste mit Rezepten und den passenden Zutaten z.B. von Hello Fresh, Kochzauber oder Marley Spoon vor die eigene Haustür liefern lassen.

Diese Entwicklung hat vor allem eine Folge: Die Verkehrssituation in deutschen Innenstädten wird aufgrund des stetig steigenden Paket- und Lieferaufkommens immer schwieriger. 2015 wurden hierzulande bereits mehr als 2,9 Milliarden Sendungen verschickt. Das waren 5,9 Prozent mehr als im Vorjahr, so die Ergebnisse der KEP-Studie 2016 (Kurier-, Express- und Paketbranche). Bis 2025 wird sogar eine Verdopplung der Sendungsmengen prognostiziert, wie Ingo Bertram von Hermes Europe zu berichten weiß. Das führt unweigerlich dazu, dass das Thema Personalmangel einen immer größeren Stellenwert in der Branche bekommen wird. Aus diesem Grund rät Stefan Gerats, Business Development Manager DACH bei Cipherlab: „Retailer im Lebensmitteleinzelhandel sollten über Kooperationen mit den immer stärker verbreiteten Lebensmittel- und Food-Lieferdiensten nachdenken, da ihre Kundenzielgruppen größtenteils übereinstimmen.“

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Produzenten, der (Einzel-)Handel und Logistikunternehmen sind gleichermaßen herausgefordert, neue Geschäftsmodelle ebenso wie effiziente und zum Wohle der Umwelt zugleich saubere Lieferkonzepte unter Berücksichtigung intelligenter Technologien, moderner Software sowie verschiedener Geräteklassen zu konzipieren. „Grundsätzlich werden bei Lebensmitteln, vor allem bei Gütern wie Tiefkühlkost, Obst und Gemüse, extrem hohe Anforderungen in punkto Sicherheit und Qualität gestellt“, macht Gerats deutlich. Dies wirkt sich auf alle Beteiligten etwa in Bezug auf die (Zwischen-)Lagerung, die notwendige Gebäude- und Fahrzeugausstattung und nicht zuletzt auch auf die einzelnen Mitarbeiter, die für eine pünktliche Zustellung verantwortlich sind, aus. Mit Blick auf die nicht wenigen Lebensmittelskandale in den vergangenen Jahren sind Transparenz sowie die lückenlose Dokumentation von Liefer- und Kühlkette besonders wichtige Aspekte. Mittels spezieller RFID-Tags mit Sensortechnik oder Funkchips lässt sich beispielsweise der Temperaturverlauf bestimmter Produkte permanent überwachen und auf Schwankungen reagieren.

Warentransporte optimieren

„Damit Produkte reibungslos und effizient an ihr Ziel gelangen, sollten sich Transport- und Logistikunternehmen vermehrt darauf konzentrieren, operative Prozesse zu verschlanken, die Routenplanung sinnvoll zu organisieren und vorhandene Transportkapazitäten optimal auszunutzen“, fasst Stefan Gerats den notwendigen Handlungsbedarf zusammen. Denn die Zukunft des Online-Verkaufs von Lebensmitteln ist abhängig vom Logistikkonzept und nur derjenige Händler, der seinen Kunden die besten und vor allem zuverlässigsten Services bietet, wird im Wettbewerb gewinnen. So kommt es, dass reine Online-Anbieter diverse Teilschritte des Warentransportes selbstständig organisieren. „Logistiker sollten sich deshalb nicht scheuen, selbst mit den vielen neuen Transportideen zu experimentieren. Zu warten, bis sich eine davon durchsetzt, ist angesichts des herrschenden Innovationstempos eher riskant“, schätzt Daniela Zimmer, Ressortleiterin E-Commerce der Internet World Business, die Situation ein.

Dazu gehört neben Alternativszenarien zur herkömmlichen Paketübergabe an den Kunden – wie beispielsweise die Kofferraumzustellung – auch der Einsatz moderner Devices. „In unseren Logistikcentern kommen Wearables wie z.B. Barcodescanner in Armbanduhrenoptik bei der Sortierung von Großstücken zum Einsatz und helfen dabei, sowohl Prozesse zu beschleunigen als auch den Arbeitsablauf für den einzelnen Mitarbeiter zu verbessern“, beschreibt Ingo Bertram. Zugleich betont Cipherlab-Manager Gerats, dass „sämtliche Arten von Scannern in den unterschiedlichen Anwendungsbereichen nahezu flächendeckend eingesetzt“ werden. „Das Angebot reicht von extrem robusten Geräten mit Touchscreen und Keyboard plus Pistolengriff für große Logistikzentren bis hin zu robusten, aber kleinen Touchgeräten für die Fahrer.“ Immer wieder werden als preiswerte Alternativen auch die Einsatzmöglichkeiten von Smartphones getestet, bisher haben sich diese jedoch als zu fragil erwiesen, so seine Meinung.

Ideen für die letzte Meile

Auch in Bezug auf die letzte Meile, also der Weg bis zur Haustür des Kunden, erproben Unternehmen alternative Zustellformen. Derzeit wird viel über die Machbarkeit der autonomen Zustellung – ob per eigenständig fahrenden Lkws und Transportern, Drohne oder kleinen Robotern – diskutiert. „Nahezu alle großen Logistikunternehmen experimentieren gerade mit der Belieferung per Drohne, von daher ist diese Zukunftsvision durchaus real“, glaubt Daniela Zimmer. In welcher Form – ob als reine Nischenanwendung z.B. zur Inselversorgung oder in ländlichen Regionen oder in der Großstadt –, da sind sich die Experten derzeit noch uneinig. Vor allem deshalb, weil „die Technik bis dato schlichtweg noch nicht ausgereift genug ist, um beispielsweise auch bei Regen, Eis, Wind oder Schnee eine reguläre Belieferung sicherzustellen“, argumentiert Ingo Bertram. Realistischer scheinen da schon Szenarien, in denen ein bodengestützter Lieferroboter zumindest als Unterstützung des Lieferanten im Fokus steht. Hermes hat mit Zustellrobotern von Starship bereits Tests in Hamburg und London durchgeführt – „gleichwohl handelt es sich aber auch dabei noch um frühe Prototypen. Für den bundesweiten Rollout bedarf es also in beiden Fällen noch einiger Entwicklung“, schildert Bertram.

Ein weiteres aktuelles Thema ist die Elektromobilität und dass nicht erst seit des möglichen Dieselfahrverbotes. Die Deutsche Post hat mit ihren rund 3.000 in Eigenregie gebauten Street-Scootern erste Erfolge erzielt. Bedingt durch den zunehmenden Verkehr in den Innenstädten sorgen solche Fahrzeuge für weniger Abgase in der Luft und aufgrund der geringen Geräuschemission könnten diese auch auf die späten Abendstunden ausweichen und somit für Entzerrung sorgen.

Um in Zeiten von gestiegenen Kundenerwartungen in Bezug auf Same- und Next-Day-Delivery-Angebote sowie dem Interesse am Lebensmittelversand sind Händler und Logistikdienstleister mehr denn je gefordert, mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten. In den kommenden Jahren wird sich Deutschland „wahrscheinlich noch stärker in eine Liefergesellschaft verwandeln, in der es für immer mehr Menschen ganz alltäglich ist, Waren zu empfangen – auch solche des alltäglichen Lebens, von Klopapier bis Marmelade“, veranschaulicht Ingo Bertram. Um diese Aufgabe erfolgreich zu meistern und dem Druck Stand zu halten, müssen Unternehmen in verschiedene Richtungen denken und das durch moderne Technologien gebotene Potential voll ausschöpfen. Fest steht, dass die „Logistik insgesamt sehr viel differenzierter wird und es für jeden geographischen Bereich optimierte Logistiklösungen geben wird“, resümiert Daniela Zimmer.


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