30.11.2017 Atomico-Report

Europa lebt, es hat 41 Einhörner

Von: Ingo Steinhaus

Die Kurven zeigen nach oben: immer mehr Finanzierungen, immer höhere Unternehmensbewertungen, immer größere Anteile der Techies an den Erwerbstätigen.

Ein Einhorn

42 dieser Einhörner leben in Europa

Europa liegt auf der geistigen Landkarte der Hightech-Jünger in der Nähe von Atlantis: Zwar noch sichtbar, aber schon im Untergang. Dass dieses Vorurteil nicht stimmt, zeigt die diesjährige Atomico-Studie „The State of European Tech“. Seit 2015 untersucht der Venture Capital Fund die europäische Digitalwirtschaft und Hightech-Szene.

Die Zahlen sprechen für sich: Investitionen in europäische Tech-Unternehmen erreichen 2017 mit 19 Milliarden US-Dollar einen neuen Rekord. Auch die Zahl der Einhörner mit einer Unternehmensbewertung von mindestens einer Milliarde Dollar ist gewachsen, um sieben Stück auf insgesamt 41 Milliarden-Firmen.

Darüber hinaus ist Europa das Eldorado der Talente: So gibt es hier inzwischen doppelt so viele Doktoranden in MINT-Fächern wie in den USA, die Anzahl der erwerbstätigen Technologie-Facharbeiter wächst in Europa dreimal so schnell wie die Anzahl aller Erwerbstätigen, und der Pool professioneller Entwickler verzeichnet einen 17-prozentigen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr.

Technologie für Unternehmen ist vorn in Europa

Auch in anderer Hinsicht ist die Entwicklung positiv, sodass Klagen über das Fehlen des europäischen Google oder Facebook in die Irre führen. Europa ist der Kontinent des „Deep Tech“, bei dem in erster Linie tiefgreifende Veränderungen in der Technologie für Unternehmen entwickelt werden, etwa Machine Learning oder Blockchain. Darüber hinaus entpuppt sich auch die traditionelle Industrie als Stärke für die Startup-Szene: 637 Finanzierungsrunden verzeichneten wenigstens einen Corporate Investor und etwa 20 Prozent des Risikokapitals in Europa stammt von Konzernen.

Langsam entsteht in Europa ein Tech-Ökosystem, das durch eine Kombination aus Technologie-Expertise und langjährigem Industriewissen geprägt ist. Ein Modell, das sich in der europäischen Finanzbranche bereits etabliert hat und sich nun auch zunehmend in Bereichen wie beispielsweise Gesundheitswesen, Logistik und Transport durchsetzt.

„Die Frage, ob Europa Innovationen der Weltklasse produzieren kann, stellt sich nicht mehr,“ betont Tom Wehmeier, Partner und Head of Research bei Atomico. „Zwar fehlt Europa noch in der Liste der zehn weltweit wertvollsten Unternehmen, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das nächste die Branche prägende Unternehmen aus Europa kommt – höher denn je.“

Auch das im Moment angesichts der vernachlässigten Digitalpolitik (cc Breitband) viel gescholtene Deutschland kommt in dem Atomico-Report gut weg. Immerhin landet es bei den Investments auf Platz zwei und bei der internationalen Migration in die Tech-Szene sogar auf Platz eins. Ebenfalls weit vor London und Paris liegen die Jahresgehälter (Medianwerte) von Softwareentwicklern in Berlin - kaum glaublich, aber in der Bundeshauptstadt verdienen sie laut Atomico knapp unter 60.000 Dollar.

Bildquelle: Thinkstock

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