21.11.2017 Ökotechnologie

Mit Protein-Bioreaktoren in die fleischlose Zukunft

Von: Ingo Steinhaus

Fleischkonsum steht in der Kritik: Unethisch, ungesund, unökologisch. Dutzende Startups sind auf der Suche nach Ersatz.

  • Burger aus Pflanzenprotein

    Burger aus Pflanzenprotein (Bildquelle: Impossible Foods)

  • Hähnchenbrust aus Laborfleisch

    Hähnchenbrust aus Laborfleisch (Bildquelle: Memphis Meats)

„Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“ - Der alte Marketing-Slogan stammt von 1967 und klingt heute nicht mehr so positiv wie damals. Der Fleischkonsum ist seit den sechziger Jahren enorm gestiegen, der Anteil an den Ausgaben der Verbraucher dagegen gesunken. Ein Beispiel aus der Wikipedia: Während 1950 in Deutschland ein Kilogramm Schweinefleisch 1,6 Prozent des monatlichen Nettoverdienstes kostete, waren es 2002 nur noch 0,28 Prozent. Bei einem angenommenen Durchschnittsnettolohn von 2200 Euro würde ein Kilo vom 1950er Schwein also etwa 35 Euro kosten.

Fleisch ist billig, doch es kommt der Gesellschaft laut Kritikern sehr teuer. So wirkt sich Fleischkonsum auf den Flächen- und Wasserverbrauch, die Emission von Treibhausgasen und die Fruchtbarkeit des landwirtschaftlich genutzten Bodens aus. Mehr als ein Drittel des weltweit angebauten Getreides gehen inzwischen in die Tierhaltung, in der EU sind es schon fast zwei Drittel. Darüber hinaus ist Billigfleisch häufig durch Antibiotika und andere Medikamente belastet, da die Produzenten vorbeugend Pharmazeutika geben.

Diese und andere problematische Fakten sind bereits seit Jahrzehnten bekannt, spätestens seit sich Naturschutzexperte Horst Stern Anfang der 1970er Jahre in seinen Fernsehsendungen mit den Folgen der Massentierhaltung auseinandergesetzt hat. Viele Leute ziehen daraus den Schluss, vollständig auf herkömmliches Schlachtfleisch als Proteinlieferanten zu verzichten. Denn es gibt noch andere Proteinspender als Schwein, Rind und Geflügel, beispielsweise pflanzliche wie Soja, tierische wie Insekten oder technologische wie Laborfleisch. Und es gibt Startups, die sich in genau diesen Bereichen bewegen.

In-Vitro-Fleisch aus Tierzellen und Pflanzenprotein

Ein Beispiel: Das 2015 gegründete US-Startup Memphis Meats arbeitet an Verfahren, aus einzelnen Tierzellen echtes Fleisch in Stücken oder Streifen zu züchten. Im März präsentierte das Unternehmen einigen Testessern künstliches, aber wohlschmeckendes Geflügelfleisch. Produktion von Laborfleisch ist noch sehr aufwendig und kostenintensiv, doch das Unternehmen arbeitet an der Optimierung der Verfahren. Dafür konnte es in diesem Sommer in einer weiteren Investitionsrunde 17 Millionen Dollar einsammeln, unter anderem von Bill Gates und Richard Branson sowie von Cargill, einem der größten Futtermittelhersteller der Welt.

Das Fernziel von Memphis Meats und anderen Laborfleisch-Startups wie MosaMeat (Niederlande) oder SuperMeat (Israel) ist der Aufbau von großen Fleischfarmen, in denen portionierte Fleischstücke innerhalb weniger Wochen in Bioreaktoren heranreifen und dann geerntet werden können. Der Vorteil gegenüber Schlachtfleisch: Einen sterilen Produktionsprozess vorausgesetzt, gibt es keine Probleme mit Krankheitserregern und auch nicht mit den Medikamenten zu ihrer Bekämpfung. Auch viele weitere Nachteile der Intensivproduktion von Schlachtfleisch fallen weg: Weniger Rohstoffbedarf, weniger Flächenverbrauch, keine Schlachtabfälle, keine umweltschädliche Gülle.

Diese Vorteile möchten auch einige Startups mit einem etwas anderen Lösungskonzept verwirklichen: Die drei US-Startups Impossible Foods, Beyond Meat und Modern Meadow produzieren Fleischstücke aus pflanzlichem Protein. Die Produkte der Startups werden in erster Linie für pflanzliche Burger eingesetzt, bei denen der Unterschied zum Fleisch nur dann deutlich wird, wenn man die Herkunft der „Patties“ kennt. Diese Erfolge haben auch Investoren überzeugt: Impossible Foods konnte sich im Sommer eine sechste Finanzierungsrunde mit 75 Millionen Dollar sichern, die Gesamtfinanzierung liegt bei mehr als 270 Millionen Dollar. 

Jenseits der Ekelschwelle: Proteinriegel aus Insekten

Pflanzliches oder gezüchtetes Ersatzfleisch ist aber nicht alles. Die Analysten von CB Insights beschreiben in einem Überblick über die „Labmeat“-Investorenszene eine ganze Reihe anderer Ansätze, die fleischlose Zukunft zu verwirklichen. Da gibt es Startups wie Soylent, die Nährlösungen anbieten, mit denen sich vollständige Mahlzeiten ersetzen lassen. Einige Hersteller setzen auf Ersatzprodukte wie etwa Proteine aus Bohnen und eine ganze Reihe von Unternehmen setzt auf Insekten, allerdings nicht in Naturform. In vielen Gesellschaften ist das Essen von Insekten verpönt, die Ekelschwelle sitzt hoch. So verkauft beispielsweise Exo Proteinriegel, die aus Insekten hergestellt werden. Andere Startups produzieren Proteinmehl aus Insekten als Grundstoff für verarbeitete Produkte, die dann teils auch in Riegelform angeboten werden.

Darüber hinaus gibt es dann auch Versuche, Fisch oder Meeresfrüchte aus Zellkulturen zu züchten, nahrungsmitteltaugliche Proteine aus Methan herzustellen, Bioreaktoren für Laborfleisch in Kleinform an Endanwender zu vermarkten und vieles mehr. Der Grund für diese vielen und teils exotisch wirkenden Aktivitäten ist recht simpel: Allein die fünf größten Fleischvermarkter (JBS, Tyson, Pilgrim‘s, Hormel, National Beef) machen pro Jahr weitaus mehr als 120 Milliarden US-Dollar Umsatz. Wem es gelingt, die ethischen, gesundheitlichen und ökologischen Probleme des Fleischkonsums zu lösen und trotzdem ein von den Konsumenten weltweit akzeptiertes „Fleisch“ herzustellen, kann sich ein Riesenstück dieses Umsatzkuchens abschneiden.

Bildquelle: Memphis Meats, Impossible Foods

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