26.10.2017 So fing alles an...

Paris 1667: Erstes Smart-City-Projekt?

Von: Lea Sommerhäuser

„In Paris wurde bereits im Jahr 1667 das erste Smart-City-Projekt umgesetzt“, so Andreas Zerlett, Sales Excellence Energy & Infrastructure / Smart City bei der Copa-Data GmbH. Wie dieses genau aussah, berichtet er im Interview.

Andreas Zerlett von der Copa-Data GmbH

„In Smart Cities sind die Funktionen einer Stadt geschickt miteinander vernetzt“, erklärt Andreas Zerlett von der Copa-Data GmbH.

Herr Zerlett, welchen Stellenwert hat das Thema „Smart City“ aktuell in Deutschland?
Andreas Zerlett:
Digitalisierung und Smart City gewinnen immer mehr an Bedeutung, was u.a. Millionen von Suchergebnissen unterstreichen, die man für Suchbegriffe zu diesen Themen bei Google erhält. Die Tatsache, dass bis zum Jahr 2050 gut zwei Drittel der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten leben wird, rückt das Thema „Smart City“ auch auf nationaler Ebene weiter in den Fokus. Immer mehr deutsche Städte beginnen mit der Umsetzung digitaler Projekte, wie beispielsweise die Vernetzung von Verkehrsleitsystemen. Studien belegen zudem, dass die Bedeutung stetig zunimmt (Der deutsche Smart City Markt 2017-2020). Wir beschäftigen uns beispielsweise bereits länger mit der digitalen Transformation und unterstützen Kunden mit individuellen Lösungsansätzen bei der Umsetzung smarter Projekte.

Wer oder was sind die Treiber von Smart-City-Projekten, wer oder was sind die „Bremser“?
Zerlett:
Global gesehen ist Deutschland in Bezug auf smarte Projekte noch Entwicklungsland. Der Bund treibt das Thema mit der Einführung von Vorgaben und Richtlinien für Städte und Kommunen voran und spricht Handlungsempfehlungen aus. Aktuell werden vor allem die E-Mobilität und die Energiewende forciert. Kommunen werden in die Verantwortung genommen, das Umdenken zu fördern. Gebremst werden smarte Projekte u.a. von Unternehmen, die, aufgrund fehlender Beispiele, mit der Umsetzung überfordert sind. Smart-City-Projekte benötigen einen interdisziplinären Denkansatz, der sich in vielen Unternehmen noch etablieren muss. Hierfür sind interne Umstrukturierungen notwendig, um diesen Ansatz zu verinnerlichen und umzusetzen.

Für welche (städtischen) Bereiche bzw. Handlungsfelder sind smarte Technologien überhaupt interessant? Welche Chancen und Möglichkeiten ergeben sich durch deren Einsatz?
Zerlett:
Mittlerweile gibt es kaum mehr eine Disziplin, für die smarte Technologien nicht interessant ist. Über alle Bereiche hinweg sollte die Chance genutzt werden, Einsparpotentiale zu erkennen und mit der Umsetzung von smarten Projekten zu beginnen, um Emissionen auf ein Mindestmaß zu reduzieren und damit ressourcenschonend zu agieren.

Wann darf sich eine Stadt als „smart“ bezeichnen? Was sind die Mindestanforderungen?
Zerlett:
Es gibt keine feststehende und strikte Definition, ab wann sich eine Stadt oder Kommune als smart bezeichnen darf. Daher gibt es auch keine Mindestanforderungen. In Paris beispielsweise wurde bereits im Jahr 1667 das erste Smart-City-Projekt umgesetzt. Damals führte König Ludwig XIV die Straßenbeleuchtung ein, nachdem Kriminelle und Ganoven nach Einbruch der Dunkelheit in den unbeleuchteten Straßen ihr Unwesen trieben. Er ließ über 2.700 Kerzen in Windlichtern in den 40 Vierteln der Stadt verteilen. Bei Anbruch der Dunkelheit ertönte der Klang einer Glocke – das Signal für die Bürger, die Kerzen zu entzünden. Die erste öffentliche Straßenbeleuchtung war erfunden und die Straßen von Paris wurden durch die gleichermaßen einfache und geniale Idee sicher. Dieses Beispiel veranschaulicht, dass durch Vernetzung große Wirkung erzielt werden kann. Durch den Anstieg der Menschen, die in städtischen Gebieten leben werden, ergeben sich völlig neue Herausforderungen, denn mehr Menschen benötigen mehr Energie. Der Ressourcenverbrauch erreicht neue Dimensionen. In einer Smart City sind die Funktionen einer Stadt geschickt miteinander vernetzt. Das heißt, dass sämtliche Daten erfasst und verarbeitet werden, z.B. die konsumierte Energie, der Wasserverbrauch oder die Auslastung von Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln.

Worin bestehen die (technischen) Herausforderungen bzw. Stolpersteine bei der Umsetzung von Smart-City-Projekten?
Zerlett:
Datenschutz ist in Deutschland ein sehr wichtiges Thema bei der Umsetzung von smarten Projekten. Kunden erwarten sichere Lösungsplattformen, die Cyberangriffen standhalten. Unser Software-System Zenon erfüllt beispielsweise diese Anforderungen und wird zudem voraussichtlich ab Ende 2017 IEC-62443-zertifiziert sein. Diesen Anspruch können aber bei weitem nicht alle Systeme erfüllen.

Ein Blick in die Praxis: Welche deutschen Städte sind konkrete Smart-City-Vorreiter und warum?
Zerlett:
Darmstadt wurde in diesem Jahr zur smartesten Stadt Deutschlands gekürt: Ab dem kommenden Jahr werden dort die Bereiche Verkehr, Energieversorgung, Schulen und das Gesundheitswesen mit neuesten digitalen Technologien ausgerüstet. Die öffentliche Verwaltung soll innovative Online-Anwendungen anbieten und der Handel intelligente Lieferdienste. Ein weiteres Beispiel ist Bietigheim-Bissingen mit einem sparsamen Ampelsystem. Dort wurden flächendeckend Zwei-Watt-Ampeln verbaut, um mittels den sparsamen LEDs den Energieverbrauch der Stadt spürbar zu senken. Zudem ist die Wartung dank IoT einfach: Über den internen Sensor überprüft die Ampel selbst ihre Leuchtkraft und fordert einen Techniker an, wenn eine der LEDs ausfällt.

Inwieweit werden die Einwohner einer Stadt in die Konzepte eingebunden?
Zerlett:
Städte stehen in den kommenden Jahren vor der Aufgabe, sowohl ansässige Wirtschaftsunternehmen als auch ihre Bürger von ihrer smarten Strategie zu begeistern. Die Herausforderung liegt u.a. darin, die ältere Bevölkerungsschicht „abzuholen“ und sie zum Mitmachen zu motivieren bzw. vom Nutzen zu überzeugen. Intelligente Ver- und Entsorgungskonzepte funktionieren nur dann, wenn die Einwohner einer Stadt eingebunden und zur Nutzung aufgefordert werden.

Wer hat letztlich das Sagen in den Smart Cities? Wer ist hier Herr über die Daten?
Zerlett:
Das wird die Zukunft zeigen. Das Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik wird sich in den kommenden Jahren mit dieser Thematik beschäftigen (müssen). Aufgrund des interdisziplinären Ansatzes wird sich die Verantwortung auf viele Instanzen verteilen.

Und wer sind die Verlierer?
Zerlett:
Verlieren werden nur diejenigen, die den Weg zur Smart City nicht beschreiten. Durch die Digitalisierung öffnen sich für alle neue Möglichkeiten und Chancen, die es zu ergreifen gilt.

Wie sieht Ihre persönliche Stadt der Zukunft aus?
Zerlett:
In Smart Cities sind die Funktionen einer Stadt geschickt miteinander vernetzt. Sämtliche Daten werden erfasst und verarbeitet. Beispielsweise die konsumierte Energie, der Wasserverbrauch, die Auslastung von Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln und vieles mehr. Die Daten werden durch intelligente Sensoren erfasst und in einer zentralen Plattform – beispielsweise einer Cloud-Infrastruktur – zum Archivieren oder Analysieren bereitgestellt. Damit können unterschiedliche Prozesse in der Stadt optimiert werden.

Bildquelle: Copa-Data

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