Marco Ehrhardt, Ehrhardt + Partner im Interview

Auf dem Weg zu Logistik 4.0

Interview mit Marco Ehrhardt, dem Geschäftsführenden Gesellschafter von Ehrhardt + Partner, zu den IT-Trends in Lagerwirtschaft und Logistik.

  • Marco Ehrhardt, Ehrhardt + Partner

    Marco Ehrhardt, Geschäftsführender Gesellschafter von Ehrhardt + Partner

  • Marco Ehrhardt, Ehrhardt + Partner

    Marco Ehrhardt: „Lager und Logistik längst untrennbar verbunden!“

Wie machen Unternehmen ihre Logistik fit für die vernetzte Zukunft? Und was bedeuten „Smart Logistics“ und Digitalisierung in diesem Zusammenhang? Solche Fragen beantworten die Logistikexperten von Ehrhardt + Partner – und bringen gleich die passende Software dazu mit. Verbesserungsansätze, etwa bei der Kommissio­nie­rung oder der Verteilung von Artikeln im Lager, werden schneller erkannt und können in die Gesamtlösung einbezogen werden. Weiterhin ist der Einsatz einer Emulation möglich, um diese Gesamtlösung bereits im Testsystem ohne die tatsächliche Technik zu überprüfen. International tätig, beschäftigt das 1987 gegründete Unternehmen heute an 15 Standorten mehr als 450 Mitarbeiter.

Herr Ehrhardt, die Themen Lager und Logistik sind kaum noch zu trennen. Welche Trends prägen heute das Zusammenspiel von Lagerhaltung und Logistik?
Marco Ehrhardt:
In der Tat sind Lager und Logistik längst untrennbar verbunden. Deshalb ist es auch so wichtig, diese beiden Themen gesamtheitlich zu betrachten – von der Planung über die Execution bis zum Controlling.

Oft heißt es nur: Wir lagern etwas ein, damit wir es – beispielsweise für die Produktion, den Verkauf oder die Reparatur – schnell zur Verfügung haben. Dabei vergisst man zwei Dinge: Erstens kostet gelagerte Ware jeden Tag Geld. Und zweitens ist schnell nur ein relativer Begriff. Entscheidend für die Wirtschaftlichkeit können ja schon wenige Prozent sein, die beim Lagerbestand, bei der Dauer einer Lagerentnahme oder beim Aufwand für die Zustellung gespart werden. Und jedes dieser Prozente spart deutlich Kosten.

Man lagert ja etwas ein, um es bei Bedarf wieder
aus dem Lager herauszuholen …
Ehrhardt:
Genau! Die Kosten für die reine Lagerhaltung an sich sind dabei relativ fest bestimmt, z.B. über Gebäude und Regale. Entscheidend für die Wirtschaftlichkeit ist ja, was davor und danach passiert: Wie kommt ein Produkt ins Lager und dort an die optimale Stelle? Und wie kommt es wieder heraus?

Hier kommt die Logistik ins Spiel. Sie bringt Ware zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort. Das kann der Kunde sein, aber auch eine Fabrik oder eine Werkstatt. Denn es wirkt sich ja auch auf das Lager aus, wie die Ware transportiert wird. Kommt beispielsweise ein LKW des Kunden und holt die Ware ab oder wird sie mit eigenen Transportmitteln nur an einen anderen Ort auf dem Firmengelände gebracht?

Wie kann moderne IT das nötige Zusammenspiel verbessern?
Ehrhardt:
Indem entsprechende Software die Lagerwirtschaft und Logistik übergreifend und integriert unterstützt, also die unterschied­lichen Prozesse vernünftig synchronisiert. Denn Lagerthemen wie Kommissionierung, Versand und Warenausgang müssen Hand in Hand mit Logistikthemen wie Materialfluss, Yard-Management, Tourenplanung oder Disposition geplant und gesteuert werden. Die physikalischen Eigenschaften von Ware und Verpackung gilt es mit der Gestaltung der logistischen Systeme sowie der Steuerung der darin ablaufenden logistischen Prozesse in Einklang zu bringen.

Die dafür nötige Funktionalität geht über das hinaus,
was der ERP-Standard liefert?
Ehrhardt:
Bei weitem. Wir reden heute von einem „Supply Chain Execution“-System – kurz SES. Unsere Software LFS unterstützt sowohl Lagerhaltung als auch Logistik und ist modular aufgebaut. Hier hinken die Hersteller von ERP-Systemen oftmals hinterher. Es gibt über das Angebot der Global Player hinaus natürlich auch noch viele weitere gute ERP-Systeme von mittelständischen, auch deutschen Herstellern; nur wenige haben aber ausgeprägte Stärken in Lager und Logistik.

Was meinen Sie damit?
Ehrhardt:
Dass interne und externe Logistik zu einer schlagkräftigen Einheit vereint werden – und zwar dynamisch. Dies geschieht, indem sämtliche Daten in Echtzeit ausgetauscht werden. Und zwar konform zu den unterschiedlichen Gepflogenheiten der diversen Branchen, sei es Elektronik, Chemie oder auch Automotive.

Gerne vergessen wird das Zusammenspiel zwischen manuellen und automatisierten Lager­bereichen, das vom SES optimiert wird. Oder denken Sie an wichtige Details wie den Druck von Versandetiketten  oder wie die Einbindung von Versanddienstleistern. Hier spielt eine „Supply Chain Execution“-Software ihre Stärken aus, während viele ERP-Systeme passen müssen.

Unser LFS vereint den Informationsaustausch zwischen Lager- und Transportseite, beispielsweise beim Tourenmanagement inklusive dynamischer Tourenplanung. Immer unter Berücksichtigung der aktuellen Situation im Lager und beim Empfänger, der optimalen Route auf der Straße und diversen Routenrestriktionen. So kann jederzeit und unmittelbar auf Veränderungen in der „Supply Chain“ reagiert werden.

Von allen Beteiligten, auch vom LKW-Fahrer?
Ehrhardt:
Gutes Beispiel. Für den Fahrer haben wir jetzt die Truck-Driver-App fertig gestellt. Sie unterstützt Lkw-Fahrer per Smartphone, von der Planung der Auftragsabwicklung bis zur Übergabe der Ware beim Kunden – und zwar ins LFS integriert. Der Fahrer wird Schritt für Schritt durch die verschiedenen Aktionen während seiner Tour geführt; gleichzeitig dokumentiert er den Fortschritt der Tour und all seiner Aufträge und meldet den Status in Echtzeit an LFS.

Welchen Einfluss hat hier der Megatrend der Digitalisierung
bzw. das „Internet of Things“?
Ehrhardt:
Sehr großen Einfluss. Vor allem das Cloud Computing wird immer wichtiger. Wir sind hier mit EPX sehr gut aufgestellt.

Was ist EPX?
Ehrhardt:
Unsere Tochterfirma Ehrhardt + Partner Xtended (EPX), die wir schon vor Jahren für unser Cloud-, Managed-Service- und Hosting­angebot gegründet haben. EPX unterstützt die Kunden durch Outsourcing beim Management und Betrieb des Lagerführungssystems LFS oder anderer Bestandteile der IT, wie ERP-Anwendungen oder Windows-Systeme. Damit wollen wir alle Anforderungen an das IT-Outsourcing in der Logistik abdecken, egal ob Teile der Lager­infrastruktur flexibilisiert, LFS-Anwendungen in der Cloud betrieben oder die komplette Serverinfrastruktur ausgelagert werden soll.

Wir zentralisieren über EPX auch die Systeme bei Kunden, die mehrere Läger betreiben, und führen die Daten zusammen. Dabei entstehen große Datenmengen, die es zu verwalten und zu analysieren gilt. „Big Data“ hat in der Unternehmensstrategie der E+P-Gruppe einen hohen Stellenwert.

Wir homogenisieren in anderen Fällen auch die IT-Landschaft des Kunden, so dass er keine speziellen Subsysteme für logistische Aufgaben mehr braucht. Die Standardisierung und Vereinheitlichung der Software auf einer Cloud-Plattform ist wohl einer der wichtigsten aktuel­len IT-Trends in der Logistik; Aufgaben wie Serverwartung oder der operative IT-Betrieb werden einfach dem Dienstleister übertragen.

Welche typischen Stolpersteine sehen Sie,
die solchen Projekten im Wege stehen?
Ehrhardt:
Stolperstein würde ich es nicht nennen, doch wenn ein IT-Chef schon viel in eine moderne, hochverfügbare IT investiert hat, also in getrennte Gebäude mit entsprechender Infrastruktur wie etwa Feuerlöschanlagen oder unterbrechungsfreier Stromversorgung, dann möchte er diese Infrastruktur verständlicherweise ungern stilllegen.

Gibt es eine solche Infrastruktur aber noch nicht, kann das Unternehmen durch Outsourcing enorme Summen sparen. Dann bringen wir EPX ins Spiel.

Innovation wird im Lager groß geschrieben

Wenn wir z.B. über Datenbrillen reden: Gibt es hier noch technische Schwächen?
Ehrhardt:
Ja, die gibt es. Datenbrillen eignen sich aktuell noch nicht wirklich für den Massen­einsatz im Lager. Die Akkulaufzeit reicht bei vielen Geräten aktuell noch nicht einmal für eine Schicht, geschweige denn für den 24-Stunden-Betrieb. Hier ist die Logistiksoftware auf den Geräten der Hardware einen Schritt voraus. Aber was aktuell vielleicht noch als „nicht ausgereift“ angesehen wird, könnte schon in wenigen Jahren Standard sein. Einige Unternehmen haben bereits Pilotprojekte mit Smart Glasses und Watches gestartet. Und genau diese Unternehmen werden auch künftig die Nase vorn haben. Die Forschung und Entwicklung an Logistiklösungen auf „Smart Devices“ ist strategischer Baustein in unserem Unternehmen.

Und bei den anderen mobilen Endgeräten?
Ehrhardt:
Da gibt es zwei Trends: Das Arbeiten mit handelsüblichen Smartphones und Tablets und den großen Zoo der Betriebssysteme. Zwar wird es auch auf lange Sicht noch Spezialgeräte für die Mobile Datenerfassung – kurz MDE – geben, die teilweise sogar für bestimmte Aufgaben optimiert sind. Andererseits werden immer mehr Aufgaben in der Logistik über handels­übliche Endgeräte und maßgeschneiderte Apps abgewickelt.

Den Zoo der Betriebssysteme auf den End­geräten wird künftig vielleicht Android ablösen. Dieses Betriebssystem ist auf einem guten Weg zum Standard zu werden, doch es gibt auch hier noch Schwächen. Beispielsweise fehlen Android-Treiber für das WLAN, mit denen das Roaming problemlos funktioniert. Auch weitere Treiber und Anwendungen müssen für  Android erst noch entwickelt werden.

An dieser Stelle ist das „Supply Chain Execution“-System besonders gefordert. Es sollte innovative Technologien wie Datenbrillen oder Smart­watches ebenso unterstützen wie bewährte Verfahren und Strukturen im Lager, die noch auf älteren Windows7-Geräten basieren. Nur so kann der IT-Chef den Spagat zwischen Bewahren und Erneuern meistern. Irgendwann wird er dazu aber auch die Backend- und ­Frontdend-Software er­neuern müssen.

Warum?
Ehrhardt:
Der technologische Fortschritt und aktuelle Marktentwicklungen müssen vom System zeitnah abgebildet werden können. Hier stößt ältere Lagersoftware oftmals an ihre Grenzen. Wie die Geräte muss man aber auch die Software manchmal erneuern, denn Innovationen in der Logistik sind entscheidend für den Erfolg. Sie müssen aber auch bezahlbar bleiben. Man redet in der Logistik immer vom LKW, der nach einigen Jahren ausgetauscht wird, weil das neue Modell weniger Sprit verbraucht und nicht so viel Wartung benötigt. Das ist bei der Software genauso – nur nicht so greifbar.

Wie lang ist denn der Lebenszyklus einer Lagersoftware?
Ehrhardt:
Wie lange sich unsere Software wirtschaftlich nutzen lässt, kann ich so pauschal nicht sagen. Es gibt Kunden, die über zwanzig Jahre damit arbeiten. Diese Kunden stoßen aber immer wieder an Grenzen; irgendwann werden auch sie die Software erneuern.

Um Ihre Frage zu beantworten: Ich schätze die typische Lebensdauer einer Lagersoftware auf sechs bis zehn Jahre. Danach sollte man auf ein neues Release oder eine andere Software wechseln, weil die technische Entwicklung so rasant ist. Darin unterscheidet sich das Softwaregeschäft in keiner Weise vom Handy- oder LKW-Markt.

Das heißt: Auch Software-Lieferanten müssen den Spagat zwischen permanenter Weiterentwicklung des Lagerführungssystems
und „Rückwärts­kompatibilität“ beherrschen, damit ihre Kunden hier die Balance wahren können …
Ehrhardt:
Selbstverständlich. Und dabei sollten diese neuen Technologien industrietauglich sein und reibungslos funktionieren. Das ist vor allem dann ein Problem, wenn schicke Geräte noch Kinderkrankheiten aufweisen, die Kunden aber zu Recht erwarten, dass LFS darauf einwandfrei funktioniert.

Welche Rolle spielt die Serverplattform für Ihre Software?
Ehrhardt:
Eine sehr wichtige Rolle, obwohl unsere Software längst plattformunabhängig funktioniert. Auch wenn uns die Eigenschaft der Plattformunabhängigkeit sehr wichtig ist, gibt es bestimmte Betriebssysteme und Datenbanken, die wir favorisieren, weil diese stabil, performant und wartungsarm sind. Dazu gehört nach wie vor das IBM-System i, das sich ins­besondere bei der Datenhaltung hervortut. Der administrative Aufwand ist bei anderen Plattformen oftmals höher.

Viele Ihrer Kunden setzen nach wie vor auf die AS/400 bzw. das Power System i. Gibt es Vor- und Nachteile für die Logistikanwendungen?
Ehrhardt:
Keine grundsätzlichen– außer die genannten Vorteile des System i. Für unsere Software ist es aber egal, ob sie auf einem Windows-, Unix- oder Linux-Server läuft und ob die Datenbank SQL-Server oder Oracle heißt; sie läuft mit dem gleichen Funktionsumfang. Aber das System i ist einfach grundsolide. Und wenn einmal Fehler auftreten sollten, lassen sie sich in vielen Fällen besser meistern als auf anderen Servern.

Welche Funktionalität sollte eine solche Software bieten – und welche Funktionen gehören in ein übergeordnetes ERP-System?
Ehrhardt:
Vor allen Dingen der Gesamtbestand, damit man disponieren kann. Der Verkauf will ja beispielsweise wissen, welche Produkte auf Lager sind – und der Einkauf will informiert sein, sobald Waren nachbestellt werden müssen. All das muss im ERP-System gepflegt sein. Warenwirtschaft und Lager müssen ihre Daten ebenfalls synchronisieren, denn auch die Lagersoftware führt den Bestand – aber auf Detail­ebene. Und das ist der Unterschied. Für das ERP-System ist nur das große Ganze relevant. Wo aber ein Produkt im Lager steht, in welchem Ladungsträger es transportiert wird und wie es verpackt ist, all das muss ein ERP-System nicht wissen. Um diese wichtigen Details kümmert sich das SES.

Das modular aufgebaute und branchenübergreifend einsetzbare Lagerführungssystem LFS ist sowohl für einfache (als Lagerverwaltungs­system) als auch für anspruchsvolle Anforderungen konzipiert und ausgelegt. Das Standardsystem setzt auf einer relationalen Datenbank auf und steuert durch dialoggestützte Anwendungen den gesamten Material- und Informationsfluss in Logistikzentren.

Wie sollten die Schnittstellen gestaltet sein?
Ehrhardt:
Sie müssen standardkonform sein. Die Kommunikationsschnittstellen mit allen markt-üblichen ERP-, WWS- und PPS-Systemen sind für ein SES ebenso wichtig wie die Services für den Einsatz in SOA-Umgebungen oder wie die pro­blem­lose Anbindung kundenspezifisch programmierter oder eigenentwickelter Softwaresysteme.

Unser LFS besitzt daher Standardschnittstellen zu vielen gängigen ERP-Systemen. Aber auch Standardschnittstellen zur Anbindung von z.B. Materiaflussrechnern (MFR) oder TMS-Systemen sind in einer Vielzahl vorhanden.
Die zuverlässige Integration in diese Systeme und die Anbindung an gängige Speditions-, Zoll- und Online-Shopsysteme wurde bereits in zahlreichen Projekten unter Beweis gestellt.

Der Datenaustausch mit Rechnern und anderen Softwaresystemen ist via EDI, IDOCS, SOA, SOAP, XML, FTP, DDM, Socket-Verbindungen TCP/IP, MQ-Series und anderen Verfahren gewährleistet. LFS unterstützt außerdem sämtliche Anforde­rungen aus der ISO9000-Zertifizierung ­hinsichtlich Produktidentifizierung und Material­flusskontrolle.

Herr Ehrhardt, vielen Dank für das Interview!

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