Servergeschäft-Verkauf von IBM an Lenovo auf Eis gelegt

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Kurz vor Bekanntgabe der enttäuschenden Bilanzzahlen der IBM kamen erste Gerüchte über einen möglichen Verkauf von Teilen der Serversparte an das chinesische Unternehmen Lenovo auf. Jetzt meldet die Nachrichtenagentur Bloomberg, die Verhandlungen seien vorerst gescheitert.

Nach dem Halt am Stoppschild geht es weiter. Fragt sich nur: Wann und in welche Richtung?

Im Prinzip ja, heißt es offenbar von Lenovo wie bei Radio Eriwan auf die Frage nach der Übernahme der X86-Server von IBM. Der Witz sei der Preis, den IBM sich vorstelle, weiß Bloomberg zu berichten – und spricht von 2,5 bis 4.5 Mrd. Dollar, die IBM sich für die X86-Serversparte vorstelle, abhängig von den Modalitäten und dem in das Verkaufspaket gepackten Inventar. Aber auch die 2,5 Mrd. Dollar wolle Lenovo nicht zahlen und habe sich deshalb aus den Verhandlungen zurückgezogen.

In der US-Zeitschrift CRN, die am 18. April die Gerüchte publik machte, war sogar noch von einer Preisvorstellung zwischen 5 und 6 Mrd. Dollar bei IBM die Rede. Immerhin wird das Umsatzvolumen dieses Bereiches auf 4,9 Mrd. Dollar geschätzt; das wäre knapp ein Drittel des auf 15,4 Mrd. Dollar taxierten Serverumsatzes der IBM im Jahr 2012 insgesamt. Allerdings gehen alle Analysten davon aus, dass das X86-Geschäft der IBM nicht nur schrumpft, sondern auch Verluste einfährt.

Pokern in der Verhandlungstaktik

Dass die Gespräche auf Eis gelegt wurden, wird allgemein als Pokern in der Verhandlungstaktik gewertet. Beide Parteien kennen sich nach dem Verkauf des PC-Geschäftes im Jahr 2005 bestens, zumal damals viele IBMer zu Lenovo gewechselt sind. Es gibt diverse Service- und Vertriebskooperationen sowie Lizenzverträge, dort wo sich IBM und Lenovo regional oder bei den Produkten ergänzen.

Außerdem macht das Geschäft für beide Parteien Sinn: IBM könnte als Wiederverkäufer der Lenovo-Server auftreten und sich auf das Service-Geschäft mit Installation, Integration und Betrieb dieser Maschinen bei den Kunden fokussieren, während Lenovo seine Produktpalette sinnvoll erweitern würde. Immerhin ist Lenovo erst im Jahr 2008 mit dem Thinkserver TS100 für kleine und mittelständische Unternehmen in dieses Geschäftsfeld eingestiegen; die Basis dafür bildete ein Abkommen mit IBM, deren xSeries-Technologie verwendet wird.

Ebenso wenig zum Verkauf wie das Mainframe-Geschäft stehen die Power Systems. Inwiefern Puresystems und Blade Center tangiert sind, bleibt offen. Offen bleibt auch die Frage, welche Rolle Hardware künftig für IBM spielen darf, soll oder muss. Denn potentielle Server-Großkunden wie Google oder Amazon sind längst dazu übergegangen, ihre Rechenzentren mit Commodity-Hardware Marke Eigenbau auszustatten. Ehemalige Servergroßkunden, wie etwa so mancher globaler Konzern oder große Regierungsbehörden, denken über Cloud-Computing und Outsouring nach. Stellt sich die Frage: Wie lukrativ ist der Servermarkt langfristig noch?

Kritik am CEO und an der Strategie der IBM

Es lohnt sich nicht wirklich, Marktführer bei Mainframes und Unix-Servern zu sein, wenn diese immer seltener gekauft werden. Dass Oracle und HP noch mehr Geschäft verlieren, ist da kein Trost. Dazu kommen bittere Rückschläge, wie die peinliche Pleite beim ehrgeizigen Projekt „Blue Waters“ (wo IBM 2011 nach dem Scheitern beim Bau des schnellsten Supercomputers der Welt durch den dann erfolgreichen Experten Cray abgelöst wurde) oder der Abschied des Spielkonsolenherstellers Sony, der bei der Playstation 4 den Power-Prozessor durch ARM-Prozessoren von AMD ersetzt hat.

In der Kritik steht deshalb nicht nur die Anfang 2012 angetretene IBM-Chefin Ginny Rometty, sondern erstmals seit 20 Jahren die lange bewunderte  Strategie der IBM insgesamt. US-Medien werfen die Frage auf, ob diese Strategie überhaupt zukunftstauglich sei. Und wie konkurrenzfähig IBM-Hardware überhaupt noch ist, wenn sie sich nicht mehr am Markt behaupten kann, weder bei mobilen Anwendungen wie Spielkonsolen noch in den Superrechenzentren der Großforschung. Die US-Medien fordern von Rometty bereits knallhart: Think or Quit! Ausgewiesene IBM-Kenner wie der Journalist Raimund Vollmer gehen noch einen Schritt weiter und erwarten von der IBM-Chefin: „Schneller denken? Nein, besser lenken!“. Und bei all ihren Überlegungen sollte Rometty auch eines nicht vergessen: Dass ihre Hardware-Kunden zu den besten Abnehmern von Software und Services der IBM zählen.

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