Fenaco nimmt IT-Tochter Bison unter die Fittiche

CEO Fehlmann tritt ab

Die Fenaco, ein genossenschaftlich organisiertes Großunternehmen der Schweizer Landwirte mit Sitz in Bern, übernimmt ihre IT-Tochter Bison vollständig. Zu den Details der Transaktion, durch die der größte Kunde und Aktionär die übrigen 51,4 Prozent des Bison-Aktienkapitals von Management, Belegschaft sowie Partnerfirmen erwerben will, befragte DV-Dialog Fenaco-Sprecher Hans Peter Kurzen. „Der flächendeckende Roll-out der ERP-Lösung Bison Process in 200 landwirtschaftliche Genossenschaften steht an“, war seine Antwort auf die Frage zum Motiv der Übernahme.

  • Verlässt das Unternehmen: Der langjährige Bison-CEO und Verwaltungsrat Rudolf Fehlmann

  • Designierter CEO von Bison: Michael Buser, bei Fenaco Geschäftsführungsmitglied und Leiter der Abteilung IT / Logistik

Klar ist auch: Der langjährige Bison-CEO und Verwaltungsrat Rudolf Fehlmann dankt ab; er hat seine Firmenanteile bereits verkauft und das Unternehmen am Montag verlassen. Zunächst übernahm Werner Beyer seine Aufgaben; der Bison-Verwaltungsratspräsident war bis zum Sommer vergangenen Jahres Finanzchef der Fenaco und ging dann mit 65 Jahren in Pension. Designierter CEO von Bison ist aber Michael Buser. Mit der Übernahme der Aktienmehrheit an der Bison Holding AG durch Fenaco soll der Leiter der Abteilung IT / Logistik auch die operative Führung der IT-Tochter übernehmen.

Ein Auslöser der jüngsten Entwicklung dürfte auch sein, das Bison bei Fenaco mit einem dreistelligen Millionendarlehen in der Kreide steht, das bis 2021 zurückzuzahlen ist. Schon zu Jahresbeginn schrieb die „Neue Luzerner Zeitung“ nach Entlassungen, dass sich Bison im Umbruch befinde. Fehlmann erklärte die Entlassungen seinerzeit damit, dass die Entwicklung der ERP-Software Bison Process abgeschlossen sei. Daher würden weniger Softwareentwickler benötigt. Stattdessen sollten vermehrt Softwareberater und Projektleiter eingestellt werden, um den Verkauf anzukurbeln. „Gemäß der gemeinsamen Planung wird sich Bison mittel- bis langfristig über den Verkauf der Software an Dritte finanzieren müssen“, sagte damals Fenaco-Sprecher Kurzen der Zeitung.

Sicherung der strategisch wichtigen Software Bison Process

Fenaco gibt gemeinsam mit ihren Mitglied-Landi weit über 13.000 Personen und 900 Lernenden Arbeit und erzielte 2013 mehr als 6 Mrd. Franken Umsatz. Die für Fenaco gebaute ERP-Lösung „Bison Process“ wurde in den letzten Jahren von der Bison Schweiz AG entwickelt und etabliert. „Zur Sicherung dieser für die Gruppe strategisch wichtigen Software beteiligte sich die Fenaco seinerzeit als Minderheitsaktionärin (heute 48.6 Prozent) am IT-Unternehmen Bison und versorgte das Unternehmen während der Entwicklungsphase mit günstigen Darlehen“, erläuterte Kurzen auf Anfrage von DV-Dialog die Hintergründe. „Bison Process steht heute im täglichen Einsatz im Departement Landesprodukte der Fenaco sowie in den Tochtergesellschaften Agrola AG und Landi Schweiz AG. Nach erfolgreich verlaufenen Pilotprojekten in verschiedenen landwirtschaftlichen Genossenschaften (Landi) wird nun mit dem Roll-out an die 200 Mitglied-Landi sowie weitere Tochtergesellschaften wie Meliofeed AG, Ufa AG und dem Dept. Pflanzenbau begonnen“.

Der breite Roll-out von Bison Process geht laut Kurzen einher „mit weiteren Investitionen zur langfristigen Stabilisierung und stetigen Modernisierung“ dieser ERP-Lösung. „Deshalb will die Fenaco nun die Aktienmehrheit an der Software-Entwicklerin Bison übernehmen“, so Unternehmenssprecher Kurzen weiter. „Sie unterbreitet den Aktionären ein vom Verwaltungsrat der Bison als fair und angemessen eingestuftes Angebot. Ziel dieser Maßnahme ist es, sich den nötigen Handlungsspielraum zu verschaffen und die für den Betrieb der Gruppe wichtige ERP-Software Bison Process und deren Weiterentwicklung langfristig zu sichern.“ Im Zuge der Übernahme der Aktienmehrheit werde man– wie in solchen Fällen üblich – auch die operative Führung der Bison übernehmen.

Auch in Deutschland aktiv

Die 1983 gegründete Bison Group, die auch in Deutschland aktiv ist und hier durch das in Partnerschaft mit SoftM entwickelte ERP-Paket Greenax Schlagzeilen machte, hat ihren Hauptsitz bei Luzern, beschäftigt in verschiedenen Unternehmen rund 600 Personen und erzielt einen Jahresumsatz von 100 Mio. Schweizer Franken.

Anfang 2013 hatte Bison auch die Maxess Systemhaus GmbH, Kaiserslautern, übernommen. Mit der Umbenennung ihrer Tochter Bison Maxess GmbH in Bison Deutschland GmbH will das Schweizer Mutterhaus die Länderniederlassungen in Deutschland klarer positionieren. Florian Bernauer, Leiter des Competence Center Retail bei Bison, bleibt auch nach dem Namenswechsel Geschäftsführer der Bison Deutschland GmbH, die 1995 gegründet wurde und heute über 40 Personen beschäftigt.

Unter dem Namen Bison Ametras AG wurde erst im Sommer ein Joint Venture mit der Ametras Itec GmbH, Baienfurt, gegründet, an dem beide Partner zu 50 Prozent beteiligt sind. Zweck ist die Entwicklung und Vermarktung einer modularen Branchenlösung für den Möbelhandel auf Basis der Software Bison Process.

www.fenaco.com

www.bison-group.com

www.bison-retail.com

Bildquelle: Bison Holding AG / Fenaco

 

 

"Wir wollen nicht von einem Sparkurs reden!"

Interview mit Hans Peter Kurzen, Leiter Kommunikation der Genossenschaft Fenaco

Herr Kurzen, ist ein Sparkurs vorgesehen, um den Schuldenstand der Bison Group abzubauen?

Hans Peter Kurzen: Selbstverständlich werden wir nach erfolgreicher Übernahme die nötigen wirtschaftlichen Optimierungen vorantreiben, ohne von einem Sparkurs reden zu wollen. Es geht uns nun in erster Linie darum, Bison Process als praxiserprobtes Resultat der Entwicklungsarbeit der letzten Jahre sowie die für den Betrieb, den Support und die stetige Modernisierung- und Weiterentwicklung dieser ERP-Lösung wichtigen Mitarbeitenden und ihre spannenden Jobs in den sicheren Hafen der Fenaco zu holen.

Was ändert sich durch die Übernahme für Bison - etwa bei Firmierung, Management, Standorten und Belegschaft?

Kurzen: Wir beabsichtigen Bison in die Genossenschaft zu konsolidieren und sie als eigene Unternehmenseinheit und Tochtergesellschaft unserer Unternehmensgruppe unter dem bisherigen Namen weiterzuführen. Mit der Übernahme der Aktienmehrheit an der Bison Holding AG wird Michael Buser als Delegierter des Verwaltungsrats die Leitung von Bison übernehmen. Er ist Geschäftsleitungsmitglied der Fenaco und Leiter des Dept. Informatik / Logistik.

Welche Auswirkungen gibt es auf das Software-Angebot von Bison? Ist eine konsequente Weiterentwicklung der gesamten Produktpalette vorgesehen?

Kurzen: Unser Fokus liegt klar auf der Stabilisierung und laufenden Weiterentwicklung und wirtschaftlichen Optimierung von Bison Process. Darüber hinaus werden wir aber auch alle Produkte und ihre zufriedenen Kunden außerhalb von Bison Process genau so weiterbetreuen wie bis anhin, z.B. die deutschen Kunden von Bison Maxess mit dem Produkt „Bison Process x-trade“ oder jene mit der Lösung auf Basis von IBM i und von Europa3000.

Was bedeuten all diese Veränderungen bei der Schweizer Mutter für deren Tochter Bison Deutschland und ihre Kunden? Bleibt diese Tochter bestehen?

Kurzen: Die Tochter Bison Deutschland wird aus heutiger Sicht weitergeführt. Was bedeutet, dass sie und ihre IT-Lösungen auch zukünftig engagiert weiter betreut werden.

Inwiefern ist das erst zu Jahresbeginn gegründete Joint-Venture mit Ametras betroffen – und die geplante Lösung für den Möbelhandel?

Kurzen: Die Übernahme der Aktienmehrheit durch Fenaco hat keine Auswirkung auf das Joint-Venture mit Ametras.

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok