Infor lockt JD-Edwards-Anwender

Oracle will die Lizenzierung straffen, ohne den Plattform-Support zu schmälern.

Bruce Richardson

Bruce Richardson, Chefstratege bei Infor

Nachdem Oracle im vergangenen Herbst still und leise den Verkauf des sogenannten „Blue Stack“ für seine ERP-Software JD Edwards Enterprise One gestoppt hat, lockte der Software-Konzern Infor vor W­e­i­h­nachten alle Betroffenen, die weiterhin IBM-Hardware als Plattform für ihre ERP-Anwendungen nutzen wollen, mit einem Umstieg auf eines seiner zahlreichen IBM-basierten ERP-Systeme. Allerdings hat Oracle zugesichert, auch in Zukunft Enterprise One auf IBM i zu unterstützen.

Hintergrund: Beim sogenannten „Blue Stack“ handelt es sich um eine Java-Plattform, auf der ein Unternehmen das ERP-System JD ­Edwards Enterprise One auf IBM-Hardware und -Middleware betreiben kann, wie zum Beispiel auf dem System i mit der Datenbank DB2 und mit Websphere. Anstelle des „Blue Stack“ bietet Oracle auch den „Red Stack“ an – eine Produkt-Suite mit Oracles Datenbank und Application Server. In beiden Fällen sind die Lizenzen wesentlich günstiger als beim Kauf der regulären Produkte, jedoch auf die Nutzung mit Enterprise One eingeschränkt.

Manchmal macht jedoch aus technischen Gründen eine Mischlösung aus IBM- und Oracle-Middleware Sinn, in Anwenderkreisen gern „Purple Stack“ genannt. Oder es kommen auch standardisierte ODBC-Treiber in Verbindung mit der Microsoft-Datenbank SQL Server zum Einsatz, als sogenannter „Green Stack“. Der violette und der grüne Software-Stack sind natürlich keine offiziellen Oracle-Produkte, jedoch ebenfalls problemlos bei JDE-Kunden im Einsatz.

Weil das ERP-System Enterprise One seinerzeit als plattformunabhängiger Nachfolger für das AS/400-basierte World entwickelt worden war, ist der „Blue Stack“ unter JD- ­Edwards-Kunden sehr populär. Er wurde seinerzeit von Oracle gemeinsam mit „Big Blue“ entwickelt – und entsprechend werden für jeden verkauften Stack auch Lizenzgebühren an IBM fällig. Diese Kröte will der Software-Konzern „Big Red“ nach dem Kauf von Sun Microsystems offenbar nicht länger schlucken und bietet den Kunden nunmehr „Komplettpakete“ an. Offiziell angekündigt hat Oracle diesen Schritt aber aus dem Grund, die „Lizenzierung von Technologieprodukten zu vereinfachen“. Auch das macht durchaus Sinn.

Solche Schritte waren von Oracle ­eigentlich schon sofort nach der Übernahme des ERP-Herstellers ­Peoplesoft vor sechs Jahren erwartet worden, der selbst erst kurz zuvor den in den 70er-Jahren gegründeten Software-Konzern JD Edwards erworben hatte. Allerdings hatte Oracle seinerzeit viele der von Peoplesoft bereits eingeleiteten Streichungen am JD-Edwards-Portfolio rückgängig gemacht und im Rahmen der Marketing-Initiative „Applica­tions Unlimited“ in die Weiterentwicklung sowohl von Enterprise One als auch von World Software investiert. Ausschlaggebend dafür dürften die lukrativen Wartungseinnahmen gewesen sein.

Nach der Übernahme von Sun ­Microsystems scheint Oracle diese Strategie aber zu revidieren – hat man doch jetzt nicht nur die Datenbanken und Web-Server im Produktportfolio, sondern zusätzlich auch die Rechner- und Speicher-Hardware, um ERP-Komplettpakete anbieten zu können. Jetzt rechnet sich Firmenchef Larry Ellison gute Chancen aus, die Kunden zu einem Wechsel auf den „Red Stack“ zu bewegen. Gelingt das, dürften die Geschäfte noch lukrativer sein, als lediglich die Wartungsgebühren zu kassieren.

Allerdings birgt dieser Schritt auch ein Risiko, denn gerade die AS/400-Anwender gelten als besonders „plattformtreu“. Grund genug also für den Oracle-Rivalen Infor, hier einzuhaken und den JD-Edwards-Anwendern einen Wechsel sch­m­a­c­k­haft zu machen, nutzen doch heute etwa 20 Prozent der insgesamt rund 70.000 Infor-Kunden die AS/400 oder eines ihrer Nachfolgemodelle als ERP-Plattform.

Außerdem hat Infor seit dem 6. Dezember mit Charles Phillips einen neuen CEO, der als ehemaliger Oracle-Topstratege die Pläne des Rivalen aus dem Effeff kennen dürfte. Allerdings sollte Infor nicht zu viel Zuspruch erwarten, denn allzu hart ist Oracles Schnitt nicht. Oracle will allen Kunden, die heute den „Blue Stack“ einsetzen, noch bis Ende 2013 Erweiterungen und Upgrades verkaufen und bis Ende September 2016 Support anbieten.

Erst dann will Oracle alle Vertriebs- und Supportanfragen an IBM weiterleiten, den Entwicklungspartner des Blue Stack seit den Tagen von JD Edwards. Betroffen sind rund ein Drittel bis die Hälfte der geschätzt rund 3.000 Unternehmen mit Enterprise One, die IBM i als Plattform nutzen. Für Kunden, die eine Unternehmenslizenz von Oracle erworben haben, könnte es durchaus Sinn machen, diese beizubehalten und den nötigen Technologie-Stack bei IBM zu erwerben.

Auch wenn Enterprise One also weiterhin auf der Plattform IBM i eingesetzt werden kann, dürfte Oracle diesen Kunden in der Zukunft die Vorteile der homogen „roten“ IT-­Infrastruktur näherbringen wollen – bestehend aus Sun-Hardware mit den Betriebssystemen Solaris oder Oracle Enterprise Linux, den Datenbanken Oracle 11g, MySQL oder Exadata, der Virtual Box und dem Oracle Application Server oder auch Weblogic.

Allerdings legt eine von IBM bei dem Marktforschungsunternehmen ITG in Auftrag gegebene Studie vom Juni 2009 nahe, dass IBM i (mit der integrierten Datenbank) als Plattform für Enterprise One nach wie vor deutlich günstiger ist – und zwar zwischen 34 und 51 Prozent, je nach Wahl von Betriebssystem (Windows oder Linux) und Datenbank (Oracle oder SQL Server) auf einem Dell-Rechner. Hier ist Oracle nun zu Nachbesserungen aufgefordert.

Eines hat die Infor-Initiative „Blue Christmas“ jedenfalls schon bewirkt: Am 29. Dezember stellte Lyle Ekdahl, der General Manager für JD Edwards bei Oracle, in einem offenen Brief die Konsequenzen der Abkündigung des „Blue Stack“ klar, nachdem man sich vorher wie gewohnt in vornehmes Schweigen gehüllt hatte.

www.oracle.de

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok