ERP-Hersteller Infor schaltet von Kaufrausch auf Innovation um

IONisierte Anwendungswelt

Auf der Kunden- und Partner-Roadshow Inforum gaben Manager des amerikanischen ERP-Herstellers Infor auch in Frankfurt Einblick in die Produktstrategie. Wenig überraschend dienen die Middleware ION und die Benutzerumgebung Workspace nebst Social Space als Klammer für das gut gefüllte Portfolio der US-Firma. Diesem Trend können sich auch die IBM-i-Anwendungen nicht entziehen.

Infor-CEO Charles Phillips sieht sein Unternehmen in der Innovationsphase

Es scheint an der Zeit, ein (Vor-)Urteil zu revidieren: Infor kauft nicht nur Firmen, sondern investiert auch in die Produkte. Zumindest mühten sich die Infor-Manager – CEO Charles Phillips vorneweg – nachdrücklich, die Besucher des diesjährigen Inforums hiervon zu überzeugen.

In der Tat stellte der ehemalige Oracle-Präsident Phillips 22 Monate nach Übernahme des Chefsessels eine Erfolgsbilanz vor. Zahlen wie 2,8 Mrd. Dollar Umsatz im letzten Geschäftsjahr, rund 840 Mio. Dollar Gewinn, fünf Quartale in Folge mit zweistelligen Lizenzumsatzwachstumsraten und 2.300 neue Kunden können sich sehen lassen. Sein Hinweis auf rund 9.000 Entwickler und technische Berater bei insgesamt 13.000 Mitarbeitern sowie 5.293 (!) neue Produktfunktionen im vergangenen Jahr sollen belegen, dass jetzt erfolgreich die Innovationsphase gestartet wurde.

Zum Auftakt unterstrich Phillips, warum man beides wolle: Spezialisierung und Industriefunktionalität, wie sie aus der Punkt-Lösungs-Ära sowie der Integration monolithischer Suites stammen. Statt einer komplexen proprietären Middleware warb der Infor-Chef für leichtgewichtige, lose gekoppelte Integration via XML, wie sie die Arbeitsweise des Internet vorlebt.

Da die Kommunikation zwischen Geschäftsanwendungen aus technischer Perspektive eher einfacher Natur ist, spricht nach Phillips Ansicht nichts dagegen, auch hier XML einzusetzen. Transformiert auf Infor meint er selbstverständlich die vor Jahresfrist aus Open-Source-Komponenten geschnürte Middleware ION, inklusive Nachrichtenaustausch mittels XML-Dateien bzw. Objekten (BOD – Business Object Document) nach Vorgaben der „Open Application Group“ (OAG).
Zusätzlich legt Phillips großen Wert auf die „Schönheit“ der Anwendung sowie der Arbeitsumgebung eines Nutzers. Mit Hook & Loop hat man sogar eigens eine Firma gegründet, in der Spezialisten sich ausschließlich mit dem Design und der intuitiven Benutzung von Anwendungen befassen.

Schönheit bedeutet mehr als das Aussehen


„Schönheit bedeutet mehr als nur das Aussehen“, griff Infor-Präsident Duncan Angove die Schlussbemerkungen seines Chefs auf. „Schönheit handelt von Gebrauchstauglichkeit und vom Design der Anwendungen – und sie bedeutet Durchbruch in Effektivität und Produktivität.“ Die in Frankfurt präsentierten Einsatzszenarien der neuen HTML5-basierten Arbeitsumgebung mit ihrem kollaborations- und kontextbezogenen Aufbau konnten sich im Wortsinne sehen lassen.

Dank der Kollaborationsumgebung Social Space erinnert das Arbeiten deutlich an die aus sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Yammer bekannte Bedienung. Mit einem Unterschied: Die Kommunikation schließt auf einer Ebene neben Menschen (Mitarbeiter, Geschäftspartner etc.) und Daten expliziert Maschinen ein.

Ein Anwender kann also nicht nur am Informationsstream eines Kollegen teilhaben; er kann ebenso einer Produktionsanlage folgen und kontinuierlich Status-Updates über den Maschinenzustand erhalten. Technisch baut das Ganze auf Komponenten wie Event-Hubs oder Aktivitäten-Feeds auf. Eingebettet ist auch ION Pulse, ein leichtgewichtiges Messaging-System zum Informationsaustausch zwischen den im ION-Netzwerk verbundenen Anwendungen und Komponenten.

Die „Schönheit“ der künftigen Welt unter dem Infor10-Dach muss nun „nur noch“ den Weg in die einzelnen Produkte finden. Dass Angove die Beispielsszenarien anhand von Infor LN (ex-Baan) präsentierte, darf als Indiz gewertet werden, wie weit die Adaption hier bereits gediehen ist. Aber selbst in Villingen – sprich bei Ratioplan und AS – ist das Thema ION schon angekommen. In den kommenden Monaten sollen die ERP-Traditionalisten für die Anbindung an das ION-Framework geöffnet werden.

Auf diesem Weg will der Hersteller den Nutzen für Anwender erhöhen, indem vorhandene Funktionen zusammengebracht werden. In dem Kontext ist auch der Schulterschluss mit den „moderneren“ Lösungen zu bewerten, deren Fundament das Java-Framework ICEE (Integrated Corporate Enterprise Environment, unterstützt im Backend auch DB/2 auf IBM i) bildet. Die Übergabe der Daten erfolgt hier im erwähnten BOD-Format, wie das Beispiel Ratioplan und die Anwendung Corporate Planning Board (CPB, Plantafel) belegt. Voraussetzung hierzu ist die Version 1.5 der ERP-Lösung. Im Falle von AS heißt das benötigte Release 3.1, das im Übrigen neben dieser Koppelung auch den Einstieg in die Welt von HTML und Unicode verheißt.

Was in Sachen Einbindung von Lawson M3 angedacht ist, war in Frankfurt gleichfalls zu erfahren – auch wenn es sich hier eher um Richtungsangaben denn um konkrete Zusagen handelte. Vorgesehen ist demnach Anfang 2013 neben dem Rich-Client „Lawson Smart Office“ (LSO) und dem ebenfalls bereits verfügbaren Thin (Web)Client ein neuer HTML5-Client im Workspace als weitere Zugangsoption.

Im weiteren Jahresverlauf soll LSO an den neuen kontextbezogenen und sozialen Funktionen partizipieren. Zur konsequenten Integration mit ION wird der M3-eigene Enterprise Collaborator mit der notwendigen Mapper-Funktionalität, auch aus BOD-„Päckchen“, ausgestattet. So will man die notwendigen Voraussetzungen schaffen, um beispielsweise PLM Optiva für die Prozessfertigung, die Inforce-Marketing-Komponenten auf Basis von Force.com des Partners Salesforce.com, die mobile Vertriebslösung Road Warrior oder Supply Web einzubinden. Danach stehen weitere Anwendungen wie Infor BI, Reporting oder XM (Reisekosten­management) an.

BOD und ION als Integrationstechnologien

Die Beiträge in den produktbezogenen Sessions belegen den wachsenden Einfluss der Technologien BOD und ION. Die Middleware bildete eine entscheidende Stütze im Rahmen der zweigleisigen Produktpolitik. Die über ION realisierte lose Kopplung der Anwendungen mittels standardisierter Nachrichten ermöglicht eine weitgehend unabhängige Weiterentwicklung der einzelnen Programme, ohne die Integrationsvorteile missen zu müssen.

Gleichzeitig schafft sie die Voraussetzungen, dass die Zahl gemeinsamer Komponenten zunimmt, die bei einzelnen Anwendungen unter dem Infor10-Dach für eine gewisse Harmonisierung in den grundlegenden Funktionen sorgt.
Zu den Komponenten, die alle Infor10-Anwendungen nutzen können, zählt nun neben der Arbeitsumgebung mit der sozialen Kollaboration auch Business Vault – eine Art Data Warehouse, in das alle (!) über ION ausgetauschten XML-Dokumente gespeichert werden. Außerdem nutzt eine von Infor selbst verwaltete Mobilitätsinfrastruktur zur Einbindung von Smartphone & Co. ION ebenso wie der Cloud-Service Local.ly, auf den Infor-Anwendungen zurückgreifen, wenn sie irgendwo auf der Welt lokale „Besonderheiten“, etwa im Bereich Melde- und Rechnungswesen, unterstützen müssen.

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