Nachwuchsmangel

Sind RPG-Programmierer vom Aussterben bedroht?

Junge RPG-Programmierer sind Mangelware und werden händeringend gesucht. Wie kann man dem entgegensteuern? Ein Kommentar von Dr. Wolfgang Rother, Senior IT Specialist Power Systems bei IBM Deutschland.

  • Dr. Wolfgang Rother, Senior IT Specialist Power Systems bei IBM Deutschland

  • Es gibt wie bei den Pandas berechtigte Hoffnung, dass der RPG-Programmierer nicht ausstirbt – wenn er sich an den Wandel des IT-Marktes anpasst und wenn die IT-Chefs in den Nachwuchs investieren.

Der Bitkom beklagt IT-Nachwuchsmangel, aber auch andere Branchen schlagen Alarm. Wegen nicht besetzter Stellen haben vielerorts Unternehmer Angst, dass ihr Wachstum gebremst werden könnte. Einige spüren es schon heute.

Im Umfeld der „AS/400“ – hier als synonym für den Midrange-Server von 1988 und all seine Nachfolger verwendet – ist der junge RPG-Programmierer Mangelware. Er wird händeringend gesucht. Ist deshalb die Spezies der RPG-Programmierer vom Aussterben bedroht? Ty­pische IT-Antwort: „It depends!“ – denn man kann dem entgegensteuern.

IBM als Hersteller der AS/400 und Erfinder von RPG in die Pflicht zu nehmen, ist naheliegend. „AS/400“-Kunden fordern IBM, mehr für den Nachwuchs zu tun. In Diskussionen wird der Hersteller z.B. dazu aufgerufen, dafür zu sorgen, dass RPG wieder an Universitäten unterrichtet wird.

„Free Format Coding“ steigert die Akzeptanz von RPG

Der erste „Report Program Generator“ (RPG) erschien 1959. Die da­mals üblichen Lochkartensysteme und Tabelliermaschinen sind aus den Firmen verschwunden, RPG nicht. Im Umfeld der „mittleren Datentechnik“ wurde RPG als eine hier wichtige Programmiersprache weiterentwickelt. Die aktuelle Version ist ILE RPG IV – eine moderne Programmiersprache, besonders geeignet für Geschäftsanwendungen.

Mit dem „Integrated Language Environment“ (ILE) wurden etwa das dynamische Binden, modulare Programmierung, die Wiederverwendung von Komponenten und ein besseres Ressourcenmanagement eingeführt. RPG IV enthält heute viele Built-in-Funktionen und ermöglicht u.a. „Embedded SQL“ sowie die Integration von Java-Klassen. Mit der Einführung des „Free Format Coding“ hat IBM die Attraktivität und Akzeptanz von RPG – gerade für junge Programmierer – noch einmal erheblich gesteigert.

Fakt ist jedoch, dass RPG im Tiobe-Popularitätsindex für Programmiersprachen im März nur (oder immer­hin?) auf Platz 42 zu finden war und dass Google zu „RPG“ eher auf Role-Playing-Games verweist statt auf eine Programmiersprache. Vergleichbare Sprachen finden sich auch erst im hinteren Mittelfeld – wie z.B. Cobol (24), Fortran (29) oder PL/1 (44).

Gerade im Hinblick auf die rudimentären Grafikfähigkeiten stellen sich nicht wenige die Frage: Wozu braucht es RPG? Sicher, diejenigen, die mit RPG eigenprogrammierte unter­nehmenskritische Anwen-dungen einsetzen, wollen diesen Wettbewerbsvorteil nicht aufgeben und müssen in RPG weiterentwickeln. Aber wozu sollten die anderen RPG einsetzen?

Jeder, der unter IBM i eine performante Programmierung zur Datenbank DB2 sucht, kann und sollte auch RPG in Betracht ziehen. „Mainstream-Sprachen“ wie Java und PHP bringen oft bei weitem nicht die angestrebte Performance im „AS/400“-Umfeld – bei den meist nur geringen zur Verfügung stehenden Ressourcen.

Zurück zur Nachwuchs­situation: Einige deutsche Fachschulen bilden im Rahmen der Academic-Initiative von IBM auch RPG-Nachwuchs aus. IBM unterstützt sie dabei mit kostenfreier Bereitstellung von Hardware, Betriebssystemen, Compi-lern und Entwicklungstools, da die Einrichtungen sich dies bei den zur Verfügung stehenden Budgets in der Regel nicht leisten können (oder nicht investieren wollen). Zum Beispiel würden allein die notwendigen „Named“-Lizenzen für Entwicklungstools und RPG-Compiler für 150 Schüler selbst bei großen Rabatten immer noch einen sechsstelligen Euro-Betrag ausmachen. IBM schafft so die Infrastruktur für die RPG-Ausbildung. 

Nicht verändern kann IBM jedoch die von der Wirtschaft geforderten Skills im Arbeitsmarkt. Dies obliegt den Unternehmen. Sind zum Beispiel ABAP-Kenntnisse ein Hauptkriterium bei der Einstellung von Absolventen, werden Lehreinrichtungen dies im Lehrplan berücksichtigen.

Universitäten sind in der Regel froh, wenn Studenten in IT-Studiengängen wenigstens eine Programmiersprache beherrschen. RPG wird dort eher nicht favorisiert. Meist wird für Java plädiert, einen wichtigen Vertreter objektorientierter Programmiersprachen. RPG kann zwar mit Objekten um­gehen, ist aber selbst eine prozedurale Programmiersprache.

Sind solche Absolventen dann überhaupt geeignet für solche „AS/400“-Shops, die RPG-Skills suchen? Hier antworte nicht nur ich mit einem klarem „Ja!“. Jeder, der Programmieren gelernt hat, sollte in Algorithmen denken können – die Programmiersprache ist letzten Endes „nur“ Syntax. Eine entsprechende RPG-Basisausbildung, z.B. im Rahmen des Common-Azubi-Programms oder in der PKS i-cademy, ist dazu mehr als empfehlenswert. Spätere individuelle Fragen können in entsprechenden Foren geklärt werden; auch Code-Snippets und „Best Practices“ sind im Internet verfügbar. Die anfallenden Kosten sollte man dabei als eine Investition in die Zukunft (und nicht einfach nur als Ausgaben) ansehen.
Dieser Weg ist nicht nur kostengüns-tiger als erfahrene „RPG only“-Programmierer einzustellen, sondern auch für die künftige Entwicklung des Unternehmens wichtig. Was den jungen Absolventen jedoch oft fehlt, sind Kenntnisse über die Geschäftsprozesse des Unternehmens. 

Skills zwischen „alten Hasen“ und „Neulingen“ transferieren

Häufig wird kaum gewürdigt, was Absolventen an anderen Fähigkeiten mitbringen. Gerade kleinere Unterneh­men verfügen oft nur über geringe IT-Kenntnisse – etwa zu Software-Architekturen und Internettechnologien sowie zum Einsatz „Sozialer Medien“ oder moderner analytischer Verfahren. Die verzweifelten Versuche zur Anwen­dungsmodernisierung unterstreichen dies, wird hier doch lieber in Tools statt in Programmier-skills investiert.

Über ein mehrschichtiges Software-Architektur-Design, z.B. Präsentation getrennt von Logik- und Service-schicht, lassen sich die Vorteile von Sprachen wie HTML, Java, PHP oder Node.js mit den Erfahrungen von meist länger im Unternehmen tätigen RPG-Programmierern verbinden. Ein gewünschter Nebeneffekt ist, dass so RPG-Erfahrung und Kennt­nisse der internen Businessprozesse von den „alten Hasen“ sowie die Skills der „Neulinge“ in Projekten jeweils zu der anderen Gruppe transferiert werden.

So geschehen in einem Start-up-Unternehmen: Rainer Ross, ein erfahrener RPG-Programmierer mit wenig Wissen um die Webprogrammierung, suchte einen Partner für das Web-Frontend – und fand ihn zur Umsetzung seiner Geschäftsidee im selbstständigen Webdesigner Ferdinand Humberg (pixelundcode.com). Gemeinsam entwickelten die beiden die Hotelsuchmaschine myhofi.com (siehe DV-Dialog 1-2/2015, Seite 19).

Heute kennt zwar Ross viele der von Humberg eingesetzten Sprachen, aber zu einem guten Webdesign gehört nicht nur Coding. „RPG habe ich für das Backend gewählt, da ich mit dem üblichen Linux/PHP-Stack nicht die gewünschte Performance erreiche“, erklärt Ross. „Doch die Webprogrammierung hat meinen RPG-Programmierstil nachhaltig in Bezug auf Strukturierung und Wiederverwendbarkeit des Codes beeinflusst.“

Noch also ist es nicht zu spät, das Aussterben der RPG-Programmierer zu verhindern. Wichtig ist, dass jeder, der RPG einsetzt, auch selbst aktiv etwas dafür tut.

Bildquelle: Helga Gross / pixelio.de

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