Fachkräftemangel

80.000 offene Jobs und die Suche danach

Der Fachkräftemangel regiert den IT-Arbeitsmarkt. Doch was heißt das genau? Mangel an Billigarbeitern?

IT-Experten beim Austausch über ein Problem

80.000 offene Stellen und der Fachkräftemangel

Ist das der berühmte Fachkräftemangel? Laut Bitkom gibt es im Moment 82.000 offene und kurzfristig nicht zu besetzende Stellen für IT-Spezialisten. Die meisten dieser Jobofferten richten sich in absteigender Folge an Software-Entwickler, Projektmanager, Anwendungsbetreuer und Security-Experten. Doch auch etwas exotischere Rollen wie der Data Scientist sind gefragt: Sieben Prozent der Unternehmen mit offenen IT-Positionen suchen einen solchen. Die Zahl der vakanten Stellen steigt im Jahresvergleich, 2017 waren es erst 55.000 Stellen. Die übergroße Mehrheit (82%) der Unternehmen beklagt einen Mangel an IT-Spezialisten und die meisten davon (59%) erwarten sogar, dass sich der Fachkräftemangel noch weiter verschärfen wird.

Jobmotor mit 1,1 Millionen Fachkräften

Viele Unternehmen beschweren sich weiterhin, dass IT-Jobs langsamer besetzt werden können als andere Position. So dauert es im Durchschnitt fünf Monate, bis eine offene Stelle den passenden Bewerber findet. Einer der Gründe: Inzwischen suchen alle Branchen nach Spezialisten und nicht nur die IT-Unternehmen im engeren Sinne. Das hat dazu geführt, dass der Jobmarkt im Bereich Informationstechnologie und Digitalwirtschaft zu einem Bewerbermarkt geworden ist. Ihre Gehaltsvorstellungen steigen und drei Viertel der Unternehmen beklagen dies auch. Das Problem: Nicht jede Stelle findet sich in einem finanziell potenten Konzern. Vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen, aber auch der öffentliche Sektor können oder dürfen beim Gehaltspoker nicht zu hoch mitzocken.

Trotzdem boomt der Arbeitsmarkt in der IT- und Digitalwirtschaft. Nach einer Bitkom-Prognose wird die gesamte IT-Branche bald 1,174 Millionen Menschen beschäftigen. „Die Digitalisierung ist ein zugkräftiger Job-Motor. In der Bitkom-Branche sind in den vergangenen fünf Jahren mehr als 150.000 Jobs entstanden“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Es könnten sogar mehr sein, meint der Branchen-Lobbyist, wäre da nicht der Fachkräftemangel. Denn auch der digitale Jobmonitor des Handelsblatts verzeichnet ein Wachstum an ausgeschriebenen Stellen für Digitalprofis. Er basiert im Unterschied zu der Bitkom-Befragung auf Stellenanzeigen, die nach den Profilen von 16 typischen Digital-Jobs gescannt werden.

Hier zeigt sich, dass im Moment vor allem Experten für künstliche Intelligenz gesucht werden, das Wachstum der offenen Stellen im dritten Quartal 2018 beträgt im Vergleich zum Vorjahresquartal 120 Prozent. Ähnlich stark im Aufwind sind Jobs im Fintech-Bereich und mit Expertise im Cloud Computing. Interessanterweise gehören auch Digitalberater und IT-Redakteure zu den verstärkt gesuchten Experten, vermutlich ein Reflex auf den immer noch hohen Aufklärungsbedarf bei Digitalthemen. Aus diesen Zahlen lässt sich ablesen, dass Jobs rund um IT und Digitalisierung eine sichere Bank für den Bewerber sind.

Ein stark davon abweichendes Bild geben die Kommentatoren in einschlägigen IT-Diskussionsforen. Der Tenor lautet dort: Es gibt keinen Fachkräftemangel, es gibt lediglich ein Überangebot an Jobs mit schlechten Arbeitsbedingungen und ärmlichen Gehältern. Tatsächlich finden sich in diesem Forum immer wieder Leute, die von miesen Erfahrungen berichten. Einige Beispiele: keine Rückmeldung auf die Bewerbung, Ablehnung trotz genauer Übereinstimmung des persönlichen mit dem ausgeschriebenen Profil, unterirdische Gehaltsangebote und vieles mehr. Dies zeigt, dass die rein statistische Sicht des Branchenverbandes nur eine von mehreren Seiten des Fachkräftemangels zeigt.

Unternehmen tragen zum Fachkräftemangel bei

Erfahrene IT-Experten und Arbeitsmarktspezialisten orten die Probleme auf allen Seiten. Der Fachkräftemangel ist in weiten Teilen hausgemacht, meint der Unternehmer und Autor Martin Gaedt. Nach seiner Erfahrung machen die Unternehmen ganze Reihe von typischen Fehlern, die auch von der Hamburger Karriereberaterin Svenja Hofert beklagt werden. Aus den Erfahrungen der beiden Experten lassen sich einige typische „No-gos“ für Unternehmen ableiten:

Stellenanzeige vom Checklisten-Typ veröffentlichen. Viele Unternehmen suchen Mitarbeiter mit wenig differenzierten und häufig nicht von Fachleuten formulierten Stellenanzeigen. Sie sind nicht präzise und nennen gesuchte Fähigkeiten, ohne auf ihre Gewichtung einzugehen. Dadurch wirken sie abschreckend und senken die Bewerberzahlen

100prozentige Passgenauigkeit von den Bewerbern fordern. Potentielle Kandidaten für einen ausgeschriebenen Job bieten in vielen Fällen nicht 100, sondern vielleicht nur 95 oder 90 Prozent der abgefragten Fähigkeiten und Erfahrungen. Natürlich würden sie ihren Job genauso gut wie der 100-Prozent-Kandidat machen, doch sie werden erst gar nicht eingeladen.

Menschen nicht mehr ausbilden oder weiterbilden. Normalerweise sollte gerade IT-Firmen mit Hochdruck ausbilden und weiterbilden. Doch genau das mögen einige Unternehmen offensichtlich nicht so gerne, wie die Lehrstellenstatistik im IT-Bereich zeigt. Der Unwille, Experten heranzuzüchten, führt natürlich logischerweise zu einem Mangel an geeigneten Arbeitskräften.

Ältere Arbeitnehmer für unproduktiv und ideenlos halten. Dieses Klischee ist nicht aus der Welt zu schaffen. Doch es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien, die weder bei Produktivität noch Innovationsfreude Unterschiede zwischen den Jahrgangskohorten feststellen.

Bewerber überschätzen sich bei der Jobsuche

Doch auch die Bewerber machen Fehler. In einem hochinteressanten Blogbeitrag hat der (übrigen über 50 Jahre alte) Thomas Reitz seine Erfahrungen mit der Jobsuche und Bewerbungen auf Entwicklerjobs zusammengefasst. Sie richten sich in erster Linie an bereits erfahrene oder gar extrem erfahrene (Ü50) Kandidaten. Daraus lassen sich aber gut ein paar Bewerber-No-Gos-ableiten:

Seine eigenen Fähigkeiten überschätzen. Das zeigt sich oft in den IT-Foren. Jeder dort ist ein Meister seines Fachs und kann jedem beliebigen anderen erklären, warum der überhaupt keine Ahnung hat. Diese Haltung funktioniert im Bewerbungsprozess mit einem Unternehmen nicht. Zumindest die Leute aus den IT-Fachbereichen haben im Zweifel von den genutzten Tools, Methoden und Prozessen mehr Ahnung.

Seinen Marktwert überschätzen. Die an zahlreichen Stellen im Internet genannten Gehaltsspannen bedeuten nicht, dass ein Jobwechsel direkt in den oberen Bereich führt. Auch sehr erfahrene Fachkräfte müssen erst einmal eingearbeitet werden und teure Mitarbeiter sind risikoreich. Reitz gibt hier einen guten Tipp: Ein Grundgehalt plus Erfolgszulage vereinbaren. Der Nachteil: Der Erfolg muss dann auch kommen.

Die Weiterbildung dauerhaft vernachlässigen. Informationstechnologie ist ein dynamisches Feld und ständige Weiterbildung Pflicht. Dazu gehört eine neugierige, experimentierende Haltung und Freude am Ausprobieren neuer Dinge. Leider veralten „Skills“ sehr schnell, selbst wenn sie dasselbe Label tragen. So ist ein KI-Experte auf dem Stand der 1990iger Jahre heute keiner mehr, denn er beherrscht nicht die gefragten Methoden und Werkzeuge.

Zu sehr an seiner Scholle kleben. Das im Moment bundesweit KI-Spezialisten gesucht werden, bedeutet nicht, dass dies auch für jede beliebige Region gilt. Wer sich beruflich verbessern möchte oder als Berufseinsteiger in einem bestimmten Gebiet arbeiten möchte, muss ortsflexibel sein und unter Umständen lange Anfahrtswege oder einer Wochenendbeziehung in Kauf nehmen.

Bildquelle: Thinkstock 

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