Industrie 4.0 als Irrweg

Absturz von der Euphorie in die Desillusionierung

Das Konzept der Industrie 4.0 verhindere Innovationen und die Schaffung neuartiger Geschäftsmodelle, sagen Kritiker wie Andreas Syska oder Karl-Heinz Land.

Nach der Industrie 4.0?

Wenn das Buzzword „Industrie 4.0“ im Gartner-Hypecycle stehen würde, wäre es wohl gerade an dem Punkt angelangt, an dem übertriebene Euphorie in völlige Desillusionierung umschlägt. Die Zahl der Kritiker wächst und sie kritisieren nicht nur Defizite bei der Umsetzung.

Die Einwände sind viel fundamentaler. Selbst ausgewiesene Evangelisten der digitalen Transformation wie Karl-Heinz Land befürchten, dass sich Deutschland mit Industrie 4.0 auf dem Irrweg befindet: „Das Konzept der „Industrie 4.0“ wiegt deutsche Unternehmen in trügerischer Sicherheit. Es ist nicht einmal halb so zukunftsweisend, wie viele denken.“

Industrie 4.0 verhindert innovative Geschäftsmodelle

Im Gegenteil, es verhindere Innovationen und die Schaffung neuartiger Geschäftsmodelle. Der Grund: „Mit Industrie 4.0 setzt die deutsche Wirtschaft auf das Immergleiche: Produktion, nun eben intelligenter mit den Mitteln der Digitalen Transformation.“

Der frühere hessische Landes-CIO Horst Westerfeld befürchtet, dass durch die Fixierung auf Industrie für Deutschland lediglich die Rolle des Zulieferers bleibt. Sein Resümee: „Für Startups ist Deutschland ohnehin kein sehr fruchtbarer Boden. Das liegt am geringen Risikokapital und den vielen bürokratischen Hürden.“

Die umfassendste Kritik kommt von Prof. Dr. Ing. Andreas Syska von der Hochschule Niederrhein. Sie ist 220 Seiten dick und trägt den Titel „Illusion 4.0. Deutschlands naiver Traum von der smarten Fabrik“. Pünktlich zum fünfjährigen Geburtstag der Initiative stört Syska mit seinem Buch die regierungsamtliche Industrie-4.0-Seligkeit: „Unhaltbare Heilsversprechen, zahlreiche Trittbrettfahrer und eine enorme mediale Aufmerksamkeit – Industrie 4.0 erfüllt alle Kriterien für einen Hype.“

Syska kritisiert in erster Linie die starke Konzentration des Konzepts auf die Smart Factory. Sein Eindruck: Die technische Revolution hört an den Werkstoren auf. Lediglich Fabrikausrüster und Maschinenbauer profitieren bisher davon und natürlich die großen Autokonzerne, die nach seiner Ansicht heimlich immer noch den Traum von der durchautomatisierten, menschenleeren Fabrik träumen.

Diese Entwicklung wird jedoch genau die scheinbaren Industrie-4.0-Profiteure aus dem Markt fegen, ist sich Syska sicher. Denn während in Deutschland technikverliebt an Sensorik und Schnittstellen getüftelt wird, entwerfen US-Unternehmen Geschäftsmodelle. Sie setzen ganz pragmatisch vorhandene Technologien ein und überlegen dann, welches Geld man auf welche Weise in welchen Märkten damit verdienen kann.

Die Smart Factory ist ein unrealistisches Idealbild

Der deutschen Wirtschaft sei deshalb bestenfalls der Platz in der zweiten Reihe sicher, als austauschbarer Hardwarelieferant von großen Internet-Konglomerate: „Die Amerikaner stecken die digitalen Claims ab und schürfen Gold, wenn die Deutschen sich darüber freuen, Spitzhacken und Spaten liefern zu dürfen.“

Tatsächlich gibt es einen Industrie-4.0-Mainstream, der genau diesen Eindruck hinterlässt: Es geht um Technik und nur um Technik, aber nicht um innovative Geschäftsmodelle, neue Organisationsformen und andere Arbeitsweisen.

Am Rande der Industrie-4.0-Szene gibt es zahlreiche Initiativen in dieser Richtung - etwa Professor Michael Henkel vom Fraunhofer IML, der das Management verändern will oder Johann Soder, der SEW-Eurodrive-CEO, der Lean Management in das Konzept integriert.

Doch viele Akteure und hier vor allem die üblichen Verdächtigen aus der DAX30-Großindustrie scheinen einem unrealistischen Idealbild nachzulaufen: Die Smart Factory produziert hocheffizient und ultragünstig dieselben Produkte (vulgo Autos) wie bisher. Dass die Hersteller dadurch neue, zukunftssichere und potenziell hochprofitable Märkte übersehen, ist ein Beispiel für die Sackgasse, in der sich manches Industrie-4.0-Projekt befindet.

Mehr noch: Es sei ein fundamentaler Denkfehler, man könne ein komplexes, chaotisches und soziales System wie eine Fabrik mit Algorithmen steuern, meint Syska. Ihn erinnert das an die Konzepte von der menschenleeren Fabrik der 1980er Jahre, die in der Praxis gescheitert sind.

Eigeninitiative und selbstbestimmte Arbeit kommen zu kurz

Eine der wichtigen Gründe für das Scheitern ist für ihn der Verzicht auf die Einführung adäquater Organisationsformen, etwa das Kaizen-Prinzip. Eigeninitiative, sinnhafte, selbstbestimmte Arbeit, Kreativität und vieles mehr kommen zu kurz. Syska: „In der Industrie 4.0 geht es darum, durch Vernetzung von Maschinen und Werkstücken die Fabrik zu perfektionieren.“

Dabei gehe die Aufgabe des Vorarbeiters von einer Person auf eine Maschine über. In der Smart Factory ist der Mensch eher in der Rolle des passiv ausführenden und nicht mehr unbedingt an der Gestaltung der Arbeitsprozesse beteiligt. „Ein klarer Schritt in Richtung Entmündigung“, betont Syska.

Er erwartet ein Scheitern solcher Überlegungen, da sie am Menschen vorbei entwickelt sind. „Die Rolle des Mitarbeiters wird nicht ernsthaft diskutiert. Die Protagonisten beschäftigen sich nicht mit der Frage, wie er eigentlich arbeiten will und wieso dies alles gut für ihn sein soll.“

Die letzte Frage ist entscheidend, nicht nur für den einzelnen Mitarbeiter, auch für die Unternehmen im deutschen Mittelstand. Warum das Ganze? Zwar sind sich alle Akteure inklusive der Kritiker darin einig, dass die Vernetzung und Digitalisierung die Welt verändern wird. Doch es werden die falschen Schlüsse gezogen.

„Deshalb hat Industrie 4.0 endlich die Technikecke zu verlassen und ist von der Gesellschaft und vom Markt her zu denken“, schreibt Andreas Syska in seinem anregenden und stellenweise hochironischen Buch. „Dies muss sich in neuen Geschäftsmodellen abbilden und bedarf der Bereitschaft, das eigene Geschäftsmodell unsentimental zu zerstören, statt es linear fortzuschreiben.“

Bildquelle: Thinkstock

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