Interview mit Dr. Ferri Abolhassan, T-Systems

Akzeptanz der E-Government-Angebote

Interview mit Dr. Ferri Abolhassan, Geschäftsführer bei der T-Systems International GmbH

Dr. Ferri Abolhassan, T-Systems International GmbH

Dr. Ferri Abolhassan, Geschäftsführer bei der T-Systems International GmbH

IT-DIRECTOR: Wie würden Sie die aktuelle Situation hinsichtlich des E-Governments in Deutschland beschreiben?
F. Abolhassan:
Aktuellen Studien des Bitkom oder der EU-Kommission nach finden die E-Government-Angebote in Deutschland noch nicht die gleich hohe Akzeptanz wie in anderen europäischen Staaten. Das trifft sowohl für die Nutzung durch Unternehmen als auch durch Bürger zu. Laut E-Government-Monitor 2014 der Initiative D21 nimmt die Nutzung solcher Angebote jedoch wieder leicht zu. Ein großer Kritikpunkt liegt aber in der mangelnden Information über das bestehende digitale Angebot. Das zeigt, dass wir so oder so noch mehr Aufklärungsarbeit leisten und den Nutzern die Vorteile, Möglichkeiten und Hintergründe der Angebote näherbringen müssen.

IT-DIRECTOR: Welche Behördengänge kann ein Durchschnittsbürger – über die Steuererklärung hinaus – heute bereits online erledigen? Welche werden wohl auch künftig eher in Papierform abgewickelt werden?
F. Abolhassan:
Das Angebot für durchgängig elektronische Prozesse ist noch überschaubar und wird erst sukzessive ausgebaut. So fallen auch bei der Abgabe einer Steuererklärung weiterhin Schritte an, die nicht digital sind, z. B. die Übermittlung der unterschriebenen Erklärung per Brief – sofern der Bürger nicht zuvor entsprechende Signaturen beantragt hat – oder das Einreichen von Belegen, Einsprüchen, Bilanzen, etc. Auch in Zukunft bleiben uns nicht alle Gänge zur Behörde erspart – aber das ist auch gut so. Beispielsweise ist die Beantragung eines neuen Personalausweises aus gutem Grund explizit an die persönliche Vorsprache bei der zuständigen Behörde gebunden und kann durch keine elektronische Form ersetzt werden. Hinsichtlich der Kommunikation innerhalb der Behörden ist der Anteil digitaler Prozesse hingegen bereits deutlich gestiegen, was zu mehr Effizienz und einer höheren Vernetzung untereinander beiträgt.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielt der neue digitale Personalausweis (nPA) – um den es zuletzt etwas ruhiger geworden ist – im Rahmen aktueller E-Government-Angebote?
F. Abolhassan:
Der neue Personalausweis ist aufgrund des regulären Austauschprozesses inzwischen flächendeckend verbreitet. Nicht alle Besitzer nutzen jedoch auch die Möglichkeit, sich damit online auszuweisen, wofür die eID-Funktion des Ausweises aktiviert werden muss. Auch hier kann sicherlich noch mehr Informationsarbeit geleistet werden. Ein positives Beispiel, das die Möglichkeiten digitaler Prozesse zeigt, ist Ingolstadt: Die Stadt bietet umfangreiche Verwaltungsdienstleistungen, die mit dem Ausweisdokument genutzt werden können – mehr als 60 Prozent der Nutzer haben die eID-Funktion daher auch aktiviert.

IT-DIRECTOR: Woran liegt es, dass seit vielen Jahren immer wieder E-Government-Projekte angestoßen werden, man in Deutschland jedoch noch weit von einer flächendeckenden Verbreitung entfernt ist?
F. Abolhassan:
Aufgrund verteilter Zuständigkeiten kommt es im E-Government schnell zu individuellen Insellösungen. Das ist nicht unbedingt schlecht, denn so entstehen auch unterschiedliche Ideen und Lösungsansätze. Allerdings fehlt es dadurch auch an der „Netzwerkdenke“ und der Verbreitung des Wissens, um für Kunden und die Verwaltung einen wirklichen Mehrwert zu schaffen. Auch mangelt es an einheitlichen und idealerweise von Menschen als auch Maschinen lesbaren Austauschformaten – hier helfen einheitliche Standards wie zum Beispiel der neue Personalausweis, De-Mail oder Ansätze wie Zugferd, die auch konsequent bei der Bereitstellung von E-Government-Angeboten berücksichtigt und genutzt werden müssen. Mit Hilfe solcher Standards kann es gelingen, E-Government-Anwendungen flächendeckend umzusetzen und damit positive Effekte sowohl für die Nutzer als auch die Verwaltungen zu erzeugen.

IT-DIRECTOR: Cyberattacken, NSA-Skandal oder Identitätsdiebstähle: Gerade in letzter Zeit gilt die elektronische Kommunikation alles andere als sicher. Wo lauern die größten Sicherheitslücken bei E-Government-Angeboten?
F. Abolhassan:
Neben der Absicherung der eigenen Infrastruktur durch die öffentliche Hand liegen die größten Herausforderungen in der sicheren Identität. Es gibt leider keine Garantie für eine hundertprozentige Sicherheit, doch fest steht: Bei allen E-Government-Angeboten muss der Schutz personenbezogener Daten und der Schutz der Privatsphäre an oberster Stelle stehen. Hier sind IT-Infrastrukturen gefragt, die die vertraulichen Informationen zu jedem Zeitpunkt sicher und hochverfügbar halten. Das betrifft die Speicherung im Rechenzentrum ebenso wie den digitalen Weg der Informationen vom Rechenzentrum zu einer Behörde oder den einzelnen Arbeitsplatzrechner eines Mitarbeiters. Das Thema Sicherheit ist demnach ein sehr komplexes und lässt sich nicht in wenigen Worten zusammenfassen. Ein großer Vorteil am Standort Deutschland, den viele Bürger vielleicht nicht kennen, ist, dass personenbezogene Daten die Landesgrenzen nicht einfach verlassen dürfen. Sofern das Rechenzentrum also in Deutschland steht, ist ein wichtiger Sicherheitsaspekt schon berücksichtigt.

IT-DIRECTOR: Inwieweit sollte man vor dem Hintergrund solcher Sicherheitsrisiken und Spionageaffären nicht eher auf digitale Dienste verzichten – zumindest was kritische Aktionen wie etwa Online-Wahlen anbelangt?
F. Abolhassan:
Die Digitalisierung bietet ein großes Potential, auch für die Öffentliche Hand. Denken Sie an die Anfangszeit der Eisenbahn. Da hatten die Menschen Angst, dass ihnen die Geschwindigkeit schaden könnte. Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben. Dennoch stellt sich nicht die Frage nach dem Verzicht, sondern nach den Chancen und damit verbunden nach dem richtigen IT-Sicherheitskonzept. Damit lassen sich die Risiken minimieren. Dafür muss man die möglichen Risiken bestmöglich kennen und entsprechend hochsichere Lösungen entwickeln. Das Bedarf umfassender Erfahrung und die Zusammenarbeit mit entsprechenden Spezialisten.

IT-DIRECTOR: Was muss die Öffentliche Verwaltung alles tun, um die Sicherheit ihrer Angebote künftig gewährleisten zu können?
F. Abolhassan:
Wie bereits erwähnt stehen der Schutz personenbezogener Daten sowie der Schutz der Privatsphäre an oberster Stelle stehen. Gerade in Deutschland verfügen wir über ein ausgeprägtes Sicherheitsverständnis und konkrete Lösungen, wie beispielsweise hochsichere Twin-Core-Rechenzentren, die diese Sicherheit auch in die digitale Welt übertragen können. Häufig ist das Thema IT-Sicherheit jedoch gar nicht ausreichend im Bewusstsein der Anwender verankert – beispielsweise verglichen zum Komfortverständnis. Der Nutzer selbst muss sich demnach ebenso weiterentwickeln, wenn man so will vom „digital native“ zu einem verantwortungsbewussten Netzbürger.

Ein wichtiger Aspekt ist die Verfügbarkeit der technischen und organisatorischen Maßnahmen. Es gibt viele Angebote – nur sind die Verwaltung (insbesondere kleinere) technisch und finanziell überfordert. Hier machen sicherlich Verbünde oder Zusammenschlüsse bzw. die Nutzung des Know-hows von Experten aus der Industrie Sinn, damit auch die Verwaltung „State-of-the-art-Security“ über alle Ebenen hinweg bieten kann.

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