Hybride Integration

Alle Schnittstellen im Blick

Im Interview erklärt Akio W. Wauer, Director of Sales DACH bei Axway Europe, wie Hybride Integration alte Barrieren aufbrechen kann, Fachabteilungen handlungsfähiger macht und die Verwaltung von komplexen IT-Landschaften vereinfacht.

  • Akio W. Wauer, Director of Sales DACH bei Axway Europe

    „Konsolidierung macht aus unserer Sicht dann Sinn, wenn mehrere Produkte innerhalb eines Unternehmens das Gleiche tun“, so Akio W. Wauer von Axway Europe.

  • Akio W. Wauer, Director of Sales DACH bei Axway Europe

    Akio W. Wauer, Axway Europe: „Lupenreine Cloud-Projekte auf der grünen Wiese gibt es nicht, es sei denn bei Start-ups. Es ist immer eine Legacy-Applikation im Spiel – in vielen Fällen sind es sogar mehrere.“

  • Akio W. Wauer, Director of Sales DACH bei Axway Europe

    „Kommt es in vielen Projekten zu einer isolierten, ­manuellen Integration, verliert man schon nach kürzester Zeit die Übersicht“, betont Akio W. Wauer von Axway Europe.

  • Akio W. Wauer, Director of Sales DACH bei Axway Europe

    Akio W. Wauer, Axway Europe, sagt: „In einem Unternehmen mit einer ‚API first‘-Strategie verschwimmt die Welt zwischen Provider und Benutzer.“

ITD: Herr Wauer, die Corona-Krise hat das Interesse an Services und Produkten aus der Cloud drastisch wachsen lassen. Wie nachhaltig ist diese Entwicklung aus Ihrer Sicht?
Akio W. Wauer:
Die Cloud ist in vielen Branchen schon längst Standard und nicht nur ein Trend. Ich denke, was die Corona-Situation eindrücklich gezeigt hat, ist, dass Unternehmen, die bereits heute eine „Cloud first“-Strategie verfolgen, deutlich besser und schneller auf die neuen Anforderungen reagieren konnten. Unternehmen mit einem klassischeren IT-Ansatz mussten in kürzester Zeit aufholen, was die erhöhte Nachfrage nach Cloud-Lösungen angestoßen hat. Die Entwicklung ist meiner Meinung nach deswegen nachhaltig, weil nun wirklich jedes Unternehmen sieht, dass es sich mit dem Thema beschäftigen muss, auch nach Corona.

ITD: Welcher Schritte bedarf es, um im Eiltempo vorgenommene Digitalisierungsmaßnahmen auch langfristig zu konsolidieren?
Wauer:
Das wird tatsächlich nicht einfach werden. Zum Glück ist die Konsolidierung nicht die einzige valide Strategie. Viele unserer Kunden fahren einen „Best of breed“-Ansatz und nutzen dafür unsere Amplify-Plattform zur Integration der einzelnen Lösungen. Konsolidierung macht aus unserer Sicht dann Sinn, wenn mehrere Produkte innerhalb eines Unternehmens das Gleiche tun. Auch hier empfehlen wir als Zwischenschritt die Integration der isolierten Dienste.

ITD: Wie hat sich das gesteigerte Interesse an Cloud-Services auf die Nachfrage bei Axway ausgewirkt?
Wauer:
Wir sehen zwei konkrete Auswirkungen der aktuellen Situation: eine pragmatische und eine strategische. Die pragmatische Nachfrage richtet sich danach, Mitarbeitern zu ermöglichen, von heute auf morgen hundertprozentig von Zuhause aus zu arbeiten. Der Schlüssel dafür ist eine Online-Collaboration-Plattform. Demensprechend hoch war die Nachfrage nach unserer Syncplicity Platform, die es den Mitarbeitern unserer Kunden ermöglicht, auf alle ihre geschäftlichen Daten von überall auf der Welt zuzugreifen und diese sogar zeitgleich mit Kollegen zu bearbeiten. Auf strategischer Ebene sehen wir das erhöhte Interesse unserer Kunden, bestehende Axway-Lösungen als Cloud-Dienst zu konsumieren.

ITD: Könnte das Ende des EU-US Privacy Shield die wachsende Popularität der Cloud Ihrer Meinung nach wieder ausbremsen?
Wauer:
Ich kann hier nur über unsere Erfahrungen sprechen und überlasse die Einschätzung der Lage den Experten. Was ich sagen kann, ist, dass das Interesse an Cloud-Lösungen ungebrochen scheint. Wir haben seit Bekanntmachung der Entscheidung mehrere Cloud-Verträge abgeschlossen. Da wir die DACH-Region ausschließlich aus Rechenzentren in Deutschland und dem europäischen Wirtschaftsraum bedienen, war der Wegfall des EU-US Privacy Shield bisher noch kein beherrschendes Thema. Wir haben uns aber vorbereitet und unsere Data Processing Agreements (DPAs) gemäß Empfehlung überprüft und angepasst.

ITD: Wie ausgeprägt sind die Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes in Ihrer Zielgruppe?
Wauer:
Sehr ausgeprägt. Und das sollten sie auch sein. Personenbezogene Daten sind ein höchst schützenswertes Gut. Jedes Unternehmen, welches eine Cloud-Lösung anbietet, sollte diese Bedenken ernst nehmen und gute und nachhaltige Konzepte für den Datenschutz vorweisen können.

ITD: Datenschutz ist das eine – doch inwiefern steht die Legacy-Welt der zügigen Umsetzung von Cloud-Projekten im Weg?
Wauer:
Das ist genau der springende Punkt und quasi auch unsere Daseinsberechtigung. Lupenreine Cloud-Projekte auf der grünen Wiese gibt es nämlich gar nicht, es sei denn bei Start-ups. Es ist immer eine Legacy-Applikation im Spiel – in vielen Fällen sind es sogar mehrere. Ich habe schon vielfach erlebt, dass die angestrebten Ziele einer neuen Lösung nicht realisiert werden konnten, weil in der Planungsphase das Integrationskonzept vernachlässigt wurde. Das beschränkt sich übrigens nicht nur auf Cloud-Projekte. Zum Glück sehen wir aber auch, dass dieses Problem mittlerweile erkannt wurde und viele unserer Kunden nun daran arbeiten, eine unternehmensweite Integrationsplattform einzuführen.

ITD: Wie funktioniert eine solche Plattform in der Praxis?
Wauer:
Wichtig ist, dass man „hybrid“ nicht nur auf die Infrastruktur, Cloud oder On-Premise bezieht, sondern auch auf die Integrationstechnologie. APIs sind sicherlich heute der präferierte Weg der Applikationsanbindung. Man darf z.B. nicht vergessen, dass viele Daten noch in Form von Dateien ausgetauscht werden. Das muss eine Integrationsplattform beherrschen. Oder das klassische EDI, welches sich bester Gesundheit erfreut und bei vielen unserer Kunden in der B2B-Kummunikation zum Einsatz kommt.

ITD: Es können also nicht nur die gängigen Betriebsmodelle, sondern auch verschiedenste Technologiebausteine in einem Ökosystem vereint werden?
Wauer:
Genau, darauf wollte ich hinaus: Eine echte Hybride Integrationsplattform (HIP) ist hybrid auf mehreren Achsen. Im Kontext der Infrastruktur betrifft das etwa die Verbindung von Cloud und On-Premise, bei der Integrationstechnologie wiederum das Zusammenspiel von API, EDI oder dateibasierten Technologien. Auf Unternehmensebene ergibt sich die Hybridität durch den Austausch zwischen internen und externen Akteuren.

ITD: Welche Anwendungsszenarien sind dabei am beliebtesten?
Wauer:
Wir sind stolz darauf, dass wir alle diese Szenarien und jegliche Mischformen in einer einzelnen Plattform abdecken können. Die meisten unserer Kunden starten ihren Weg zu einer HIP, indem sie ein Pilotszenario definieren. Am häufigsten beginnen die Unternehmen mit API Management, wobei dabei der Fokus ganz eindeutig auf dem Propagieren von APIs zur Außenwelt liegt. Das zweite Szenario, welches wir vermehrt bearbeiten, ist Managed File Transfer. Viele Unternehmen haben historisch mehrere Lösungen für die dateibasierte Kommunikation. Wir sehen einen deutlichen Trend, dies in einer zentralen Lösung zu konsolidieren. Auch hier empfehlen wir allen unseren Kunden, ein solches Projekt immer im Kontext einer Hybriden Integrationsplattform zu betrachten.

ITD: Welche Schwierigkeiten treten klassischerweise bei der manuellen Integration ohne eine entsprechende Plattformlösung auf?
Wauer:
Zuerst fallen mir da natürlich die operationalen Probleme ein: das klassische „Buy vs. Build“. Im Piloten war alles noch ganz einfach. Man hat schnell für das Testszenario eine händische Integration gebaut. Jetzt, im Projekt, stellt sich diese aber als ungeeignet heraus, da sie nicht skaliert. Die Security will sie darüber hinaus nicht abnehmen, da sie nicht den Unternehmensstandards entspricht. Auf einmal muss man ein Integrationsprojekt starten und das war im Projektbudget, zumindest in dieser Höhe, nicht vorgesehen. Dies sind ernsthafte Sorgen und belasten das individuelle Projekt.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 09/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Viel schwerwiegender sind jedoch die strategischen Folgen. Kommt es in vielen Projekten zu einer isolierten, manuellen Integration, verliert man schon nach kürzester Zeit die Übersicht. Wir hatten kürzlich eine Situation bei einem Kunden, bei der eine Analyse gezeigt hat, dass fast zwei Drittel der implementierten Point-to-Point-Integrationen keine einzige Transaktion in den letzten sechs Monaten zu verzeichnen hatten.

ITD: In welchen Branchen kommen Ihre Lösungen bevorzugt zum Einsatz?
Wauer:
Wir sind in der komfortablen Situation, dass es quasi keine Branche gibt, die heutzutage ohne Kommunikation funktioniert. In Deutschland ist unsere EDI-Lösung sehr stark in der Automobilindustrie vertreten. In den letzten Jahren haben wir ein unbeschreibliches Wachstum in der Finanzindustrie erlebt, welche mit „Open Banking“ eine wichtige Rolle in der Verbreitung des „API first“-Mindset gespielt hat. Wir sehen hier eine Vorlage für andere Industrien und haben daher die Devise „Open Everything“ ausgerufen.

ITD: Was verbirgt sich konkret hinter dem besagten „API First”-Gedanken?
Wauer:
„API first“ ist eine strategische Neuorientierung und ein Paradigmenwechsel. Die Grundidee hinter einem solchem Ansatz ist, dass man alle Entwicklungen in einem Unternehmen als Bausteine digitaler Wertschöpfungsketten nutzbar macht. Aus unserer Sicht setzt dies die Bereitschaft des Unternehmens und dessen IT voraus, sich öffnen zu wollen.

ITD: Mit der Commerzbank gehört auch ein großer Akteur der Finanzwelt zu Ihrem Kundenkreis, der diese Strategie konsequent verfolgt.
Wauer:
Die Commerzbank ist ein Pionier im Open Banking und wir sind stolz, dass wir als strategischer Partner für API Management ausgewählt wurden. Durch den konsequenten Ansatz, dass bei der Entwicklung von neuen IT-Services die API an oberster Stelle steht, wird es Kunden wie der Commerzbank ermöglicht, schnell und einfach neue Produkte an den Markt zu bringen.

ITD: Wie wirkt sich eine solche API-Strategie auf die Arbeitsweise der IT-Abteilungen aus?
Wauer:
Die Disziplin „IT“ hat bereits eine beeindruckende Transformation hinter sich – von technischen, monolithischen Experten hin zu Dienstleistern im eigenen Haus. Nun steht die nächste Transformation in einer offenen Welt an: zum Enabler. In einem Unternehmen mit einer „API first“-Strategie verschwimmt die Welt zwischen Provider und Benutzer. Eine moderne IT sieht seine Aufgabe nicht mehr nur darin, Dienste als Black Box zur Verfügung zu stellen, sondern arbeitet gemeinsam mit einer mündigen Fachabteilung, um diese zu befähigen, selbst aktiv zu werden.

ITD: Sie sprechen also von sogenannten „Citizen Integrators“?
Wauer:
Genau – wir sind der Überzeugung, dass eine der wichtigsten Aufgaben der HIP das so genannte „User Enablement“ ist. Das heißt, dass wir das Thema „Integration“ entmystifizieren und dem Benutzer die Möglichkeit geben, selbst aktiv zu werden, ohne immer gleich ein IT-Ticket aufmachen zu müssen. Eine zentrale Rolle spielen hierbei Self-Service-Portale und „Unified Catalogues“, welche elementare Komponenten in der Hybriden Integrationsplattform sein sollten. Fachbereichen ist es somit möglich, gewisse, meist vordefinierte Inte-grationsszenarien selbst umzusetzen. Wichtig ist dabei, dass eine gute HIP gleichzeitig auch eine Governance-Plattform ist, damit die IT-Abteilung immer weiß, welche Integrationsszenarien wie stark genutzt werden.

ITD: Welchen Effekt hat eine umfassende Lösung für das API Management auf den Austausch mit externen Partnern?
Wauer:
Das beeinflusst sich natürlich. Vereinzelt sehen wir z.B. Automobilhersteller, die ihren Zulieferern vorgeben, in Zukunft per REST APIs zu kommunizieren. Aber es gibt immer noch viele Kunden, die langfristig mit verschiedenen Technologien planen. Daher sehen wir eine Hybride Integrationsplattform wie unsere Amplify-Plattform auch nicht als Zwischenlösung, sondern als elementare Komponente für die Zukunft.

ITD: Lassen sich APIs in diesem Kontext auch monetarisieren?
Wauer:
Es hält sich ja hartnäckig die Legende der direkten Monetarisierung von APIs. Ich persönlich glaube aber, dass Sie es schwer haben werden, einen signifikanten Umsatz für die Lizenzierung von APIs zu realisieren, wenn Sie nicht gerade Apple, Google oder Facebook sind. Unternehmen sollten sich auf die indirekte Monetarisierung fokussieren. Das ist ein komplexes, aber enorm wichtiges Feld. Es ist häufig ein Vehikel, um die Akzeptanz für einen „API first“-Ansatz im eigenen Unternehmen zu erreichen. Wir haben mit unserem Catalyst-Team eigens eine Abteilung geschaffen, um Kunden auf diesem Weg zu unterstützen. Diese acht API-Evangelisten sind über die Welt verteilt und zeichnen sich dadurch aus, dass sie selbst schon mehrere API-Programme geleitet haben.

ITD: Welchen Stellenwert haben Hybride Integration und API Management für die Gesamtbetrachtung einer IT-Strategie?
Wauer:
Der Stellenwert ist enorm gestiegen. Eine IT-Strategie muss immer die Unternehmensstrategie unterstützen. In der heutigen Zeit ist die ständige Transformation überlebenswichtig für die meisten Unternehmen. Wir sehen uns als Plattform für die Transformation. Dafür bekommen wir Unterstützung von den wichtigsten Analysten, denn sowohl im „Gartner Magic Quadrant for Full Life Cycle API Management“ als auch in der jüngst veröffentlichten „Forrester Wave“ sind wir als Leader bewertet.

ITD: Welche Entwicklungen erwarten Sie in nächster Zeit für Ihr Marktsegment?
Wauer:
Der Markt entwickelt sich schnell zu einer neuen Phase, in der API-basierte Integrationsprojekte eine wichtige Rolle für den Geschäftserfolg spielen. Wir sehen immer häufiger, dass das Volumen von Millionen von Transaktionen pro Monat auf Milliarden übergeht. Auf Produktseite sehen wir immer mehr Interesse an Technologien wie event-based APIs, Service Meshes und neuen Anforderungen an die Skalierbarkeit.


Akio W. Wauer
Alter: 39 Jahre
Familienstand: verheiratet, ein Kind
Werdegang: Von 2005 bis 2012 Software Client Leader bei IBM Deutschland, danach bis 2019 Global Account Director bei SAP Schweiz, seit 2019 bei Axway.
Derzeitige Position: Director of Sales DACH
Hobbys: Kochen (insbeson­dere aufwändige BBQ-­Gerichte), Home Automation und Aktivwochenenden mit der Familie.


Bildquelle: Claus Uhlendorf

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