Digitaler Rückstand

Am Anfang der digitalen Transformation

Wie weit ist die digitale Transformation in der Wirtschaft? Nicht sehr weit, lässt sich aus Studien zum Thema ableiten. Oft ist es auch alter Wein in neuen Schläuchen.

"Digitale Revolution: Verpasst Deutschland den Anschluss?" fragen die Analysten vom Beratungsunternehmen PriceWaterhouseCoopers (PwC). Die knappe Antwort lautet: Das könnte passieren, wenn das Land nicht Gas gibt.

In der Studie "Digitalisierungsbarometer 2015" hat PwC untersucht, wie weit der technologische Wandel in der deutschen Gesellschaft und in den Unternehmen bereits vorangeschritten ist. Das Ergebnis: Von einer Digitalisierung der Gesellschaft, die alle Lebensbereiche erfasst, ist Deutschland noch weit entfernt.

Die Deutschen haben bislang lediglich einen Digitalisierungsgrad von 40 Prozent erreicht. Damit ist in erster Linie die Verbreitung von digitalen Technologien im Alltag gemeint. Die deutschen Unternehmen dagegen haben den technologischen Wandel besser bewältigt: Hier ist der Digitalisierungsgrad bei 66 Prozent.

Unternehmen stehen noch am Anfang

Doch was heißt das? Ein etwas genauerer Blick zeigt, dass die Unternehmen trotz dieser positiv wirkenden Zahl in der Mehrheit noch ganz am Anfang stehen. Echte Elemente der Digitalisierung wie zum Beispiel mehr Mitsprache der Kunden oder der Mitarbeiter bei der Produktentwicklung sind noch eine Seltenheit. Lediglich ein Drittel der Unternehmen experimentiert mit digitalen Technologien in dieser Richtung.

Zurzeit überwiegt noch Versuch und Irrtum, diese und andere Studien sehen die deutsche Wirtschaft erst in der Pilotphase. So besitzt nur etwa die Hälfte der Unternehmen eine digitale Strategie, um den Einsatz digitaler Technologien in das Geschäftsmodell zu integrieren. Außerdem ist fraglich, ob es sich um eine echte digitale Transformation handelt und nicht vielmehr eine Übertragung bisheriger Ansätze in einen anderen Bereich.

So geben 65 % der befragten Unternehmen an, sie nutzen Social Media, um Informationen über ihre Kunden zu erhalten oder mit ihnen zu kommunizieren. Doch entscheidend ist die Art der Nutzung. Ein Beispiel: Zu viele Unternehmen nutzen Facebook-Seiten lediglich dazu, um die auch anderswo verbreiteten Pressemitteilungen zu veröffentlichen.

Ist so ein Vorgehen ernsthaft als digitale Transformation zu bezeichnen? Auch auf Facebook sind Verlautbarungen eben nur dies und nicht etwa dialogorientierte Ansätze der Digitalisierung. Ebenso vorsichtig setzen Unternehmen Technologien für "Social Collaboration" ein, denn schließlich lässt sich in einem Enterprise Social Network auch die fein ziselierte Hierarchie deutscher Konzerne abbilden.

"Die digitale Transformation ist im Vergleich zu Technologieprojekten eher ein Prozess und ein Projekt zur Veränderung der Unternehmenskultur", bestätigt Katja Schmalen, Marketing Director bei IDC. "Unserer Meinung nach sind eher weiche Faktoren aus dem Bereich Unternehmenskultur und Fähigkeiten des Unternehmens wichtig."

Ein weiterer Knackpunkt ist die Innovationskultur der Unternehmen. Neue Ideen müssen ständig in den Prozess der digitalen Transformation einfließen. Katja Schmalen: "Schlüsselfaktoren sind unter anderem die Einstellung zu Risiken und die Fähigkeit zur Innovation."

Altbewährtes aus der Digitalisierung herauspicken

Das sehen die Unternehmen häufig anders und zwar sehr aus einem sehr traditionellen Blickwinkel: Digitale Technologien sollen die Produktivität steigern (73 Prozent), Kosten senken (72 Prozent) und die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens erhöhen (70 Prozent). Diese Zahlen ergab eine Studie von Accenture mit dem schönen Titel "Disrupt Or Be Disrupted: The Impact Of Digital Technologies On Business Services".

Die Unternehmen haben laut dieser Studie einhellig die Bedeutung digitaler Geschäftsmodelle erkannt. Aber im Vordergrund stehen straffe Prozesse in Verkauf und Marketing, in der Lieferkette und der Beschaffung. Anders ausgedrückt: Die Kulturrevolution durch die Digitalisierung wird zunächst einmal zurückgestellt, auch in den global agierenden Unternehmen aus der Accenture-Studie.

Das klingt nur wenig nach Disruption, sondern eher nach den für reife Märkte üblichen Effizienzinnovationen. Bekannt ist das von den Autoherstellern: Die Produkte werden immer aufwendiger und ausgefeilter, aber auch immer unhandlicher und teurer.

Von neuen Geschäftsmodellen ist lediglich in den Sonntagsreden der Manager die Rede. Unter der Woche geht es eher darum, aus der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft nur das herauszupicken, was den eigenen, traditionellen Zielen dient.

Wird das die deutsche Industrie retten? Ist es schon digitale Transformation, wenn zu den etwa 100 elektronischen Systemen eines Oberklassenautos noch das 101. für autonomes Fahren kommt? Wie würde ein voll digitalisiertes Unternehmen vorgehen? Würde es das Auto vollkommen neu erfinden?

Bildquelle: Dirk Kruse / pixelio.de

Links:

  • Die PwC-Studie zur digitalen Transformation
  • Die Accenture-Studie über die Folgen der digitalen Technologien

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