SAP Hana oder IBM DB2 Blu Acceleration?

Aufholjagd in Sachen In-Memory-Technologien

Bei Business Intelligence (BI), Fibu und Controlling kann In-Memory-Technologie für deutlich raschere Prozesse sorgen. Neben SAP mit Hana hat jetzt IBM mit DB2 Blu Acceleration seinen Hut in den Ring geworfen. Das könnte für Unfrieden zwischen den strategischen Partnern sorgen.

Die Aufholjagd in Sachen In-Memory-Technologien ist eröffnet.

„Die Mitarbeiter in den Bereichen Business Intelligence und Controlling müssen sich langfristig auf neue Werkzeuge einstellen, denn durch die neuen Tools ändern sich die Geschwindigkeit, Frequenz und Effizienz von Planungsprozessen“, prognostiziert Dr. Carsten Bange, geschäftsführender Gesellschafter des Business Application Research Centers (Barc). Das Interesse an analytischen Datenbanken habe stark zugenommen. „Gerade in den letzten anderthalb Jahren haben wir viele Proofs of Concept und tatsächliche Anschaffungen gesehen“, berichtet der BI-Experte. Und gerade kommt Bewegung in den Anbietermarkt. Erst im Juni hatte IBM in einer Pressemitteilung sein neues Produkt DB2 Blu Acceleration mit der Bemerkung „zehn Mal schneller als ein anderes, wohlbekanntes In-Memory-Datenbanksystem“ veröffentlicht, in der deutschen Übersetzung abgemildert zu „zehn Mal schneller als andere In-Memory-Datenbank-Systeme“.Das forderte Ken Tsai, Vice President and Head of SAP Hana Product Marketing, zu einer Richtigstellung in neun Punkten heraus: „Mit der Freude über Blu kamen jedoch viele substanzlose Behauptungen und übertriebene Bemerkungen von IBM, die bereits für Verwirrung in IBMs eigenem Kundenbestand gesorgt haben”, schreibt Tsai. Stein des Anstoßes ist vor allem, dass SAP mit Hana meint, erstmals die Trennung zwischen transaktionalem (OLTP) und analytischem Ansatz (OLAP) überwunden zu haben. Dagegen sei DB2 Blu nur auf die Abfragebeschleunigung bei vorselektierten Tabellen beschränkt, so Tsai.

Kein Wunder, dass später im 44-seitigen Blog, bei dem auch vermeintliche Oracle-Spione, viele Respektsbekundungen und weitere Streitereien ins Spiel kommen, ernste Bedenken auftreten: „Ich hoffe nur, dass IBM und SAP einen Weg finden, dies auf freundlichem Weg zu lösen und die Beziehungen zwischen den Unternehmen nicht da enden, wo die Beziehung zwischen SAP und Oracle heute ist”, schreibt ein IBM-Mitarbeiter. „Die strategische Gesamtlage zwischen IBM und SAP ist eine andere als zwischen SAP und Oracle, wo offene Feindschaft regiert. IBM hat immer noch ein großes Interesse an einer guten Beziehung zu SAP, schließlich profitiert man auch in anderen Unternehmensbereichen wie Beratung, Hardware oder komplementäre Software traditionell direkt oder indirekt vom Geschäft der SAP“, meint BI-Experte Dr. Marcus Dill, Geschäftsführer des Beratungshauses Mayato dazu.

Datenbankhersteller herausgefordert

„Mit der Entwicklung und aggressiven Vermarktung von Hana hat SAP letztlich die Datenbankanbieter, die jahrzehntelang gutes Geld mit SAP-Kunden verdient haben, in Zugzwang gebracht. Dass IBM nun mit DB2 Blu reagiert hat, ist von daher nicht erstaunlich“, sagt Dill. Da die technologische Innovationskraft von IBM unbestritten sei, dürfe man gespannt sein, ob es Big Blue gelingt, den Vorsprung der Walldorfer aufzuholen und ein ernsthaftes Konkurrenzangebot zu positionieren. SAP hatte Hana als Plattform mit integrierter, auch semantischer Analytik aufgestellt, nicht als reine In-Memory-Datenbank. Die Plattform steht bereits für das Kernstück „ERP Business Suite“ zur Verfügung, demnächst sollen alle Produkte damit unterlegt sein. Ziel dabei ist vor allem die operative Ausrichtung, analytische Prozesse zu beschleunigen und das Wissen aus den Daten an der richtigen Stelle im Prozess zur Verfügung zu stellen. „SAP hat technologisch mit Hana nichts Brandneues erfunden. Datenbanksysteme, die auf analytische Aufgabenstellungen, Spaltenorientierung und Ausführung im Hauptspeicher ausgelegt sind, gibt es seit gut zehn Jahren. Neu ist jedoch die Kombination als Plattform aus Datenbank und Applikationsserver, auf der die SAP-Anwendungen diese Technologie und die hohe Abfragegeschwindigkeit direkt nutzen können“, erklärt Bange.

Kombination mehrerer In-Memory-Technologien

Nun versucht IBM mit einem „Beschleuniger“ seiner DB2-Datenbank zu kontern, auf der vor allem in den USA viele SAP-Installationen laufen. Die neue Version soll mehrere Technologien kombinieren, wie In-Memory-Computing, spaltenorientierte Datenbanktabellen, Data Skipping, SIMD (Single Instruction Multiple Data) und aus dem Supercomputing stammendes Vektorrechnen. „IBM hat eine Reihe von vielversprechenden Ideen in Blu eingebaut, die insbesondere den effizienten Umgang mit dem Arbeitsspeicher betreffen. Auf dem Papier steht eine hervorragende In-Memory-Lösung zu erwarten, die durchaus das Potential hat, Hana Konkurrenz zu machen. Es wird für Big Blue nun vor allem darum gehen, in Projekten zu zeigen, dass diese Ideen auch in der Praxis funktionieren und zu spür­baren Effekten führen“, urteilt Dill. Dabei dürfte vorrangig zu klären sein, wie die schnelleren Ergebnisse am richtigen Punkt zum User kommen – schwer vorstellbar, dass zumindest bei SAP-Anwendern ein anderer Anbieter so tief in die Embedded Analytics einsteigen kann.

Doch was bedeutet der neue Hype überhaupt für die Anwender? „Bei der Business Suite der Walldorfer kommt damit für Anwender eine neue Fragestellung auf: Inwiefern könnte sich mein operativer Prozess verändern, wenn er schneller wird?“, meint Bange. Wenn beispielsweise eine Stücklistenaufstellung im Sekundentakt zur Verfügung steht, könnte sich der Service verbessern, indem der Kunde umgehend erfährt, ob und bis wann das gewünschte Produkt gebaut werden kann. Auch in der Finanzbuchhaltung könnte es schneller gehen. Rechenintensive Vorgänge wie die häufig sehr komplexe Kostenumlage, bei der auf viele Kostenstellen und Kostenträger gebucht wird, oft mit einem mehrstufigen Umlagesystem, verschlingen traditionell viel Zeit.

Explorative Datenanalysen gefragt

„Im Fokus der neuen Tools stehen Planung und Simulation. Gefragt sind mehr explorative Analysen und prognostische Planungen, hier können Anwender massiv von den neuen Möglichkeiten profitieren“, erklärt Bange. Die Nachfrage dafür sei durchaus vorhanden. „Viele Unternehmen sind an einem schnelleren Berichtswesen interessiert, sie möchten Fragen sowohl schneller stellen als auch beantwortet bekommen“, stellt Bange fest. Sehnsucht dürfte bei den Fachnutzern vor allem beim Erkunden von Auffälligkeiten und ­deren Gründen bestehen, denn das wird mit herkömmlichen Tools rasch mühsam, meint Bange. Hinzu kommt der Aspekt der Datenverfügbarkeit, der sich mit neuen Tools deutlich verbessert. Während im Controlling in der Regel auf aktuellere Daten aus dem nächtlich oder wöchentlich durchgeführten Datenabgleich gewartet wird, könnte sich mit In-Memory-Technologie die Aktualisierung erheblich beschleunigen. „Das wäre im operativem Controlling relevant, wenn es darum geht, sofort zu entscheiden, ob Waren umgelagert, die Online-Werbung anders geschaltet oder ein Service verändert werden soll“, so Carsten Bange.

In der Praxis finden sich ganz unterschiedliche Anwendungsbereiche für analytische Datenbanken. Zum einen sind da kleine Projekte, bei denen es um ein konkretes Problem geht, bei dem eine schnelle Übersicht über eine bestimmte Menge an Daten benötigt wird. Hier sind es besonders Fachabteilungen oder deren Unterbereiche, die in kleinen Projekten Anwendungen beispielsweise von Microsoft, Board, Qliktech oder Commasoft einführen.

Auch im Bereich Datenmanagement, wenn es um das Bereitstellen einer Data-Warehouse-Infrastruktur für mehrere Abteilungen oder Bereiche geht, liegt der Fokus zunehmend auf entsprechenden Produkten, Beispiele sind Exadata, Greenplum oder IBM Netezza und DB2. „Diese Produkte kommen immer dann ins Spiel, wenn eine Datenbank mit hoher Performance für analytische Zwecke benötigt wird. Hier lässt sich ein deutlicher Zugewinn im Vergleich zu standardrelationalen Datenbanken erreichen“, so Bange. Barc hat dazu vor kurzem die Studie „Analytische ­Datenbanken“ veröffentlicht. Die Open-Source-
Gemeinde greift das Thema analytischer Datenbanken ebenfalls auf, besonders prominent ist die Big-Data-Datenbank Hadoop. Hadoop sieht BI-Spezialist Bange eher als Ergänzung, auch wenn es durch Weiterentwicklungen wie Hive (SQL für Hadoop) interaktiver benutzbar wird. „Die Kernidee besteht darin, dass sich für bestimmte Arten von Anwendungen mit spezifischen Datenmodellen die Daten in nicht relationalen Datenbanken viel effizienter ablegen lassen“, meint Bange. Ein Beispiel sind Shopanwendungen, bei denen häufiger die Open-Source-Lösung Mongo DB zum Einsatz kommt, aber auch Graphendatenbanken für die Darstellung von Beziehungen oder Suchtechnologien können Einsatzgebiete für NoSQL sein. Der Begriff NoSQL (not only SQL) steht für die Ergänzung relationaler DB-Konzepte um andere, flexiblere Formen der Datenspeicherung.

Bestens aufgestellt für In-Memory

Ein Beispiel rund um die Nutzung der neuen Technologien ist die Papierfabrik August Koehler. Diese hat sich 2012 dafür entschieden, SAP Hana für das Vertriebs- und das Bestandscontrolling einzuführen. „Die Arbeitsweise bestand in der Vergangenheit darin, dass die Abteilung Fibu-Controlling für die Fachbereiche umfangreiche Standardauswertungen zur Verfügung gestellt hat. Zuvor musste sich die IT jedoch um die Datenmodellierung und die Cube-Erstellung gekümmert haben“, sagt Jörg Behnisch, Bereichsleiter IT und Organisation bei der Papierfabrik August Koehler. Sobald sich die Struktur der Auswertung veränderte, musste nicht nur vom Controlling die Query (Abfrage) geändert werden, sondern auch die Info-Cubes von der IT. Damit waren vor allem Zeitfaktoren verbunden. „Durch Hana wurde das Standardreporting sehr stark durch Ad-hoc-Reporting abgelöst“, berichtet Behnisch.

Nach dem Selbstbedienungskonzept können die Endanwender aus den Fachabteilungen jetzt mit SAP BO Analysis rascher spezifischere Ad-hoc-Auswertungen erstellen als vorher. In der Abteilung Fibu-Controlling sind die Anfragen für Standardreports deutlich zurückgegangen. Das bedeutet: Jetzt ist mehr Zeit da für qualifizierte Abfragen und strategisches Controlling. „Der Budgetprozess konnte um rund eine Woche beschleunigt und qualitativ verbessert werden“, berichtet Behnisch. Für das Budget werden sämtliche Absatz- und Umsatzzahlen zusammengetragen und daraus die Leistungs-, Kapazitäts- und Kostenplanung ermittelt. Für die Spartenleiter und deren Assistenten könnten zudem nun unmittelbar vor der Besuchsplanung die wichtigen Kennzahlen für den Kunden auf einer granularen Ebene direkt ermittelt werden, um mit aktuelleren und hochwertigeren Kennzahlen besser auf Gespräche vorbereitet zu sein. Zudem entfallen in der IT einige der Aufwände, die in die Performance-Optimierung des Business Warehouse gesteckt wurden.

„Die Mitarbeiter sind zufrieden, da es in ihrer Verantwortlichkeit und ihrem Zugriff liegt, die gewünschten Infos zu erhalten“, sagt Behnisch. Da das Abfragetool an Excel angelehnt sei, kämen die Mitarbeiter mit der Bedienung gut klar. „Die Hana-Einführung war eine IT-strategische Entscheidung, weil wir davon überzeugt sind, dass die Datenbanktechnologien in den nächsten Jahren grundsätzlich in Richtung In-Memory gehen und wir unsere IT frühzeitig so aufstellen wollen, diese Technologie zu beherrschen“, erklärt der IT-Leiter. Aktuell prüfe man, das ERP-System ebenfalls mit Hana laufen zu lassen, damit sich die Prozesse beschleunigen und im ERP-Umfeld direkt Auswertungen erstellt werden können.

www.ibm.de

www.sap.de

www.koehlerpaper.com

Bildquelle: Thinkstock/Lifesize

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