Wie reif ist die AR-Technologie?

Augmented Reality in der Logistikindustrie

Augmented Reality (AR) bietet großes Potential für die Logistikindustrie, wird dort aber noch recht selten ­eingesetzt – hauptsächlich in ­Pilotprojekten (zum Beispiel der Einsatz von Datenbrillen in der Kommissionierung). Ein Grund scheint die bisher fehlende ­Reife der Technologie zu sein.

Ist die Augmented-Reality-Technologie schon ausgereift? – Laut verschiedener IT-Anbieter liegt der primäre Nutzen von AR für Unternehmen in der Reduzierung von Ausführungszeiten, einer daraus resultierenden Leistungssteigerung sowie der Verringerung von Fehlern.

„Aktuell befinden wir uns in einem frühen Stadium, so dass noch nicht vorauszusehen ist, wann die AR-Technologie zum Standard in den logistischen Abläufen der Unternehmen wird“, bestätigt Christian Erb, Spezialist für IT-Lösungen mit Augmented Reality im Lager bei der Salt Solutions GmbH. Allerdings ist er sich sicher, dass Augmented Reality zukünftig eine wichtige Rolle in der Logistik spielen wird. Schließlich hat jene Technologie, die eine computergestützte erweiterte Realität ermöglicht, das Potential, bereits bestehende Logistikprozesse zu optimieren bzw. effizienter zu gestalten. „Insbesondere bei komplexen Lagerprozessen mit hohen Anforderungen an Prozesssicherheit und -transparenz werden Unternehmen von der Technologie profitieren“, ergänzt Erb. Die Eignung einer AR-Anwendung ist dabei fallweise zu beurteilen. Anwendungen, in denen hochspezialisierte Aufgaben zu erledigen sind, oder logistische Prozesse, die nicht so häufig auftreten oder oft wechseln, eignen sich laut Axel Lechler, Senior Business Developer Industrial Solutions bei der Metaio GmbH, besonders gut.

Ob es sich bei Augmented Reality um eine wirklich anwendbare Lösung oder lediglich einen aktuellen Hype handelt, findet Gina Chung schwer einzuschätzen. Die Projektmanagerin Trend Research bei DHL Customer Solutions & Innovation betont, dass AR in der Logistik insbesondere im Vergleich zur Automobilindustrie noch in den Kinderschuhen stecke. „Dies ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass sich die meisten aktuell produzierten Augmented-Reality-Headsets an den Bedürfnissen der Endverbraucher orientieren und sich nicht für das Logistikumfeld eignen“, so Chung. Daneben gelte es, weitere Hürden wie Akkulaufzeit, Rechenkapazität und Benutzerfreundlichkeit zu überwinden, bevor Logistikanbieter AR-Geräte in das tägliche operative Geschäft übernehmen könnten. Auch Axel Lechler ist der Meinung, dass die Hardware bisher unausgereift ist und somit den logistischen Anforderungen noch nicht gerecht wird: „Beispielsweise bieten Datenbrillen heute schon Möglichkeiten zum freihändigen Arbeiten, allerdings reicht hier die Akkuleistung noch nicht aus. Andere Head-up-Displays wiederum bieten zwar ausreichend Energie, aber nicht die technische Grundlage, um ausgereifte AR-Anwendungen zu nutzen. Heutige Anwendungen beschränken sich meist darauf, Informationen in Schriftform in das Sichtfeld des Anwenders einzublenden.“

Mögliche AR-Einsatzfelder

So werden die Unternehmen wohl noch eine ganze Weile Skepsis gegenüber Augmented Reality zeigen, bis schließlich ein Großteil der Hürden überwunden ist. Meist wollen die potentiellen Anwender zunächst den Nutzen bzw. Vorteil einer neuen Technologie durch eine ROI-Analyse (Return On Investment) schwarz auf weiß nachgewiesen haben. „Wenn es gelingt, ein Pilotprojekt zu installieren, ließen sich diese Zahlen entsprechend ermitteln“, bemerkt Stefan Hübner, Geschäftsführer der Smilog GmbH.

In der Forschung spielt das Thema „AR“ schon seit Jahren eine wichtige Rolle. So wurde etwa am Lehrstuhl für Fördertechnik Materialfluss Logistik (Fml) der Technischen Universität München bereits 2009 ein Forschungsprojekt erfolgreich abgeschlossen, in dem ein System zur AR-unterstützenden Kommissionierung auf Basis einer Datenbrille (Pick by Vision) entwickelt wurde. Darüber hinaus stellten einige Hersteller vor kurzem erste kommerzielle Produkte vor, die ebenfalls auf den Einsatz in der Kommissionierung abzielen. „Zudem präsentieren in letzter Zeit verstärkt Unternehmen u.a. in Fachzeitschriften, auf Messen sowie in Internetvideos ihre Visionen“, so Tobias Rammelmeier, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Fml, „wie AR in verschiedenen Anwendungsbereichen in der Logistik eingesetzt werden kann.“

In der Kommissionierung sähe das z.B. wie folgt aus: Die Mitarbeiter werden visuell durch das Lager geführt und können beide Hände einsetzen, da die aufgesetzte Datenbrille zusätzliche Hardware wie Scanner oder Packlisten überflüssig macht. Die Brille kann wie ein Navigationssystem den Kommissionierern oder Staplerfahrern den schnellsten Weg zeigen. Im Prozess können z.B. Serialnummern und sonstige Zusatzinformationen über das kommissionierte Produkt unmittelbar und ohne Zusatzaufwand aufgenommen werden. Ebenso kann im Prozess sofort der Zustand der Verpackung oder des Produkts selbst analysiert werden. „Damit lässt sich eine Qualitätskontrolle der Ware im Wareneingang genauso wie bei der Kommissionierung oder Verpackung automatisch durchführen“, weiß Christian Erb von Salt Solutions. „Beweisfotos für Reklamationen werden dabei sofort miterzeugt.“ Beim Verpacken wiederum sei das Einblenden kontextsensitiver Verpackungshinweise möglich. All das erhöhe die Prozessqualität und in vielen Fällen zusätzlich die Effizienz. „Auch bei der Instandhaltung besteht Potential“, so Erb weiter, „wenn ein Spezialist über die Kamerafunktion der Datenbrille zugeschaltet wird und dem Mitarbeiter die erforderlichen Schritte erklärt – z.B. bei kleineren Reparaturen.“

Weitere Einsatzfelder sieht Holger Glockner, Mitglied der Geschäftsleitung beim Beratungsunternehmen Z_punkt GmbH, im Außendienst – sprich der Paketdienst übergibt eine wertvolle Sendung erst, nachdem er per Gesichtserkennungstechnologie die Identität des richtigen Empfängers geprüft hat. Und Lieferfahrzeuge könnten etwa Frontscheiben beinhalten, „die in Echtzeit Verkehrsdaten sowie weitere wertvolle Informationen wie Frachttemperaturen und Warnungen einblenden.“ Im Bereich der Flurförderzeuge arbeitet der Lehrstuhl Fml an der TU München derweil an einer neuartigen Projektionstechnik basierend auf einem Laserprojektor und einer fluoreszierenden Frontscheibe, bei der – anders als bei herkömmlichen Head-up-Displays – die ganze Frontscheibe zur Informationsdarstellung genutzt werden kann.

Ein bestimmtes Trainingsmaß

Was die Unternehmen nun brauchen, ist Mut, die Chancen und Möglichkeiten von Augmented Reality wahrzunehmen und „mit einem gewissen Pioniergeist frühzeitig auf diese Technologie zu setzen“, bemerkt Christian Erb. Klar definierte und stabile IT-gestützte Prozesse seien hierbei Grundvoraussetzung, die eine Einführung von AR in der Logistik unterstützt. Zudem müssen Unternehmen laut Axel Lechler ein gewisses technisches Verständnis, die Kenntnis eigener Prozesse und den Willen besitzen, alteingebürgerte Prozesse zu überdenken.

Um neue Technologien ins operative Geschäft einbinden zu können, beginnt das DHL-Trend-Research-Team beispielsweise stets mit einer Machbarkeitsanalyse. „Hierbei testen wir Lösungen in kontrollierten Umgebungen“, erklärt Projektmanagerin Gina Chung. „Dies erlaubt uns einen schnellen Überblick über die Vorteile, die sich schon heute aus dieser Technologie ergeben. Ausgehend von diesen Ergebnissen entscheiden wir, ob ein Pilotprojekt in einer echten Umgebung gestartet wird.“ Diesen Ansatz nutzte das DHL-Team z.B. bei seinem vorangegangenen Trendthema, der Low-Cost-Sensor-Technologie. „Hier testeten wir gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut“, so Chung weiter, „ob sich Microsofts Kinect-Sensoren besser zur Volumenmessung von Paletten eignen als die sonst üblichen Standardsensoren.“ Der gleiche Ablauf werde noch in diesem Jahr mit einem Augmented-Reality-Projekt umgesetzt.

Der Einführungsaufwand für eine komplette AR-Lösung beispielsweise in der Kommissionierung sei dabei etwas höher als bei herkömmlichen Lösungen, meint Stefan Hübner von Smilog. Der Grund: Bei einer AR-Anwendung müssen z.B. die Wege und Plätze, die in der Brille eingeblendet werden sollen, in der Lösung komplett berücksichtigt werden. Zudem sei der finanzielle Aufwand etwas höher als bei einer Pick-by-Voice-Lösung. Mit einem gewissen Aufwand haben auch die eigentlichen Anwender zu rechnen, denn bei jedem neuen Gerät ist ein bestimmtes Maß an Training unerlässlich – und dies gilt auch für Augmented-Reality-Headsets. So bietet das Epson-Moverio-BT-200-Headset dem Erstnutzer z.B. eine ganz andere Art von Interface, weiß Gina Chung. „Hier bedarf es einiger Übung, um sich mit der Gestik- und Sprachsteuerung vertraut zu machen und problemlos mit ihr umgehen zu können.“ Auch Christian Erb betont, dass AR-Technologien Schulungen erfordern: „Die Anwender brauchen eine kurze Eingewöhnungsphase, um sich mit den Eigenheiten dieser Innovation vertraut zu machen.“ Grundsätzlich werden Mitarbeiter allerdings Schritt für Schritt durch die Prozesse geführt und müssen diese mit einfachen Bewegungen bestätigen, so dass Intuition und Ergonomie stärker ausgeprägt sind als bei bestehenden Technologien.

„Ziel muss es letztlich sein“, so Tobias Rammelmeier vom Lehrstuhl Fml, „die Interaktion mit einem AR-System so zu gestalten, dass für die Anwender der erforderliche Schulungsaufwand möglichst gering ist. Dass dieses Ziel durchaus erreichbar ist, haben Probandenversuche gezeigt, die wir im Bereich der AR-gestützten Kommissionierung durchgeführt haben.“ Bei geeigneter Konzeption eines Pick-by-Vision-Systems habe sich eine kurze Einweisung vor Ort sowie die Durchführung von einigen wenigen Testaufträgen als ausreichend erwiesen, um den Umgang mit dem System zu erlernen.

Vorteile vs. Risiken

Richtig eingesetzt liegt der primäre Nutzen von Augmented Reality für Unternehmen letztlich in der Reduzierung von Ausführungszeiten, einer daraus resultierenden Leistungssteigerung sowie der Verringerung von Fehlern. Durch die Bereitstellung von zusätzlichen Informationen wie etwa der Einblendung von Warnhinweisen auf dem Display können AR-Systeme laut Rammelmeier zudem einen Beitrag zur Erhöhung der Sicherheit leisten. Gleiches bestätigt Christian Erb: „Mit Augmented Reality können Mitarbeiter zum richtigen Zeitpunkt – etwa vor Betreten einer Lagerhalle mit Helmpflicht – auf Sicherheitshinweise und gesetzliche Vorschriften aufmerksam gemacht werden.“ Durch das Einblenden der Information komme der Arbeitgeber der Hinweispflicht nach. Im Gegensatz zu einem Sicherheitshinweis an der Wand erhalte der Mitarbeiter diese Information in dem Moment, in dem sie relevant ist. Das gehe bis hin zu Kollisionswarnungen, wenn sich beispielsweise ein Gabelstapler nähert.

Neben diesen Vorteilen sind aber auch einige Risiken zu beachten, die AR mit sich bringen kann. Beispielsweise könnten die Mitarbeiter durch die eingeblendeten Zusatzinformationen rasch überfordert werden. So müssen Unternehmen sicherstellen, „dass kontextbezogene Informationen nur bei Bedarf oder im richtigen Moment den Mitarbeitern eingeblendet werden. Sie müssen sich unterstützt und nicht überwacht oder gläsern fühlen durch diese Vernetzung.“ Dies merkt auch Holger Glockner von Z_punkt an: „Zu thematisieren sind hier insbesondere die datenschutzrechtlichen Fragestellungen. AR-Applikationen erfassen ein sehr hohes Volumen an personalisierten Daten, die im Extremfall sogar Rückschlüsse auf minutiöse Verhaltensweisen des Nutzers ermöglichen.“ Hier sei die Frage der Mitarbeiterakzeptanz entscheidend. Hinzu kommt, dass gerade bei Großunternehmen der Betriebsrat oftmals schwer von einer neuen Technologie zu überzeugen ist. Als Google beispielsweise seine Glasses veröffentlichte, bemerkt wiederum Gina Chung, gab es viele Schlagzeilen, die sich mit Datenschutzbedenken und dem Gebrauch in öffentlichen Räumen befassten. „Dennoch sind wir der Überzeugung, dass dies vor allem ein Thema für private Nutzer ist und in geringerem Maße die industrielle Anwendung betreffen wird.“

Auch wenn die Anwendung von Augmented Reality für die Logistikindustrie generell noch am Anfang steht, so sieht etwa DHL die Zukunft dieser Technologie positiv. „Viele Unternehmen unterschiedlicher Größe investieren in AR und wir erwarten große Fortschritte – gerade im Bereich der Hardware – innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre“, wagt Chung einen Blick in die Zukunft. Christian Erb schließt sich ihr an: „Maßgeblichen Anteil wird die Entwicklung der Hardware haben – also geeignete Datenbrillen für die Industrie. Wenn leistungsfähigere und im Lager erprobte Datenbrillen großflächig auf dem Markt erhältlich sind, lassen sich die bestehenden AR-Anwendungen für die Logistik effektiver nutzen.“

Bildquelle: © Thinkstock/iStockphoto

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok