ITIL & Co. werden privatisiert

Ausverkauf oder Chance?

Vom Nonprofit-Framework zum kommerziellen Produkt: ITIL, PRINCE2 & Co. gehören nicht mehr (nur) der britischen Regierung. Soll nur noch Geld damit verdient werden?

ITIL im Ausverkauf?

IT-Dienstleister und -Abteilungen nutzen sie als Folie für ihre tägliche Arbeit: ITIL, die “IT Infrastructure Library”. Die Best-Practice-Sammlung für das Management ist bekannt und beliebt. Ergänzt wird sie durch eine ganze Reihe von verwandten und auf ITIL abgestimmten Standards wie PRINCE2 (Projects in Controlled Environments) oder M_o_R (Management of Risk).

Bisher wurde die inzwischen auf acht Managementsysteme angewachsene Best-Practice-Bibliothek von der britischen Regierung entwickelt und verwaltet. Doch die Rechte gehen nun zu 51% an Capita plc über. In Großbritannien ist das Unternehmen ein Marktführer im Bereich Geschäftsprozessmanagement und Outsourcing.

Es plant zusammen mit dem bisherigen Rechtenutzer, dem Cabinet Office, die Gründung eines neuen Unternehmens, das die Weiterentwicklung aller Frameworks übernehmen soll. Teil der Vereinbarung ist die stattliche Summe von 500 Millionen Pfund, die Capita verteilt über die nächsten zehn Jahre an “Her Majesty's Government” zahlen soll.

Das soll nach Auskunft von Branchenkennern das fünf- bis sechsfache der bisher anfallenden Lizenzgebühren für ITL-Zertfizierungen sein. Die Furcht vor Preissteigerungen und der Status der Firma sorgen im Moment bei ITIL-Anwendern für Aufregung. Denn außerhalb der britischen Insel ist der neue Mitspieler unbekannt und vor allen Dingen in Sachen IT-Servicemanagement ein eher unbeschriebenes Blatt.

Das größte Problem vieler ITIL-Nutzer mit dem Verkauf: Das Framework wird nun zu einem kommerziellen Produkt. Bisher hatte es jedoch eher den Status einer Open-Source-Lösung, denn zahlreiche ITSM- und ITIL-Nutzer haben mit Ideen und Kritik zur Weiterentwicklung von ITIL beigetragen. Außerdem steckt sehr viel ehrenamtliche Arbeit in ITIL und den anderen Frameworks.

Der Schweizer Martin Andenmatten drückt es leicht pathetisch, aber korrekt aus: “Irgendwie haben alle, die hier mitgewirkt haben, dies auch aus einem einzigen Gefühl heraus getan: ITIL gehört uns allen und wir machen es für eine bessere IT-Welt, in der der Kunde im Mittelpunkt steht – und nicht die Technik.”

Auch der neuseeländische ITSM-Experte Rob England sieht den Verkauf von ITIL skeptisch: “Es geht nicht um den Kunden.” Es gehe immer um die Wahrnehmung der geschäftlichen Interessen. Ihm ist nicht wohl bei dem Gedanken, einen kommerziellen Anbieter durch ehrenamtliche Arbeit beim Geldverdienen zu helfen.

Michael Kresse, Geschäftsführer des Schulungs- und Beratungsunternehmens Serview sieht den Verkauf positiver. “Immerhin ist die Regierung noch mit einem deutlichen Anteil beteiligt. Und der Käufer wird sich den Markt sicher nicht durch hektische Aktionen kaputtmachen.”

Er erwartet eher den lange notwendigen Schub für neue Produkte. “Die Entwicklung müsste schneller gehen und die anderen Frameworks wie M_o_R müssten deutlich besser beworben werden.” Die Kommerzialisierung sieht er eher als Chance: “Dass die Politik das Interesse an den Standards verliert und die Entwicklung mangels Budget schleifen lässt, wäre die größere Gefahr.”

Bildquelle: Rainer Sturm / pixelio.de

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