Interview mit Gereon Tillenburg, Twinsoft

Biometrie kommt nur langsam in die Gänge

Interview mit Gereon Tillenburg, Geschäftsführer der Twinsoft Biometrics GmbH, über die derzeit eher geringe Verbreitung moderner Biometrielösungen in hiesigen ­Unternehmen und die Gründe dafür

Gereon Tillenburg, Twinsoft

Gereon Tillenburg, Geschäftsführer bei Twinsoft

Die Unternehmen wachsen ins Anforderungsprofil biometrischer Lösungen hinein. Der Druck kommt von vielen Seiten,  u.a. von Cloud Computing, Onlinehandel, Social Media, Self-Service-Diensten und Onlinebanking. Ob zur Authentisierung oder Identifizierung von Personen – biometrische Lösungen eröffnen das Maß an Sicherheit, das herkömmliche Verfahren wie Passwörter oder PIN nicht leisten können. Denn diese können verloren­gehen, gestohlen oder verfälscht werden.

Besonders Großunternehmen und große mittelständische Firmen sind aufgrund ihrer progressiven Geschäftsausrichtung gefordert voranzugehen und für sich und ihre Kunden eine höhere Sicherheit zu bewerkstelligen. Wie eine aktuelle Studie von Twinsoft ausweist, reagieren aber die meisten der befragten Unternehmen weiterhin verhalten auf den notwendigen Einsatz biometrischer Verfahren, die mit persönlichen Merkmalen wie Fingerabdruck, Iris, Gesicht, Sprache oder Handvenen arbeiten. 300 große Unternehmen bzw. große Mittelständler in Deutschland wurden im Rahmen der Studie befragt, 124 haben sich dem ausführlichen Frageprofil gestellt. IT-DIRECTOR hat sich mit Gereon Tillenburg über die Ergebnisse der Studie und die möglichen Gründe für die Zurückhaltung unterhalten.

IT-DIRECTOR: Wie verbreitet sind Biometrielösungen hierzulande?
G. Tillenburg:
Nahezu drei Viertel der Unternehmen haben bisher keine biometrischen Verfahren im Einsatz. 16 Prozent gaben gemäß unserer Studie an, nur ein Verfahren anzuwenden, i.d.R. zur physischen Zugangskontrolle. Mehr als ein biometrisches Verfahren haben danach nur 13 Prozent der Unternehmen im Einsatz.

IT-DIRECTOR: Inwieweit beschäftigen sich die Unternehmen mit der Biometrie?
G. Tillenburg:
42 Prozent haben bis auf Weiteres kein Interesse, biometrische Verfahren einzusetzen. Die Hälfte der befragten Verantwortlichen sprach von einem geringen Einsatzinteresse. Lediglich acht Prozent gaben an, den Einsatz ernsthaft ins Kalkül zu ziehen. Das mag daran liegen, dass der Informationsstand in den Unternehmen eher schwach ausgebildet ist. Nur acht Prozent bezeichnen ihren Informationsstand als hoch. Alle anderen Unternehmen räumten ein, dass ihr Kenntnisstand bezüglich des Einsatzes biometrischer Verfahren gering (43 Prozent) oder mittelmäßig (48 Prozent) ausgeprägt ist.

Offensichtlich ist das Gros der deutschen Unternehmen, was das aktuelle Niveau biometrischer Lösungen betrifft, nicht mehr up to date, weil nur wenige die Entwicklung dieser Technologie in den letzten Jahren verfolgt haben. Das spiegelt sich auch in ihrem Wissensstand über konkrete biometrische Verfahren wider.

IT-DIRECTOR: Können Sie ins Detail gehen?
G. Tillenburg:
Nur elf Prozent der Unternehmen schätzen ein, dass sie Verfahren, die auf Merkmalen wie Fingerabdruck, Iris, Gesicht, Sprache oder Handvenen basieren, prüfen und beurteilen können. 53 Prozent sagten aus, dass sie dazu nur teilweise fähig sind. Den übrigen Unternehmen (36 Prozent) fehlt es nach eigener Einschätzung an fundamentalen Kenntnissen zu biometrischen Verfahren.

IT-DIRECTOR: Also liegt es weniger an der Reserviertheit, vielmehr am geringen Informationsstand, dass die Biometrie in den Unternehmen nur zögerlich Fuß fasst?
G. Tillenburg:
Ja, zumal das Gros der Befragten der Biome-trie durchaus positiv gegenübersteht. Fast zwei Drittel gaben an, dem Einsatz solcher Verfahren wohlwollend zu begegnen. Gerade mal ein Prozent sehen den Einsatz als kritisch an und lehnen ihn ab.

IT-DIRECTOR: Welche Gründe führen die Unternehmen auf, warum sie sich nicht stärker der Biometrie zuwenden?
G. Tillenburg:
Aufgrund ihres oft nicht mehr aktuellen Informationsstandes führen sie fehlende Alltagstauglichkeit (27 Prozent), zu geringe Nutzerakzeptanz (19 Prozent), zu hohe Komplexität (11 Prozent) und/oder unzureichende Marktverfügbarkeit (9 Prozent) ins Feld. Dabei attestieren Produktkenner und Analysten biometrischen Lösungen über alle Verfahren hinweg einen akzeptablen bis hohen Reifegrad. Die Erwartungen der Unternehmen an die Biometrie – mehr Nutzungskomfort (38 Prozent), mehr Sicherheit (34 Prozent) und einfachere Prozesse (28 Prozent) – sind also heute erfüllbar. Fallende Preise und kürzere Implementierungszeiten sind weitere Argumente, die für den Einsatz biometrischer Lösungen sprechen.

Allerdings monierten 25 Prozent mögliche Probleme mit dem Daten-, Personen- und/oder Verbraucherschutz. Die diesbezüglichen Diskussionen tragen unstrittig zu einer gewissen Verunsicherung in den Unternehmen bei.

IT-DIRECTOR: Wie bewerten die Verantwortlichen die weitere Marktentwicklung?
G. Tillenburg:
Nur 15 Prozent der Befragten erwarten kurzfristig (8 Prozent) oder binnen der kommenden zwei Jahre (7 Prozent) eine Marktbelebung. 55 Prozent gehen von einem Durchbruch biometrischer Verfahren innerhalb von zwei bis fünf Jahren aus. 30 Prozent gehen von mehr als fünf Jahren aus. Offensichtlich sind sich die wenigsten Unternehmen darüber bewusst, welchen Biometriehandlungsdruck insbesondere bei der Authentisierung Trends wie Cloud Computing, Onlinehandel und Social Media auf sie ausüben werden.

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