Der Stellenwert von etablierten Standards

„Blockchain ist kein Selbstzweck”

Regina Haas-Hamannt, Lead Innovation bei GS1 Germany, spricht im Interview über das Potenzial der Bockchain-Technologie und den Stellenwert von etablierten Standards für entsprechende Projekte.

Regina Haas-Hamannt von GS1

„Dort, wo ein wirklicher Mehrwert entsteht, wird Blockchain auch funktionieren”, betont Regina Haas-Hamannt von GS1.

ITD: Frau Haas-Hamannt, welche Branchen werden in Zukunft bevorzugt von Blockchain-Lösungen profitieren?
Regina Haas-Hamannt:
Wir sehen deutliche Chancen für den Blockchain-Einsatz in verschiedenen Bereichen der Logistik. Die Erprobung von blockchain-basierten Lösungen bietet sich z.B. dort an, wo papierbasierte Prozesse angesiedelt sind, in deren Rahmen mehrere Beteiligte die Inhalte von Dokumenten möglichst zeitgleich, zeitnah und manipulationssicher weiterverarbeiten müssen. Fracht- und Lieferpapiere, Zertifikate, Zustellereignisse, Palettenscheine oder auch Zollpapiere finden sich in nahezu allen Bereichen der Logistik und über viele Branchen hinweg, um nur ein paar Einsatzmöglichkeiten zu nennen.

Darüber hinaus könnte Blockchain in allen Branchen einen Mehrwert stiften, die Transparenz in Sachen Produktherkunft und -ursprung sicherstellen müssen. Wo ein Produkt durch viele Hände und über viele Stationen wandert und wo keine End-to-End-Kontrolle möglich ist, wäre Blockchain denkbar. Das betrifft z.B. die Pharma-, Textil- und Tabakbranche sowie den Lebensmittelsektor in punkto Transparenz und Rückverfolgbarkeit. Aber auch die Bargeldlogistik könnte profitieren.

ITD: Welche Faktoren entscheiden über den Erfolg von Blockchain-Projekten?
Haas-Hamannt:
Gemäß Gartner werden 90 Prozent aller anfänglichen Enterprise-Blockchain-Projekte scheitern. Das ist eine deutliche Prognose. Grund dafür könnte sein, dass viele Pilotprojekte im luftleeren Raum stehen und die Integration in bestehende ERP- und Warenwirtschaftssysteme zu wenig bedenken. Wie wichtig Standards in Blockchains sind, haben wir in unserem Pilotprojekt selbst erfahren. Und egal, über welchen Kanal Unternehmen Daten untereinander austauschen – etwa via EDI, EPCIS oder GDSN: Es ist wesentlich, dass alle relevanten Geschäftsobjekte konsistent und einheitlich identifiziert werden können.

Zudem muss immer ein sinnhafter Anwendungsfall gegeben sein. Es gilt daher stets: Immer vom Anwendungsfall her kommen – nicht von der Technologie. Denn Blockchain ist kein Selbstzweck. Dort, wo ein wirklicher Mehrwert entsteht, wird Blockchain auch funktionieren. Prozesse und Abläufe gilt es dabei immer vorab zu definieren und zu beschreiben.

Sinnvoll ist auch, die Systemarchitektur erweiterbar aufzubauen oder anpassbar auf bestehende Systeme. Denn Blockchain schafft durch die Anbindung an bestehende, etablierte Systeme und Lösungen Synergien und Mehrwert. Außerdem: Blockchain ist kein Heilmittel für unzureichende Daten. Ohne Daten keine Blockchain – und ohne qualitativ hochwertige, korrekte und vollständige Daten kein mehrwertstiftender Einsatz einer Blockchain.

ITD: Wie können technische Standards bei der Umsetzung von entsprechenden Projekten helfen?
Haas-Hamannt:
Generell gilt: Standards bringen in unternehmensübergreifenden Anwendungsfällen immer einen Mehrwert – unabhängig von der verwendeten Datenaustauschtechnologie. Aber insbesondere eine Open-Source-Technologie wie Blockchain erfordert das Aufsetzen auf etablierten Standards, damit sie eine echte Chance auf Erfolg hat.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 01-02/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Ohne eindeutige Keys – egal ob für Unternehmen, Assets oder Geschäftsdokumente – wird jede Integration in bestehende IT-Systeme zum Albtraum. Mehr noch: Es stiftet Verwirrung, Mehrarbeit und Ineffizienz. Weder zentrale noch dezentral-verteilte Systeme wie Blockchains können sich so etwas leisten. Zur Sicherstellung einer möglichst hohen Skalierbarkeit, Interoperabilität und Marktakzeptanz hat sich beispielsweise das Blockchain-Konsortium im Rahmen unseres Pilotprojekts rund um den Palettentausch im Jahr 2018 auf folgende wesentliche Standards verständigt: die GLN (Global Location Number) zur Identifikation der Tauschpartner, die GRAI (Global Returnable Asset Identifier) zur Identifikation der Europaletten, den GDTI (Global Document Type Identifier) zur Identifikation der Palettenscheine sowie EPCIS (EPC Information Services) für die Erfassung und Kommunikation von Ereignissen entlang der Wertschöpfungskette und CBV (Core Business Vocabulary) als Datenmodell für die in der Blockchain gespeicherten Event-Transaktionen inklusive standardisiertem Vokabular.

ITD: Inwiefern kann eine Blockchain-Lösung vorhandene Systeme für Identifikation, Klassifikation oder den generellen Datenaustausch ergänzen?
Haas-Hamannt:
Blockchain könnte beispielsweise den elektronischen Datenaustausch EDI (Electronic Data Interchange) sinnvoll ergänzen. Wichtig ist hierbei, dass die in Unternehmen implementierten Prozessabläufe auf Basis der GS1-Standards mit der jeweiligen passenden Technologie abgebildet werden. Ein Zusammenspiel von EDI und Blockchain könnte beispielsweise beim Thema „Master Data Management“ sinnvoll sein, um Anlieferungsprozesse zwischen Industrie und Handel zu optimieren. So könnten in einer Blockchain etwa Änderungen von Anlieferadressen (GLN) oder Öffnungszeiten für alle Beteiligten stets aktuell übermittelt werden. Oder denken wir an Marketplaces: Eine Bestellung für ein Bauteil oder einen Transport wird in EDI beschrieben und auf einem Marktplatz eingestellt. Der Algorithmus findet den besten „Match“ und die Leistung wird erbracht. EDI wird also zur semantischen Beschreibung der gewünschten Leistung genutzt.

Bildquelle: GS1

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