Potenziale der Blockchain erkennen

„Blockchain schafft Mehrwerte in der Kooperation“

Katja Tietze, Blockchain Consultant bei T-Systems Multimedia Solutions, im Interview über das Potenzial der Blockchain-Technologie.

„Blockchain schafft Mehrwerte in der Kooperation“

„Je geringer die Hürde für Unternehmen, die Blockchain für sich anzunehmen und Anwendungen aufsetzen zu können, desto schneller werden neue Use Cases umgesetzt und Potentiale erschlossen“, sagt Katja Tietze.

ITD: Am Potenzial der Blockchain scheiden sich die Geister. Wieso polarisiert das Thema immer noch so?
Katja Tietze:
Die Gründe sind vielfältig. Zum einen herrscht noch viel Un- oder Halbwissen. Etwa wird Blockchain generell eine schlechte Energiebilanz nachgesagt, was aber nur auf bestimmte Blockchains zutrifft und nicht auf alle. Dies ist aber nicht weithin bekannt bzw. wird es nicht immer differenziert kommuniziert. Zum anderen ist die Technologie für viele immer noch schwer zu greifen. Selbst, wenn inzwischen einiges darüber berichtet wurde, erschließen sich die Eigenschaften und damit verbundenen Potentiale und vor allem die Anwendungsbereiche noch nicht leicht. Ich glaube, in der großen Hype-Phase wurden auch viele unsinnige Vorhaben gestartet, deren Ergebnisse dann natürlich negativ waren. Werden in solchen Fällen die Gründe für das Scheitern nicht kritisch hinterfragt, entsteht schnell der Eindruck, die Technologie an sich sei unnütz. Dabei kann Blockchain in Wahrheit in bestimmten Anwendungsbereichen mächtige Potentiale entfalten und in anderen eben gar keine.

ITD: Welche Mythen rund um die Blockchain halten sich am hartnäckigsten?
Tietze:
Gerne wird angeführt, die Blockchain hätte einen „Energieverbrauch wie ganz Dänemark“. Der wurde jedoch für die konkrete Blockchain-Umsetzung „Bitcoin“ ins Feld geführt. Viele Blockchain-Implementierungen hingegen haben keinerlei erhöhten Strombedarf. Bitcoin wurde bewusst so konzipiert, teuer zu sein und viel Energie zu verbrauchen. Das ist aber keine inhärente Eigenschaft aller Blockchains, was aber nur wenigen Leuten klar ist.

Andere „Mythen“ sind im Kern richtig, beispielsweise dass nichts gelöscht werden kann, was dann datenschutzrechtlich kritisch ist. Aber Blockchain ist selten die ganze Lösung, zumeist ist sie ein Teil der Lösungsarchitektur. Daten, die löschbar sein sollen, werden z.B. einfach nicht direkt in die Blockchain geschrieben, sondern nur in ihr Hash. Somit erkennt man Manipulationen weiterhin, auch wenn die ursprünglichen Informationen nicht wiederhergestellt werden können. Es kommt also jeweils auf die konkrete Umsetzung an.

ITD: Viele Befürworter der Technologie suchen nach Szenarien, die über die bisherigen, eher speziellen Use Cases hinausgehen. Wann wird mit so einem breiten Anwendungsszenario zu rechnen sein und wie könnte dieses aussehen?
Tietze:
Für mich ist das relativ einfach: Blockchain kann da Mehrwerte schaffen, wo verschiedene Parteien zusammenarbeiten wollen, die einander nicht völlig vertrauen und die ein potentielles Manipulationsinteresse haben bzw. vom anderen erwarten. Es versetzt die Beteiligten in die Lage, kooperativ auf dem gleichen Datensatz zu arbeiten. Da sie einander aber nicht vertrauen, wollen sie sicher gehen, dass keiner Daten aus diesem Datensatz löschen, Daten unerkannt verändern oder neue Daten unerkannt einfügen kann. Blockchain nutzt Mechanismen, diese Nicht-Manipulierbarkeit zu ermöglichen und schafft somit eine „gemeinsame Wahrheit“, in der jede durchgeführte Aktion protokolliert wird und veraltete Datenzustände nach wie vor für alle nachvollziehbar sind – was auch immer diese Daten sind, ob Geldwerte oder andere Informationen.

Die Frage wäre also zunächst: Gibt es überhaupt ein solch „breites Anwendungsszenario“ in der physischen Welt? Nur da, wo solche einander nicht vertrauenden Parteien auf den gleichen Daten schreiben wollen, entfaltet Blockchain ihr volles Potential. Aber das sind eben nur bestimmte Anwendungsbereiche. Aber seien wir ehrlich, mir fällt jetzt keine Technologie ein, die über „spezielle Use Cases“ hinausgeht. Nehmen wir HTTP. Auf Wikipedia findet sich für HTTP die folgende Definition: „Ein zustandsloses Protokoll zur Übertragung von Daten auf der Anwendungsschicht über ein Rechnernetz“. Meistens werden damit einfach Webseiten-Quelldokumente in den Browser geladen. Das ist schon ein sehr spezieller Use Case, nicht wahr? Gleiches gilt für alle anderen Technologien, die zur Realisierung des „Internets“ benötigt werden. Aber in ihrer Kombination schaffen sie eben das „World Wide Web“ – das wiederum genau genommen auch wieder ein ganz spezieller Use Case ist, wenn man es in Relation zu unserer ganzen Welt sieht.

ITD: Woran scheitern geschäftliche Blockchain-Projekte in der Praxis?
Tietze:
Die erste Hürde ist zumeist die Budget-Vergabe. Wenn Projekte diese Hürde genommen haben, dann scheitern sie an den gleichen Dingen, an denen auch andere Softwareprojekte scheitern: Zu wenig Budget, eine zu kurze Entwicklungszeit, die unreife Lösungen nach sich zieht, mangelhaft definierter Leistungsumfang, ungenügende Expertise, schlechte Nutzeroberfläche, schwaches Marketing etc. Häufig ist ein Grund, dass das Vorhaben unbedingt einen Use Case umsetzen wollte, für den sich Blockchain von Anfang an nicht wirklich geeignet hatte, weshalb die fertige Lösung dann keine erkennbaren Vorteile belegen kann.

ITD: Welche Faktoren entscheiden über den Erfolg entsprechender Projekte?
Tietze:
Der Anwendungsfall muss sinnvoll und passend sein. Für Blockchain bedeutet das z.B., dass man die richtigen Partner im Boot haben muss. Jeder kann sich eine Blockchain in den Keller stellen, aber der Mehrwert ist dann eben arg begrenzt, sodass dies am Ende als Negativbeispiel für eine Blockchain-Lösung herhalten muss. Blockchain schafft Mehrwerte in der Kooperation und auch dann eher da, wo Vertrauenslücken ausgeglichen werden müssen. Und Blockchain-basierte Projekte haben die gleichen Erfolgs- oder Misserfolgskriterien wie Softwareprojekte im Allgemeinen. Nur, weil es eine neue Herangehensweise ist, sollte man nicht nachlässig oder knauserig sein in der Umsetzung. Mit zu wenig Budget oder schlecht ausgebildeten Leuten scheitert letztlich jedes Vorhaben. Aber leider wird bei Projekten, in denen man „nur mal was Neues ausprobieren will“ eben oft gespart.

ITD: Wie sieht der Markt für qualifizierte Fachkräfte auf dem Gebiet aus?
Tietze:
Es gibt wenig gute Leute und eine hohe Nachfrage. Aber darunter leidet ja die ganze IT-Branche immer wieder. Entsprechend gibt es wenige relevante Anbieter am Markt. 

ITD: Welche Rolle spielt „Blockchain as a Service” für die Zukunft und Akzeptanz der Technologie?
Tietze:
Ich persönlich glaube, dass das sehr wichtig ist. Je geringer die Hürde für Unternehmen, die Blockchain für sich anzunehmen und Anwendungen aufsetzen zu können bzw. sich vorhandenen Lösungen anzuschließen, desto schneller werden neue Use Cases umgesetzt und Potentiale erschlossen. Bisher haben „aaS“-Angebote in verschiedenen Domänen erfolgreich den Zugang zu Technologien oder Anwendungen erleichtert und diese damit in die Breite getragen. Ich erwarte ähnliches auch für Blockchain.

ITD: Welche Monetarisierungsmöglichkeiten bieten sich Betreibern von öffentlichen und privaten Blockchains?
Tietze:
Das ist eine sehr umfangreiche Fragestellung. Es gibt verschiedenste Modelle, häufig abgeleitet aus der Plattformökonomie. Bitcoin und andere Kryptowährungen, ähnlich wie die meisten öffentlichen Blockchains, verlangen eine Transaktionsgebühr von den Teilnehmenden. Zusätzlich bekommt ein Miner eine Gewinnausschüttung für jeden erfolgreich erstellten neuen Block. Manche Konsortien erheben eine monatliche Grundgebühr für die Nutzung ihrer Blockchain-Lösungen. Wieder andere ziehen eine Gebühr je Service ein, der auf der jeweiligen Blockchain angeboten wird. Manche kombinieren verschiedene solche Monetarisierungsmöglichkeiten. Das unterscheidet sich nur mäßig von anderen Plattformmodellen.

Bildquelle: T-Systems Multimedia Solutions

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