Digitaler Rückstand

Breitband und Eisenbahn - ein Vergleich

Was wäre, wenn im 19. Jahrhundert der Bau der Eisenbahn ausgeblieben wäre? Der Breitbandausbau wäre überflüssig, denn wir hätten keine moderne Industriegesellschaft.

„Eisenbahn? Das sind doch gefährliche und überteuerte Stahlsärge. Wir setzen auf den Ausbau der Kutschenwege. Da ist bisher noch jeder ans Ziel gekommen. Und schnell ist so ein Pferd doch auch.“

Willkommen in dem Paralleluniversum, das sich 1835 von der uns bekannten Welt getrennt hat und in dem das Eisenbahnnetz seine größte Ausdehnung im Jahr 1913 mit 64.000 Kilometern Streckenlänge niemals erreicht hat. Denn ohne Eisenbahnnetz wäre das Wirtschaftswachstum der Gründerzeit und vor allem der 1890er und 1900er Jahre des Kaiserreichs ausgeblieben.

Vermutlich wäre sogar die gesamte Industrialisierung einfach weggefallen, da der schnelle und massenhafte Transport von Rohstoffen und Waren, aber auch von Arbeitern eine der Voraussetzungen für die Entwicklung industrieller Unternehmen ist. Es gäbe schlicht nicht den Wohlstand der heutigen Zeit.

Wirtschaftliche Vorteile

Die Eisenbahn ist zwar anfangs skeptisch beäugt worden, doch sie hat sich schnell durchgesetzt. Die Vorteile sprachen für sich: Das Reisen mit der Eisenbahn war längst nicht so beschwerlich wie mit Pferd oder Kutsche. Außerdem war es relativ einfach, umfangreiche Lasten mitzunehmen.

So haben zum Beispiel Bauern schnell die Möglichkeiten der Eisenbahn erkannt. Sie sind mit ihren Produkten, teils sogar mit lebenden Tieren, auf die Märkte der per Eisenbahn erreichbaren Städte gefahren und konnten dort wesentlich größere Mengen verkaufen als auf ihren angestammten Heimatmärkten.

Solche wirtschaftlichen Vorteile galten auch für reisende Händler oder Hersteller von Alltagsprodukten, die nun eine deutlich größere Region beliefern konnten. Auch die nun einfach ermöglichen Reisen zu weiter entfernt wohnenden Bekannten oder Verwandten haben bereits in den 1840er Jahren zu einem enormen Boom der Eisenbahn gesorgt

Praktisch jede neu eingerichtete Strecke spielte die Investitionssumme in Rekordzeit wieder ein. Alle Verbindungen waren stark ausgelastet und die Fahrpläne wurden kontinuierlich ausgebaut. Für eine gewisse Zeit galt Eisenbahnbau als Lizenz zum Gelddrucken.

„Trotz der immensen Investitionen hat sich in dieser Zeit die Streckenlänge weltweit alle 5 Jahre verdoppelt“, meint der Ingenieur und Physiker Eduard Heindl, der die Entwicklung bis zur Gründung des Kaiserreichs in einer animierten Grafik (s. u.) zusammengefasst hat - ein beeindruckendes Bild.

Neue Geschäftsmodelle

Das Wachstum des Streckennetzes ist typisch für ein vernetztes System. Mit der Intensität der Verknüpfung wachsen auch die Vorteile, die bei seiner Nutzung entstehen. Mit zunehmender Größe entstehen sogar neue Geschäftsmodelle.

So lohnt es sich bei einem gut ausgebauten Eisenbahnnetz, spezielle Angebote für die immer zahlreicher werdenden Touristen zu machen. Reisebüros, Hotels und Restaurants in beliebten Zielorten, Garküchen und Gepäckträger in den Bahnhöfen - viele Dienstleistungen lohnen sich erst ab einer gewissen Netzgröße und einer entsprechend hohen Nutzerzahl.

So ungefähr könnte auch die Entwicklung des deutschen Breitbandnetzes ablaufen: Mit dem raschen Ausbau entstehen für vorhandene Unternehmen neue Möglichkeiten. Risikobereite Entrepreneure entwickeln neue Geschäftsmodelle, die überhaupt erst auf der Basis eines Breitbandnetzes möglich sind.

Im Moment sieht alles danach aus, als ob eine ähnliche Entwicklung wie beim Eisenbahnnetz ausbleiben wird. Also kein rascher Ausbau, kein Wirtschaftswachstum, kein Boom neuer Geschäftsmodelle. Der Grund ist ganz schlicht: Deutschland fällt im internationalen Vergleich immer weiter zurück.

Die jährliche Wachstumsrate von Internetzugängen mit mindestens 30 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) beträgt in China 33 Prozent, in vielen anderen Staaten zwischen 20 und 30 Prozent, in Deutschland aber nur 13,8 Prozent. Das ist fast schon Schlusslicht, wie sich dem Akamai-Bericht „State of the Internet“ entnehmen lässt.

Außerdem ist das deutsche Netz besonders langsam, es findet sich im hinteren Drittel des Staatenvergleichs. Ganz vorne liegen die asiatischen Staaten. Aber auch Schweden, die Niederlande und Irland schaffen es mit einer tatsächlich gemessenen Durchschnittsrate von rund 14 Mbit/s in die Spitzengruppe.

Übrigens: Die gemessenen Höchstgeschwindigkeiten liegen in Deutschland bei knapp unter 40 Mbit/s. Darüber können die Spitzenreiter Hongkong (84 Mbit/s), Südkorea (74 Mbit/s) und Japan (65 Mbit/s) nur lachen.

Basisinfrastruktur der Zukunft

Bei solchen Ergebnissen für das hiesige „Breitband“-Netz ist schwarzer Humor dringend notwendig. Der viel zu langsame Breitbandausbau hat inzwischen schon den Status einer Wohlstandsbremse erreicht. Denn schnelles Internet ist die Basisinfrastruktur für die wirtschaftliche Entwicklung der nächsten Jahrzehnte.

Selbst völlig analoge Unternehmen wie eine Möbeltischlerei in einem winzigen Eifeldorf profitieren von der Digitalisierung mit Breitband. So könnte sie zum Beispiel mit Cloud-Lösungen unkompliziert und kostengünstig Bestell- und Rechnungswesen erledigen oder die selbst entworfenen Möbel per YouTube-Video einem potenziell riesigen Interessentenkreis vorstellen.

Das ist nur ein winziges Beispiel für die Vorteile, die eine umfassende Digitalisierung auch kleinen Unternehmen bieten kann. Voraussetzung ist aber immer ein ausgebautes und leistungsfähiges Breitbandnetz. Ohne Investitionen wird das nicht gehen, doch auch hier gibt es innovative Ideen: Ein niederländischer Baukonzern arbeitet mit seiner Tochter „Deutsche Glasfaser“ bis zu 80 Prozent billiger als seine Konkurrenten, weil er keine tiefen Gräben für die Glasfaserrohre nutzt.

In den nordrhein-westfälischen Landkreisen Borken und Heinsberg im deutsch-niederländischen Grenzgebiet hängen schon fast 100.000 Haushalte am Netz. Der Hintergrund: Hier sind die Kreise und Gemeinden aktiv geworden. Sie haben in den letzten Jahren die Voraussetzungen für ein hochmodernes Breitbandnetz in Eigenregie geschaffen. Jetzt beginnt auch die Telekom mit vorsichtigen Investitionen.

Bildquelle: Erich Westendarp / pixelio.de

Links:

  • Eduard Heindl über das Wachstum des Eisenbahnnetzes von 1834 bis 1870
  • Als Beispiel: Breitband im Kreis Borken

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok