UPDATE: Entscheidung gefallen

Brexit und die Folgen für die IT-Branche

Welche Folgen hätte der Brexit für die europäische IT-Branche? Wir haben uns umgehört, was britische und deutsche Branchenvertreter dazu sagen.

(UPDATE) Nach der Entscheidung für den Brexit wird Großbritannien die EU wohl verlassen.

Erste Stellungnahmen aus der IT-Branche bedauern das Ergebnis:

„Ein schlechter Tag für Europa", lässt sich Telekom-Boss Höttges zitieren. In einer globalisierten und zunehmend digitalisierten Welt seien große, einheitliche Märkte wichtig, um wettbewerbsfähig zu sein. "Deswegen wäre es gut gewesen, wenn sich die Briten für Europa entschieden hätten", so Höttges weiter. "Wir alle müssen uns damit auseinandersetzen, warum für viele Menschen die europäischen Idee - von der ich zutiefst überzeugt bin - so deutlich an Faszination verloren hat. Gleichzeitig müssen wir in dem nun folgenden Brexit Prozess darauf achten, dass wir die Wirtschaftsgrenze mit dem Vereinigten Königreich dauerhaft offen halten."

„Die Entscheidung für den Brexit ist ein schwerer Rückschlag auf dem von der EU eingeschlagenen Weg hin zum einheitlichen digitalen Binnenmarkt“, sagt Oliver Süme, Eco-Vorstand Politik & Recht. „Einem fragmentierten Markt fehlt jede Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich mit Ländern wie den USA.“

Zwar könnte der Austritt des Vereinigten Königreichs der Internetwirtschaft auch positive Impulse geben. So gab es etwa bereits Spekulationen, dass Berlin nach einem Austritt Großbritanniens London den Rang als wichtigsten europäischen Standort für Startups abgelaufen könnte, weil eine Gründung dort immer unattraktiver wird. Doch die negativen Aspekte überwiegen nach Ansicht von Süme. Es könne nun zwei Jahre oder länger dauern, bis sich Großbritannien und die EU nach einem Austrittsantrag über die Details des Austritts geeinigt haben. „Die schwierigen laufenden Verhandlungen um das Privacy-Shield-Abkommen mit den USA geben exemplarisch einen Eindruck, welcher Verhandlungsmarathon Europa jetzt auch mit England bevorsteht“, so Süme. „Das bringt eine enorme Rechtsunsicherheit auch für Unternehmen aus der Internetwirtschaft mit sich - und damit voraussichtlich auch Umsatzrückgänge.“

Dr. Nils Krause, Co-Head der deutschen Corporate/M&A-Praxis bei DLA Piper macht auf weitere rechtlichen Unsicherheiten aufmerksam: „Der nun beschlossene Brexit bringt erhebliche Vertragsrisiken mit sich, denn mit dem EU-Austritt Großbritanniens ist ein erhebliches Maß an Rechtsunsicherheit verbunden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich das englische Recht radikal verändern wird, da nach dem Brexit der europäische Rechtsrahmen wegbrechen wird"

In Großbritannien selber ist man weit entfernt von Panik. Dr. Adrian Davis, Managing Director EMEA bei der (ISC)2 sagt zum Brexit und wie die IT-Sicherheitsbranche in Großbritannien darauf reagiert: „Die Informationssicherheit ist als internationale Sorge anerkannt und hat zu Kooperationen geführt, die über nationale Grenzen und Politik hinausgeht. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass sich mit der Entscheidung Großbritanniens die EU zu verlassen diese Zusammenarbeit über Grenzen hinweg verändert."

Praktizierende IT-Fachleute in Großbritannien und in Europa hätten in den nächsten zwei Jahren Zeit sich darauf einzustellen, so Davis. "Die Chancen stehen gut, dass sich vieles, dass sich in dieser Zeit entwickelt nicht mehr verändern wird. Die Notwendigkeit Großbritanniens, sich auf die EU Datenschutzverordnung einzustellen, wird zum Beispiel gleichbleiben, da wir damit rechnen müssen, dass britische Unternehmen weiterhin auch mit Daten von EU-Bürgern arbeiten müssen. Die Arbeit, die wir als Fachleute tun, trägt bereits dazu bei, dass die erforderlichen Standards und die nötigen Erfahrungen vorhanden sind, um diesen Gefahren zu begegnen. Ich bin davon überzeugt, dass die Branche der Informationssicherheits-Fachleute in Europa weiterhin zusammenarbeiten werden.“

Ursprünglicher Artikel:

Welche Folgen hätte der Brexit für die IT-Branche in Europa, aber auch in Großbritannien?

ComputerWeekly erklärt seinen britischen Lesern mal kurz die Dimensionen:

A UK that makes up 1% of world population and 3% of world GDP has little influence on IT markets; a post-Brexit Britain would have even less. Most software markets have been global for decades.

Als Einzelkämpfer werde es die britische IT-Industrie also bei einem Brexit schwer haben.

Aus Sicht kleiner IT-Unternehmen und der Verbraucher führt CW ein weiteres starkes Argument gegen den Brexit an: Brüssel sei weltweit der einzige ernstzunehmende Gegenspieler von IT-Riesen wie Google, Microsoft und Facebook aber auch nationalen Telcos und ähnlichen Marktteilnehmern.

Europäische Arbeitskräfte gefragt

Vor allem Londons Startups oder Cambridges IT-Cluster würden leiden: Arbeitskräfte aus der EU wären schwieriger zu bekommen und zu bezahlen. Dies bestätigen viele Startup-Unternehmer.

Nick Bolton Macher der App Rota, sieht den Brexit aus Perspektive des Startup-Entrepeneurs mit Sorge: “It would cripple a number of the tech start-ups. One of the biggest challenges facing tech start-ups is the shortage of good quality developers and many of these highly skilled workers currently come from the EU. Without them, we would see even more severe shortages and rising wages for this already well paid industry. The only thing worse for fundraising than a declining economy is an uncertain one. Brexit is likely to cause both. VC's will look at more certain, stable economies and avoid pouring money into London.”

Weitere - nicht nur skeptische - Stimmen von britischen Marktteilnehmern sind hier abgefragt worden.

Laut IVAM Fachverband für Mikrotechnik fürchtet auch Großbritanniens forschungsintensive Hightech-Branche den Brexit: Die Branchenvertreter in Großbritannien sorgen sich vor allem um ihre Innovationsleistung und die internationale Zusammenarbeit. Ein Brexit würde bei Forschungseinrichtungen und innovativen kleinen und mittleren Unternehmen zu Einschränkungen bei den Forschungsaktivitäten führen. Kooperationen mit Partnern außerhalb Großbritanniens müssten neu verhandelt werden und die Finanzierung gemeinsamer Projekte wäre auf beiden Seiten unsicher.
 
Für Hightech-Unternehmen in anderen europäischen Staaten sei Großbritannien dagegen oft kein erfolgsentscheidender Markt, so der IVAM in seiner Mitteilung weiter. Daher bereitet ihnen die mögliche Loslösung Großbritanniens aus der EU weniger Sorgen. Doch immerhin rechnet auch hier ein gutes Drittel mit negativen Folgen für das eigene Geschäft bzw. für die Forschungsleistung.

Großbritannien ist nach Frankreich das zweitwichtigste Exportland für Informations- und Telekommunikationstechnologie (ITK) und Unterhaltungselektronik. 2015 wurden laut Bitkom Waren im Wert von 2,9 Milliarden Euro von Deutschland dorthin ausgeliefert, acht Prozent der gesamten Exporte. Die Briten lieferten Produkte im Wert von 1,2 Milliarden Euro nach Deutschland.

Der IT-Branchenverband Bitkom warnt vor sinkenden Umsätzen in der deutschen Digitalwirtschaft, sollte es zu einem Brexit kommen. Bitkom- Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder erklärte, jedes Hemmnis für einen freien Austausch von Waren berge die Gefahr, dass es auch zu Umsatzverlusten bei deutschen Anbietern kommt.

Schwieriges Thema Datenschutz und Datenaustausch

Eine Hängepartie wie mit den USA über Gültigkeit und Nachfolgeregelung des Safe-Harbor-Abkommens gäbe es im Falle des Brexit auch mit Großbritannien. Die EU müsste mit den Briten ebenfalls gesonderte Vereinbarungen aushandeln, wie die persönlichen Daten von EU-Bürgern geschützt werden sollen.

Signalwirkung für Europa

Vertreter der europäischen Mikrotechnik-Branche äußern laut IVAM die Sorge, dass nach einem „Brexit“ anti-europäische Bewegungen Rückenwind bekommen und anderen EU-Staaten dem Beispiel Großbritanniens folgen könnten. Der Austritt Großbritanniens allein würde vermutlich nicht das Ende der EU bedeuten, aber zusammen mit den Wünschen nach Sonderregelungen in anderen Mitgliedsstaaten und der national ausgerichteten Politik einiger osteuropäischer Mitglieder würde er das Risiko eines Zerfalls der EU verstärken.

Diese Signalwirkung für den digitalen Binnenmarkt in Europa betont auch Bitkom-Boss Rohleder: Schon heute hätten es europäische Digitalunternehmen, vor allem Mittelständler und Startups schwer, angesichts von mehr als zwei Dutzend verschiedener nationaler Gesetzgebungen auf Augenhöhe mit ihren Mitbewerbern aus den USA oder China zu bleiben. „Wir brauchen einen echten europäischen Binnenmarkt. Gerade die Digitalbranche kann und muss den nationalen Fliehkräften etwas entgegensetzen“, erklärte er.

Folgen für Indien?

Großbritannien ist der traditionelle Brückenkopf der indischen IT-Branche nach Europa. Daher macht sich auch die nicht gerade kleine indische IT-Branche ihre Gedanken zum Brexit. Die National Association of Software and Services Companies sieht kurzfristige Nachteile, ist sich langfristig aber nicht sicher, ob ein Brexit nicht doch auch zu intensiveren britisch-indischen Wirtschaftsbeziehungen führen könnte.

Bildquelle: Thinkstock / iStock

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