Digitalisierte Welt

Chancen und Risiken von Industrie 4.0

Im Interview bemerkt Ralf Schulze, Industrie-Experte von CSC, dass Industrie 4.0 letztlich dazu dient, produzierenden Unternehmen einen Platz in einer digitalisierten, umweltbewussten, urbanen Welt zu geben.

Ralf Schulze, CSC

„Letztlich dient I4.0 dazu, produzierenden Unternehmen einen Platz in einer digitalisierten, umweltbewussten, urbanen Welt zu geben“, so Ralf Schulze, Industrie-Experte Manufacturing von CSC.

IT-DIRECTOR: Herr Schulze, wieweit ist das Thema „Industrie 4.0“ bereits in den Großunternehmen angekommen und wird von diesen konkret umgesetzt?
R. Schulze:
Derzeit sehen wir noch erheblichen Nachholbedarf in der Industrie, wenn es um die Umsetzung von I4.0 geht. Laut einer CSC-Studie, sind nur 29 Prozent der deutschen Entscheider in der Industrie ausreichend mit den Chancen und Risiken von I4.0 vertraut. Die Auseinandersetzung mit dem Thema findet noch zu viel in Form von Konzept, Vision und akademischer Auseinandersetzung statt. Konkrete und auch umsetzbare Anwendungsfälle sind immer noch die Ausnahme! Auf der anderen Seite sehen wir aber bei vielen Großunternehmen die Bereitschaft in Pilotprojekte zu investieren. Ein erster Start...

IT-DIRECTOR: Welche Faktoren halten die Unternehmen noch davon ab, ihre Produktion Industrie-4.0-tauglich zu gestalten?
R. Schulze:
Sicher gibt es viele sehr individuelle Gründe dafür. Wie bereits angesprochen, gibt es heute noch recht wenige Anwendungsfälle, die in der Praxis erprobt oder die gar direkt konsumierbar sind. Hier ist insbesondere die IT-Branche gefragt, sich als Partner anzubieten. Weiter ist mit Sicherheit auch noch Arbeit in Richtung Normierung und Standards zu erbringen, um den Unternehmen Planungssicherheit zu geben.

IT-DIRECTOR: Inwieweit sind die Mitarbeiter in Großbetrieben über das Thema „Industrie 4.0“ informiert und dem gegenüber eingestellt?
R. Schulze:
Wie die von uns durchgeführte Studie zeigt, ist I4.0 noch nicht in der betrieblichen Praxis angekommen. Viele Mitarbeiter müssen sich erst noch mit den Konzepten vertraut machen. Allerdings wird das Maß der Durchdringung von I4.0-relevanten Konzepten und Technologien sowie deren Ausprägung sehr stark variieren. Daher wird der Wandel in den Köpfen ebenfalls sehr individuell voranschreiten.

IT-DIRECTOR: Welche Konsequenzen ergeben sich für die Mitarbeiter eines Betriebes, der Industrie-4.0-tauglich gemacht wird?
R. Schulze:
Bei I4.0 geht es immer darum, bestehende Geschäftsmodelle besser zu unterstützen bzw. neue Geschäftsmodelle zu etablieren und damit wettbewerbsfähig zu sein. Dabei kommt es nicht zuletzt auf Kreativität an. Eben diese Kreativität und die Fähigkeit, vernetzt und quer zu denken, wird in absehbarer Zeit nicht automatisiert, sondern von Menschen in Zusammenspiel mit der Technik erwartet. Für den Mitarbeiter geht also die Reise noch ein Stück weiter – vom konkreten Machen zum kreativ Steuern und Lenken.

IT-DIRECTOR: An welchen Stellen im Betrieb, in dem die Maschinen plötzlich automatisch miteinander kommunizieren, werden überhaupt noch Mitarbeiter gebraucht? Wo sind sie regelrecht überflüssig? Können Sie konkrete Beispiele skizzieren?
R. Schulze:
Der Mensch ist und bleibt Teil jeder Wertschöpfung, auch bei weiter steigender Automatisierung. Mit Industrie 4.0 ändert sich sein Tätigkeitsprofil. Nehmen wir beispielsweise einen Servicetechniker. Wird er heute oftmals gerufen, eine Anlage zu reparieren, die defekt ist, wird es in Zukunft eher eine vorausschauende Wartung sein, in der eine Komponente ersetzt oder repariert wird, bevor das System steht. Das erleichtert natürlich die Aufgabe, da der Erwartungsdruck reduziert wird. Hier schafft Technologie Flexibilität, was letztlich dem Arbeitnehmer zugute kommt.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle werden zukünftig Industrie-4.0-Fachkräfte bzw. Spezialisten spielen? Wird das HR-Management bereits auf dem IT-Arbeitsmarkt fündig?
R. Schulze:
Der Mensch agiert noch mehr als heute als kreativer Lenker. Perspektivisch steigt die Zahl und Vielfalt der Operationen, die er, unter Einbeziehung technischer Hilfsmittel, lenken und steuern kann. Gemäß unserer I4.0-Studie sind die häufigsten Fähigkeiten, die Mitarbeiter mitbringen müssen, vernetztes Denken, das Wissen um (Produktions-)Abläufe, Flexibilität, IT- und Infrastrukturkenntnisse sowie soziale Kompetenzen. Allerdings sind derzeit nur 10 Prozent der befragten Unternehmen der Meinung, der Arbeitsmarkt sei vorbereitet.

IT-DIRECTOR: Wie lassen sich die bisherigen (und insbesondere älteren) Mitarbeiter, die jahrelang nach Schema F gearbeitet haben, an die neuen Techniken heranführen? Welche Herausforderungen müssen sie meistern?
R. Schulze:
Eine interessante Frage! Gerade ältere Mitarbeiter sollten sogar von I4.0 profitieren, da sie über ein breites Erfahrungswissen verfügen. Damit sind sie für die querschnittliche Denk- und Herangehensweise gut vorbereitet. Erforderlich ist natürlich der Wille, sich auf technische Neuerungen vorzubereiten. Die Wirtschaft wäre besonders im Kontext I4.0 schlecht beraten, in einen Jugendwahn zu verfallen, nur weil es sich vermeintlich um ein Technologiethema handelt.

IT-DIRECTOR: Inwieweit ermöglicht die Umrüstung auf Industrie 4.0 vielleicht auch neue Einsatzgebiete für die bisherigen Mitarbeiter?
R. Schulze:
Ein wichtiger Aspekt von I4.0 ist die sogenannte horizontale Integration. Das bedeutet die bessere Integration von vor- und nachgelagerten Schritten in der Wertschöpfungskette. Oftmals wird es in diesem Zusammenhang darum gehen, neue Umsatzquellen für das Unternehmen zu erschließen. So kann ein produzierendes Unternehmen beispielsweise erwägen, mehr Fokus auf das Servicegeschäft zu legen oder seine Produkte in Zukunft nicht mehr nur zum Kauf anzubieten, sondern sich die Nutzung bezahlen zu lassen, wie etwa bei heutigen Carsharing-Modellen. Neben der bereits angesprochenen Wandlung vom Macher zum Lenker bietet sich hier eine reale Chance für die Mitarbeiter auf neue Tätigkeitsfelder.

IT-DIRECTOR: Stichwort „Services“: Inwieweit lassen sich beispielsweise das Monitoring, die Wartung und Reparatur der Industrie-4.0-Maschinen intern als neue Aufgaben regeln?
R. Schulze:
Viele der Technologien, die gemeinhin mit I4.0 in Verbindung gebracht werden, sind nicht neu. Maschinenkommunikation, additive Fertigung und ähnliches begleiten uns schon eine ganze Zeit. Auch die Ansätze zur Steuerung hochflexibler und -automatisierter Produktionsanlagen sind nicht neu, werden aber mit dem Einzug von I4.0 noch bzw. wieder attraktiv. Denken wir beispielsweise an multifunktionale Teams (MFT) oder die Fertigungszelle...

IT-DIRECTOR: Was sind häufige Stolpersteine bei der Mensch-Maschine-Interaktion in Industrie-4.0-Umgebungen?
R. Schulze:
Was in jedem Fall zu vermeiden ist, ist eine Wettbewerbssituation zwischen technologischem Fortschritt und dem Menschen bzw. Arbeitnehmer zu schaffen. Es geht um die Ergänzung sehr einzigartiger Fähigkeiten in einem konstruktiven Umfeld.

IT-DIRECTOR: Wie ist es um die Sicherheit und generellen Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in „smarten Fabriken“ bestellt? Müssen hier neue Regeln aufgestellt werden im Vergleich zu vorher?
R. Schulze:
Das sehe ich im Moment nicht!

IT-DIRECTOR: Wie kann man Mitarbeitern schlussendlich die letzte Skepsis – vielleicht auch Angst – vor automatisierten Maschinen bzw. Robotern nehmen?
R. Schulze:
I4.0 ist auf keinen Fall ein Ansatz, in dem Maschinen und Roboter den Menschen aus den Fabriken drängen. Letztlich dient I4.0 dazu, produzierenden Unternehmen einen Platz in einer digitalisierten, umweltbewussten, urbanen Welt zu geben, und die Grundlagen zu schaffen, damit die Industrie flexibel und intelligent genug auf die zunehmend individuellen Bedürfnisse des Marktes reagieren kann. Das klappt nur, wenn der Mitarbeiter all seine Stärken um die Möglichkeiten der I4.0-Technologien ergänzt.

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