Wearables: Interview mit Hagen Rickmann, T-Systems

Chancen und Risiken von Industrie 4.0

Interview mit Hagen Rickmann, Geschäftsführer und Vertriebschef von T-Systems, über die Chancen und Risiken von Industrie 4.0 und Einsatzgebiete neuer mobiler Endgeräte wie Datenbrillen und Wearables

Hagen Rickmann, T-Systems

Hagen Rickmann, T-Systems

IT-DIRECTOR: Herr Rickmann, was steckt hinter dem Begriff „Industrie 4.0“? Handelt es sich allein um eine Marketingphrase der IT-Branche?
H. Rickmann:
Der Begriff „Industrie 4.0“ stammt nicht aus der IT-Branche, vielmehr wurde er 2012 durch die Wissenschaft geprägt. Anschließend gründete sich Anfang 2013 die branchenübergreifende Plattform „Industrie 4.0“, in der auch die Telekom engagiert ist. Mich persönlich fasziniert der Gedanke an eine bevorstehende vierte industrielle Revolution, die sich hinter diesem Schlagwort verbirgt.

IT-DIRECTOR: Können Sie dies genauer ausführen?
H. Rickmann:
Es geht um die Etablierung von cyberphysischen Systemen, d.h. um die engere Verknüpfung von IT, Elektronik und Mechanik, die für die vierte große Neuerung in der Geschichte der Industrialisierung sorgen wird. Die erste Neuerung war die Mechanisierung unter Einbeziehung von Dampfkraft; die zweite große Neuerung stellte die Elektrifizierung dar. Die dritte industrielle Revolution schließlich wird mit der Digitalisierung gleichgesetzt. Bei der vierten industriellen Revolution geht es künftig um die Verbindung von Menschen, Objekten und Systemen bzw. um den Aufbau von dynamischen, optimal strukturierten Wertschöpfungsketten.

IT-DIRECTOR: Primär geht es also um Veränderungen innerhalb der Fertigungsprozesse?
H. Rickmann:
Ja, wobei diese Veränderungen überaus bedeutend sind. Denn sie ermöglichen nicht nur eine neue Organisation der industriellen Fertigung von Produkten, sondern sie haben Auswirkungen auf den gesamten Lebenszyklus industrieller Produkte – angefangen von der Konzeptionierung über die Entwicklung, die Herstellung und die Auslieferung an den Endkunden bis hin zum Recycling. Außerdem haben sie Auswirkungen auf alle Dienstleistungssparten, die mit der Produktion und dem Vertrieb zu tun haben, wie etwa die Logistik. Basis hierfür – und hier spielt die IT-Branche in der Tat eine zentrale Rolle – ist die Verfügbarkeit aller relevanten Informationen in Echtzeit für alle beteiligten Instanzen. Diese Verfügbarkeit ermöglicht gezielte Optimierungsmaßnahmen hinsichtlich der Kosten und Auslastung, des Ressourcenverbrauchs sowie zahlreicher weiterer Aspekte.

IT-DIRECTOR: Welche Vorteile können sich die Anwenderunternehmen davon versprechen?
H. Rickmann:
Mit Industrie 4.0 lassen sich zwei bislang unvereinbare Ansprüche miteinander in Einklang bringen: die Massenproduktion und die individualisierte Fertigung. Die Industrie wird dank neuer Technologien in der Lage sein, schneller und gezielter als bisher auf Kunden- und Verbraucheransprüche zu reagieren. Time-to-Market-Zyklen, Produktionszeiten sowie Lieferzeiten werden sich signifikant verkürzen. Letzteres werden insbesondere Kunden, die bevorzugt via Smartphone einkaufen, zu schätzen wissen.

IT-DIRECTOR: Wie könnten einzelne Etappen einer vierten industriellen Revolution aussehen?
H. Rickmann:
Wir gehen davon aus, dass Industrie-4.0-Prozesse zunächst innerhalb der Produktionsabläufe im Maschinen- und Anlagenbau zur Anwendung kommen. Danach werden sich neue Wertschöpfungsnetzwerke bilden. Die Deutsche Telekom wird diese Entwicklung aktiv mitgestalten. Bereits zur Cebit haben wir eine Forschungskooperation mit der Siemens AG gestartet, die bei ausgewählten Kundenprojekten für einen nahtlosen Übergang von Industrie 3.0 zu 4.0 sorgen soll. Viele Unternehmen wissen heute noch nicht, wie sich Industrie-4.0-Technologien bei ihnen realisieren lassen und welche neuen Möglichkeiten sich dadurch ergeben.

Laut einer Fraunhofer-Studie von April 2014 ist die Einführung von Industrie 4.0 übrigens ein enormer volkswirtschaftlicher Stimulator: Allein für die sechs Branchen Maschinen- und Anlagenbau, Elektrotechnik, Automobilbau, chemische Industrie, Landwirtschaft und IKT soll sich durch Industrie 4.0 bis 2025 ein prognostiziertes zusätzliches Wertschöpfungspotential von rund 78 Mrd. Euro ergeben.

IT-DIRECTOR: Wie lassen sich die vorhandenen Altsysteme der Unternehmen in neue Industriewelten einbinden?
H. Rickmann:
Dies funktioniert nur mit einheitlichen Standards. Dabei gehört das sichere und bedarfsgerechte Zusammenführen unterschiedlicher Technologien zu unseren Kernkompetenzen: Bereits heute bieten wir verschiedene Nachrüstlösungen zur Einbindung von rein elektrischen bzw. elektronischen – aber nicht onlinefähigen – Anlagen in ein Vernetzungssystem an.

Demnächst werden wir zusätzlich eine Integrationsplattform, die als „Steckerleiste“ für die Industrie fungiert, anbieten. Diese Plattform haben wir gemeinsam mit dem Landmaschinenhersteller Claas erprobt und werden sie nun schrittweise weiterentwickeln. Dabei kümmern wir uns besonders um die Sicherheit. Denn: Ein einheitlicher Standard bedeutet zwar eine reibungslose Kommunikation, macht jedoch auch anfällig für Cyberangriffe.

IT-DIRECTOR: Apropos Sicherheit: Welche Risiken sehen Sie im Zusammenhang mit Industrie 4.0?
H. Rickmann:
Vernetzung bedeutet Standardisierung – und Standardisierung macht grundsätzlich angreifbar. Internetbasierte Vernetzungen sind daher im Hinblick auf Spionage, Sabotage und Datendiebstahl prinzipiell immer gefährdet. Aber: Deutschland hat hinsichtlich der Datensicherheit eine Führungsposition inne. „Industrie 4.0 made in Germany“ ist dank sicherer Rechenzentren und innovativer Netz- und Sicherheitstechnologien ein Qualitätssiegel. Und auch das deutsche Datenschutzgesetz trägt dazu bei, Vertrauen im Umgang mit sensiblen Produktionsdaten zu schaffen.

Um Hackerangriffe im Kern ersticken zu können, haben wir vergangenen April ein neues „Cyber Defense Center“ eröffnet, das mit Echtzeitinformationen arbeitet. So können im Falle einer Attacke nicht nur zeitnah Gegenmaßnahmen eingeleitet, sondern die Cyberangriffe auch früher als bisher erkannt und zurückverfolgt werden.

IT-DIRECTOR: Wie bedeutsam ist der Einsatz von mobilen Endgeräten für die industrielle Vernetzung?
H. Rickmann:
Mobile Endgeräte prägen schon heute die Kommunikation im industriellen Alltag. Künftig werden sie das noch stärker tun, schließlich spielt Flexibilität in der industriellen Fertigung eine entscheidende Rolle. Ein Eckpfeiler der industriellen Vernetzung sind abhörsichere bzw. verschlüsselt arbeitende Mobiltelefone, sogenannte „Krypto-Handys“. Dazu zählt beispielsweise das von uns angebotene Simko3. In den nächsten Monaten werden wir uns gemeinsam mit unseren Partnern im Rahmen von Pilotprojekten weiter mit dem Einsatz mobiler Endgeräte beschäftigen, beispielsweise mit der Nutzung von Tablets bei der Bedienung von Landmaschinen.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielen Devices wie Wearables oder Datenbrillen in der Industrie?
H. Rickmann:
Sie werden – zumindest in naher Zukunft – die bewährten Monitore nicht komplett verdrängen. Allerdings werden sie bei Prozessen, bei denen die computergestützte Wahrnehmungserweiterung hilfreich sein kann, zunehmend zum Einsatz kommen. Ein Beispiel ist die Qualitätssicherung in der Automobilindustrie: Mithilfe von direkten Soll-Ist-Vergleichen kann die Prozesszeit erheblich verkürzt werden. Darüber hinaus können in der Lagerhaltung virtuelle Einblendungen dafür sorgen, dass Materialfächer leichter und schneller gefunden werden.

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