Verlagerung in die Wolke

Cloud Computing verändert Unternehmensprozesse

In Zeiten des Cloud Computing erhalten viele ­Unternehmensprozesse ein neues Gesicht. Gleichzeitig verlagert sich das Management dieser ­Abläufe zunehmend in die Wolken.

Hochhäuser, Bildquelle: iStockphoto.com/samxmeg

Einer Ende März 2012 veröffentlichten Studie der Software Initiative Deutschland e.V. (SID) und der Metasonic AG zufolge, liegen im Bereich der Prozessoptimierung (Business Process Management, BPM) noch Einsparpotentiale in Milliardenhöhe. Laut dem sogenannten BPM-Report beziffern 69 Prozent der befragten Top-Manager aus der deutschen Wirtschaft den finanziellen Schaden auf über fünf Milliarden Euro, der derzeit jedes Jahr durch nur mangelhaft funktionierende Geschäftsprozesse entsteht. Diese Kosten könnten nach Angaben der SID künftig durch den Einsatz einer leistungsfähigen BPM-Lösung vermieden werden. Deren Hauptvorteile liegen laut Erhebung in höherer Prozesstransparenz (79 Prozent) und Kosteneinsparungen (75 Prozent). Auch die Vermeidung von Fehlern (74 Prozent) sowie die schnellere Reaktionsfähigkeit und die verbesserte Ausrichtung von Business und IT (jeweils 72 Prozent) wurden gemäß der Studie von den befragten Firmen als wesentlich angesehen.

Beschäftigt man sich heutzutage mit der (Neu-)Einführung einer BPM-Lösung, sollte diese auf jeden Fall sowohl in Private als auch Public Clouds problemlos einsetzbar sein. Die gute Nachricht vorneweg: Cloud Computing wird das Business Process Management per se nicht verändern. „Denn BPM-Lösungen sollen B2B-Prozesse automatisieren und steuern. Dafür spielte es noch nie eine Rolle, ob diese inner- oder außerhalb des Unternehmenskontextes laufen“, betont Wolfgang Schmidt, Vorstandsmitglied des SaaS-Ecosystem e.V. und Geschäftsführer der X-Integrate GmbH. Insofern mussten solche Lösungen schon immer die klassische On- bzw. Off-Premise-Situation abdecken und funktionieren dementsprechend auch in der Cloud. Die gleiche Ansicht vertritt Dirk Pohla, Leiter technischer Vertrieb Websphere bei IBM Deutschland: „Ob Unternehmen BPM auf klassische Art und Weise nutzen oder als Cloud-Service, sollte für die Fachabteilungen heute keine Rolle spielen.“ Vielmehr ginge es für sie um die Frage, welche grundsätzliche Strategie das Unternehmen bei der Wahl seines Infrastrukturmodells verfolgt. „Für den Endnutzer in den Fachabteilungen ist es dabei unerheblich, ob eine BPM-Plattform im traditionellen Rechenzentrum oder in einem modernen Cloud-RZ vorgehalten wird. Zwischen einem Geschäftsprozess in der Cloud oder On-Premise gibt es heute keinerlei Unterschied“, unterstreicht Pohla.

Appetit auf Kostenersparnis

Zwar funktionieren BPM-Lösungen gleichermaßen dies- und jenseits der Cloud, dennoch dürfen einige Besonderheiten nicht außer Acht gelassen werden, wenn man seine Abläufe in die Wolken heben will. Denn althergebrachte Prozesse stehen im Rahmen einer Modernisierung gerne einmal auf dem Prüfstand. „Die über Jahre etablierten traditionellen Standards und Prozesse verfolgen unter anderem das Ziel einer hohen Inte­gration. Der durch Cloud angeregte Appetit auf Kosten­ersparnis und Prozesslaufzeitverkürzung hingegen verursacht oft eine heterogene Landschaft“, erklärt Ralf Hülsmann, Solution Lead des International Cloud Services Center of Excellence bei T-Systems.

Des Weiteren seien die Konnektivität und Sicherheit in der Cloud anders zu bewerten als bei klassischen B2B-Szenarien, die in der Regel innerhalb fester Vertragspartnerschaften in zumeist geschützten Netzwerken stattfinden. „Da cloud-basierte Prozesse über das Internet ablaufen, werden nun auch BPM-Systeme miteinbezogen, die ursprünglich mitunter gar nicht dafür gedacht waren, als Cloud-Partner zu interagieren“, so Wolfgang Schmidt. Diese müssten von daher zunächst einmal in die Lage versetzt werden, sicher und entsprechend der Compliance zu kommunizieren. Eine weitere Besonderheit cloud-basierter Prozesse bestünde darin, dass die Unternehmen häufig gar nicht ihren gesamten Prozess automatisieren wollen, wie in klassischen B2B-Szenarien. Vielmehr reicht es laut Schmidt aus, dass ein Prozess über die Unternehmensgrenzen hinaus sauber dokumentiert, modelliert und kommuniziert wird.

Doch was passiert eigentlich, wenn bereits installierte BPM-Lösungen Prozesse in neu geschaffenen Cloud-Umgebungen abdecken sollen und somit eine Integration mit Cloud-Lösungen erforderlich wird? „Eine solche Anbindung funktioniert, indem man Cloud-Connectivity und -Integration für BPM-Lösungen schafft. Über diese können dann Inhouse-Dienste nach außen gebracht sowie andersherum externe Dienste einfach konsumiert werden“, betont Wolfgang Schmidt. Hinsichtlich der vorhandenen Schnittstellen sind vor allem die Hersteller gefordert, wie Ralf Hülsmann weiß: „Die Anbindung bestehender BPM-Lösungen in neue Cloud-Services erfolgt bisher im Wesentlichen herstellerspezifisch. Der Markt ist jung und ein Set üblicher Schnittstellen für SaaS-Angebote und Workflow Engines zu definieren steht bei allen Herstellen ganz oben auf der Agenda.“ Vor allem aktuelle Modellierungssprachen, wie Business Process Model and Notation (BPMN) seien geeignet, um entsprechende Cloud-Prozesse zu de-signen. Daher erwartet Ralf Hülsmann von T-Systems entsprechende Updates der BPM-Suiten. „Denn den klassischen Lösungen fehlen in der Regel noch die passenden Schnittstellen, um Cloud-Lösungen orchestrieren und instrumentalisieren zu können. Entsprechende Entwicklungen erwarten wir aber in naher Zukunft“, so Hülsmann.

Generell, räumt Hülsmann ein, besteht jedoch bei den meisten Cloud-Service-Providern eine klare Vision, künftiges Geschäft in prozessorientierten Angeboten zu realisieren. „Die Plattformen selber bieten bereits technische Schnittstellen an, wie die APIs von Zimory, VMware Vcloud, Salesforce API, etc.“, so Hülsmann. Man könne hier sowohl an Entwicklungsumgebungen wie der Oracle-SOA-Suite, reifen Angeboten wie Salesforce oder den wachsenden Angeboten an „Integration as a Service“ den Trend zur vereinfachten Integration erkennen. Fast euphorisch meldet sich hierzu Dirk Pohla von IBM zu Wort: „Mittlerweile unterstützen alle Cloud-Anbieter alle Arten von Schnittstellen, das gehört ja entscheidend zum Erfolgsmodell Cloud Computing.“ Im Prinzip könne man sogar soweit gehen, dass sich mit dem Cloud Computing die Philosophie offener Schnittstellen durchgesetzt hat. Ähnliches berichtet auch X-Integrate-Geschäftsführer Wolfgang Schmidt. Seiner Ansicht nach haben die meisten Lösungen heutzutage bereits Inte­grationslayer mit an Bord. Das heißt, eine Software, die die Brücke zu Cloud-Diensten schlagen.

Zu den Anbietern, die das Geschäftsprozessmanagement in die Wolke bringen, zählt auch IBM. Neben dem originären Cloud-BPM-Tool Blueworks Live kann in diesem Umfeld auch der Business Process Manager (früher Lombardi) zum Zuge kommen. „Als IBM-Partner implementieren wir bei den Kunden beide Ansätze von Big Blue“, betont Schmidt. Für eine Speziallösung für den Versicherungsmarkt hat das Partnerunternehmen beispielsweise verschiedene BPM-Komponenten cloudifiziert. „Dabei läuft die Bestandsoptimierung der Provisionen in einem Maklerszenario zwischen Versicherung, Makler und Agenturlandschaft innerhalb dieser Lösung als rein cloud-basierter Geschäftsprozess ab“, berichtet Schmidt aus der Praxis.

Nicht nur im Versicherungsbereich, sondern auch in anderen Branchen bemerkt man eine rege Nachfrage nach cloud-basierten Lösungen. So zählt Ralf Hülsmann bereits Unternehmen wie Audi, Evosoft, Tesat (EADS) Hitachi Systems oder NEC zu den Anwendern der subjektorientierte Business-Process-Management-Lösung (S-BPM). Bei dieser cloud-basierten BPM-Suite liegt der Fokus derzeit auf der Private Cloud. „Firmen, die ihre unternehmensspezifischen Prozesse in der Cloud verwalten wollen, können dies mit unserer Suite sehr gut machen“, berichtet Herbert Kindermann, CEO bei der Metasonic AG. Laut dem Anbieter soll S-BPM Unternehmen dabei helfen, ihre Prozesse einfach zu modellieren und zu implementieren. In wenigen Schritten ließe sich ein effizientes Management der Geschäftsprozesse realisieren. Die Vorteile der Metasonic-Lösung macht sich auch T-Systems zunutze. „Unsere BPM-Lösung „Process Cloud“ bietet neben der klassischen Software zum Prozessdesign einen Appstore für Geschäftsprozesse. Hierfür nutzen wir das erlernbare Prozessmodell S-BPM als Grundlage“, berichtet Ralf Hülsmann.

Bildquelle: iStockphoto.com/samxmeg

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok