R.I.P. Datenschutz

Das Ende der Datensparsamkeit

Zur Cloud drängt, an der Cloud hängt doch alles, würde ein Goethe des 21. Jahrhunderts vielleicht dichten. Und der Datenschutz? Der ist tot.

Es „gilt in Deutschland der Grundsatz, dass die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Daten und die Auswahl und Gestaltung von Datenverarbeitungssystemen an dem Ziel auszurichten sind, so wenig personenbezogene Daten wie möglich zu erheben, zu verarbeiten oder zu nutzen“.

Steht in der Wikipedia. Zum Datenschutz. Und wer nach dem Ausklingen dieser hehren Worte genau hinhört, bemerkt das homerische Gelächter von Apple, Google, Facebook, Microsoft und nicht zuletzt den Geheimdiensten. Denn der klassische Datenschutz mit seinem Prinzip der Datensparsamkeit ist tot.

Staat und Wirtschaft wollen all unsere Daten

Er ist zum Opfer eines gemeinschaftlichen Mordes durch Staat und Wirtschaft geworden. Gerade in Deutschland will der Staat immer mehr Daten von seinen Bürgern. Vor allem die Sozialsysteme brauchen den voll transparenten Untertanen, der sich bis auf seine letzten Spargroschen nackig machen muss. Und die Wirtschaft will natürlich das alles und viel mehr, am liebsten sämtliche Regungen, Stimmungen und Vorlieben ihrer Kunden.

Zuletzt war es Windows 10, das durch Datenverschwendung auffiel. Es unterzieht jedem einer Rundum-Ausforschung, bis hin zur Erfassung der Formulierungskünste der schreibenden Nutzer. Das hat einen technisch verständlichen Grund, denn die smarte Assistentin Cortana arbeitet nur dann wirklich sinnvoll, wenn Kontextdaten über ihre Nutzer besitzt.

Sie funktioniert umso besser, je mehr Informationen sie hat, am allerbesten, wenn sie einfach alles weiß. Und wo finden sich diese Daten? In der Cloud - aus Gründen des Komforts und der sinkenden Kosten. Solche intelligenten Ansätze mit Cloudtechnologien verbreiten sich immer mehr und werden zu einem Hauptparadigma der IT. Und damit ist auch das Prinzip der Datensparsamkeit obsolet.

Die meisten Leute scheren sich ohnehin nicht um ihre Daten. Das lässt sich gut am Schicksal des einzigen Datenschutz-kompatiblen sozialen Netzwerks „StudiVz/MeinVz“ ablesen: Es existiert nicht mehr, jedenfalls nicht als ernstzunehmende Konkurrenz für Facebook.

Doch das heißt natürlich nicht, dass wir (die Gesellschaft) alles einfach den Unternehmen mit ihrem homerischen Gelächter überlassen sollten. Was wirklich notwendig ist, ist der Abschied vom Prinzip der Datensparsamkeit und sein Ersatz durch ein neues Prinzip: Datentransparenz.

Souverän ist, wer über seine eigenen Daten entscheidet

Auch hier soll wieder Windows 10 als Beispiel dienen. Der Anwender kann (in dem von Microsoft abgesteckten Rahmen) recht genau angeben, welche Daten übertragen werden sollen und welche nicht. Eigentlich müsste sich der Datenschutz in diese Richtung weiterentwickeln.

Denn die aktuelle Situation ist mehr als unbefriedigend. Theoretisch ist die Privatsphäre streng geschützt. Doch wer hierzulande so richtig nach Herzenslust Daten abgreifen möchte, geht halt einfach über die Grenze, in eine Gegend mit weniger rigiden Regeln und kommt via Netz wieder zurück. In der Konsequenz führt dies dazu, dass alle alles speichern und niemand weiß, welche Angaben sich wo befinden.

Das Gegenteil wäre notwendig: Jeder Bürger sollte jederzeit wissen, wer welche Informationen aus welchen Gründen und zu welchen Zwecken speichert. Zugleich sollte es jedem Bürger möglich sein, seine Daten zu korrigieren, zu löschen und nur für bestimmte Nutzer freizugeben.

Der herkömmliche Datenschutz ist ein Relikt des paternalistisch auftretenden Rechtsstaates deutscher Prägung, der seine Bürger möglichst wenig selbst regeln lässt, sondern lieber alles penibel vorschreibt. Die Offenlegung aller irgendwo gespeicherten Daten für den Selbstentscheid ist dagegen ein Verfahren für mündige Demokraten.

Vollständige Datentransparenz würde bedeuten: Der Anwender regiert seine Daten souverän, kein Unternehmen und kein Staat. Eine Utopie, sicher. Aber eine, die mit Cloudtechnologien leicht zu verwirklichen wäre.

Bildquelle: Thinkstock

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