Wandel der Arbeitswelt

„Das ist ein Trend, der nicht vorbeigehen wird“

Wie sich der Wandel der Arbeitswelt auf die Digitalisierung auswirkt: Niculae Cantuniar, CEO bei Ricoh Deutschland, beschreibt im Interview, wie Unternehmen gestärkt aus der Krise hervorgehen können.

Niculae Cantuniar von Ricoh

Niculae Cantuniar glaubt, dass der Trend zu Remote Work und flexiblen Arbeitsmodellen insgesamt ein langfristiger ist.

ITD: Die Digitalisierung von Arbeitsplätzen hat in den vergangenen Monaten enorm an Bedeutung gewonnen. Wie haben Sie diese Entwicklung aus geschäftlicher Perspektive erlebt?
Niculae Cantuniar:
Wir haben in den letzten Monaten insgesamt eine deutlich gestiegene Nachfrage nach integrierten Technologiekonzepten für Remote Working sowie Lösungen für die Prozessautomatisierung wahrgenommen. Viele Unternehmen mussten im Lockdown kurzfristig einen Großteil ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Homeoffice schicken, um den Geschäftsbetrieb am Laufen zu halten und benötigten daher schnelle Lösungen für die sichere und effektive Remote-Zusammenarbeit. Besonders die Nachfrage nach Dokumenten- und Workflow-Lösungen ist stark gestiegen: Bis Ende August verzeichnete allein die Cloud-Lösung von Docuware ein Viertel mehr Kunden als im selben Zeitraum des Vorjahres. Im Bereich Office Printing hat sich das Volumen wieder auf etwa 90 Prozent des Vor-Corona-Niveaus entwickelt. Interessant ist hierbei, dass Multifunktionssysteme im Büro mehr denn je gefragt sind und unsere Absatzzahlen sogar gestiegen sind. MFPs sind ein wichtiger Digitalisierungstreiber: Als Schnittstelle für DMS- und ECM-Systemen spielen sie eine Schlüsselrolle für die Automatisierung geschäftskritischer Prozesse wie beispielsweise die Rechnungsverarbeitung. Und natürlich haben wir auch selbst bei Ricoh die enormen Remote-Umstellungsprozesse erlebt. Die Kolleginnen und Kollegen haben innerhalb kürzester Zeit und über Wochen aus dem Homeoffice Hervorragendes geleistet. Der souveräne Umgang mit diesem digitalem Stresstest hat mich sehr beeindruckt.

ITD: Welche Produkte und Dienstleistungen wurden bei Ihnen zuletzt vermehrt nachgefragt?
Cantuniar:
Wie bereits eingangs erwähnt, wurden in den letzten Monaten vor allem Dokumenten- und Workflow-Lösungen verstärkt nachgefragt, bedingt durch die Zunahme von Remote Work. Hierbei verfolgt gerade der Mittelstand immer mehr „Cloud-First“-Strategien und setzt verstärkt auf Cloud-basierte Plattformen. Im Bereich Office Printing haben wir durch den Lockdown einen deutlichen Anstieg bei Homeoffice-Geräten verzeichnet. Auch im Geschäftsbereich Communications Services sehen wir sowohl in Deutschland als auch europaweit eine wachsende Nachfrage nach modernen AV- und Workplace-Lösungen. Daneben verzeichnen wir eine wachsende Nachfrage nach IT Services im gesamten EMEA-Raum. Daher setzen wir auch konsequent auf den Ausbau dieser Bereiche, beispielsweise durch die Übernahmen des AV-Integrators DataVision und des IT-Systemhauses MTI Technology, durch die wir in diesen Wachstumsmärkten noch gezielter agieren und unseren Kunden noch bessere Lösungen bieten können.

ITD: Wie beeinflusst die Pandemie die langfristige Geschäftsstrategie von Ricoh?
Cantuniar:
Ricoh ist bereits seit gut zehn Jahren in einem Transformationsprozess vom Hersteller marktführender Drucksysteme zu einer „Digital Services Company“. Seit längerem ist unser Leitgedanke, unsere Kunden mit innovativen Technologien und Dienstleistungen dabei zu unterstützen, smarter arbeiten zu können, egal wo sich diese befinden. Die Pandemie hat den Trend zum digitalen Arbeitsplatz weiter beschleunigt, doch es geht nicht allein um Homeoffice- oder Büroarbeit, sondern um ortsunabhängige, kollaborative Arbeitsformen – das spiegelt sich in unserer Kampagne „Zusammenarbeiten, immer und überall“ wieder sowie in unserer konsequenten Erweiterung des Ricoh-Portfolios mit neuen Produkten und Services. „Zusammenarbeiten, immer und überall“ zeigt digitale Lösungskonzepte für Remote Working, die Automatisierung von geschäftskritischen Prozessen sowie dezentrale Infrastruktur-Lösungen und Cloud Services für den Remote-Betrieb auf. So konnten wir unsere Kunden dabei unterstützen, den Geschäftsbetrieb während der Pandemie aufrecht zu erhalten und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Arbeit aus dem Homeoffice zu ermöglichen. Im Sommer und Herbst, als viele Unternehmen damit begonnen haben, ihren Beschäftigten sukzessive die Rückkehr an den Arbeitsplatz zu ermöglichen, haben wir demensprechend unser Portfolio um Konzepte für smarte und sichere Büroarbeitsplätze erweitert, wie beispielsweise Thermalkameras für die Messung der Körpertemperatur in Empfangsbereichen oder digitale Arbeitsplatzbuchungssysteme. Darüber hinaus stellen wir uns, wie bereits angesprochen, durch gezielte Akquisitionen noch breiter auf.

ITD: Wenn vom sogenannten „New Normal” gesprochen wird, ist die Vorstellung davon bisweilen sehr weit gefasst. Was assoziieren Sie mit dem Begriff?
Cantuniar:
Teilweise tue ich mit dem Begriff „New Normal“ noch sehr schwer, weil wir an einem Punkt sind, bei dem eine neue Normalität noch nicht abschließend definiert werden kann. Dennoch assoziiere ich damit im geschäftlichen Kontext vor allem die neuen, veränderten Rahmenbedingungen durch die Corona-Krise, an die Unternehmen sich und ihre Geschäftsmodelle anpassen müssen. Langfristig erfolgreich zu sein, das heißt vor allem agil zu sein, um flexibel auf Veränderungen reagieren zu können und für die Zukunft gerüstet zu sein. Die digitale Transformation voranzutreiben und die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern sind zwei der wichtigsten Erfolgsfaktoren in einer neuen Normalität. Diese Faktoren waren jedoch auch schon davor enorm wichtig. Die Corona-Krise hat die Arbeitswelt nicht auf den Kopf gestellt – sie hat aber die Entwicklungen, die zuvor schon vorhanden waren, enorm beschleunigt. Natürlich verbinde ich mit dem Begriff „New Normal“ auch die Veränderungen unserer Arbeitswelt: Remote Work ist nicht mehr nur Zukunftsmusik, sondern vielerorts zum „Business as usual“ geworden. Das ist ein Trend, der nicht vorbei gehen wird – digitales Arbeiten wird nach Corona eine noch selbstverständlichere Rolle spielen. Damit haben wir aktuell auch die Chance, dass sich ein Kulturwandel vollzieht, hin zu einer größeren Flexibilität, mehr Verständnis füreinander und einer besseren Arbeitswelt insgesamt. Dazu gehört auch, dass Aspekte wie Remote Leadership mehr an Bedeutung gewinnen und sich die Führungskultur ebenfalls ändern muss.

ITD: Wie können Sie Unternehmen auf ihrem Weg in diese neue Normalität unterstützen?
Cantuniar:
Zum einen haben wir ganz konkrete Programme auf den Weg gebracht, die unsere Kunden auf dem Weg in die neue Normalität helfen. Für Druckdienstleister haben wir beispielsweise das Ricoh Business Booster-Programm ins Leben gerufen, mit dem wir diese dabei unterstützen, ihren Geschäftsbetrieb neu zu bewerten und ihn an zukünftige Entwicklungen anzupassen. Zum anderen erweitern wir, wie eben schon angesprochen, unser Portfolio kontinuierlich, um unsere Kunden mit unseren Produkten und Lösungen jetzt und in Zukunft bei ihrer digitalen Transformation unterstützen. Zum einen mit Technologien und Services für Remote Working, aber auch und ganz besonders mit Cloud-basierten Lösungen für die Digitalisierung und Automatisierung von geschäftskritischen Prozessen. Denn die Prozessautomatisierung ist und bleibt einer der wichtigsten Schlüsselfaktoren für erfolgreiches Remote Working und die Digitalisierung insgesamt. Jedoch stellt der Einstieg in die Digitalisierung gerade für kleine und mittlere Unternehmen nach wie vor eine große Herausforderung dar, die sich durch die aktuellen Probleme aufgrund der Corona-Krise noch verschärft hat. Daher beraten und unterstützen wir kleine und mittelständische Unternehmen nicht nur bei der Erstellung und Umsetzung einer individuellen Digitalisierungsstrategie, sondern helfen ihnen auch bei der Beantragung von Fördergeldern des Bundes, beispielsweise im Rahmen des neuen Förderprogramms „digital jetzt“.

ITD: Das Bildungswesen tut sich derzeit besonders schwer damit, gewisse Digitalisierungsdefizite aufzuholen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Cantuniar:
Das ist eine gute Frage, über die momentan ja auch intensiv diskutiert wird. Am Geld mangelt es zumindest nicht, denn die Fördergelder aus dem Digitalpakt Schule des Bundes sind noch längst nicht ausgeschöpft. Im Rahmen der Corona-Krise ist ja zuletzt noch eine weitere Milliarde dazu gekommen, die speziell für mobile Endgeräte für das Homeschooling und die Administration von Computersystemen eingesetzt werden kann. Gründe, warum das Geld nicht bei den Schulen ankommt, gibt es zahlreiche. Eine der Hürden ist sicherlich die Bürokratie, denn die Beantragung der Fördergelder ist kompliziert: Schulen müssen zunächst umfangreiche Medienbildungskonzepte beantragen, deren Erstellung sehr aufwändig und zeitintensiv ist. Unterstützung bekommen Schulen hierbei von verschiedenen Seiten, wie beispielsweise von den Bildungswerken in den einzelnen Bundesländern, die auch mit den Technologieanbietern vernetzt sind. Wir sind zum Beispiel Technologiepartner des Bildungswerks der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW), das Schulen bei der Beantragung der Fördergelder und der Entwicklung des erforderlichen Medienbildungskonzepts berät. Wir ermöglichen anschließend als offizieller Technologiepartner die Ausstattung von bis zu 2.700 niedersächsischen Schulen mit unseren Interactive Whiteboards.

ITD: Wie können Schulen und Universitäten konkret von Ihren Lösungen profitieren?
Cantuniar:
Digitale Technologien im Klassenzimmer, wie beispielsweise unsere Interactive Whiteboards, ermöglichen einen multimedialen Unterricht. Durch die Einbindung von Videos und interaktiven Grafiken können Lehrkräfte den Unterricht interessanter und lebendiger gestalten, was die Schüler dazu animiert, aufmerksamer mitzuarbeiten. Da die Unterrichtsaufzeichnungen den Schülern nach der Stunde digital zur Verfügung gestellt werden können, können sich diese besser auf den Unterricht konzentrieren. Handschriftliche Notizen auf den Whiteboards können automatisch in digitale Dokumente umgewandelt werden, wodurch das Abschreiben der Lehrinhalte komplett entfällt und mehr Zeit für die Fragen der Schüler bleibt. Der Einsatz von Interactive Whiteboards bietet den Lehrkräften also nicht nur mehr Möglichkeiten, den Schülern die Lehrinhalte zu vermitteln, sondern macht den Unterricht insgesamt effizienter. Darüber hinaus sind die Whiteboards videokonferenzfähig: Schüler können somit die Unterrichtsstunde von Zuhause aus verfolgen, wenn beispielsweise nur ein Teil der Klasse vor Ort unterrichtet werden kann. Die Schüler können dann mit ihren mobilen Endgeräten sogar aktiv und in Echtzeit an den Inhalten mitarbeiten.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITD: Wie wird sich die allgemeine Situation Ihrer Meinung nach im kommenden Jahr entwickeln? Werden die neuen Organisationsformen Bestand haben oder sehen Sie eher eine Rückkehr zur Normalität?
Cantuniar:
Ich denke, dass der Trend zu Remote Work und flexiblen Arbeitsmodellen insgesamt ein langfristiger ist. Die vielen Vorteile haben in den letzten Monaten auch hartnäckige Skeptiker überzeugt, da sich gezeigt hat, dass es funktionieren kann. Auch werden die Arbeitnehmer die neu gewonnen Freiheiten wohl kaum wieder hergeben wollen. Dennoch glaube ich nicht, dass Remote Work die Arbeit im Büro vollständig ersetzen wird. Das hat man allein in den letzten Wochen gemerkt, dass sich viele einfach freuen, wieder gemeinsam mit den Kollegen im Büro arbeiten zu können. Die Entwicklung wird meiner Meinung zunehmend in die Richtung gehen, dass Unternehmen ihre vorhandenen Büroflächen umstrukturieren werden. Wenn nicht jeden Tag alle Mitarbeiter im Büro arbeiten, kann der übrige Platz für neue Creative Spaces für die Teamarbeit oder kreatives Brainstorming genutzt werden. In Zukunft wird es vor allem darauf ankommen, eine gute Balance aus Büroarbeit und der Arbeit im Homeoffice zu finden, um es den Mitarbeitern zu ermöglichen, je nach Aufgabe den Arbeitsort wählen zu können, an dem sie am produktivsten arbeiten können.

Bildquelle: Ricoh

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