Ausbau von Rechenzentren

Den Hunger nach wachsenden IT-Ressourcen stillen

Wer heutzutage in den Ausbau von Rechenzentren ­investiert, hat sein Geld wohl auf lange Sicht ­gut ­angelegt. Denn die Prognosen vieler Analysten ­stimmen überein, was den wachsenden Hunger nach ­­IT-Ressourcen anbelangt.

Dem im Zuge der Multi-Cloud-Verbreitung entstehenden Hunger der Kunden nach immer mehr RZ-Kapazitäten wird aktuelle Hardware gerecht.

„Die Nachfrage nach RZ-Ressourcen steigt branchenübergreifend in der gesamten Wirtschaft, angefangen beim Ingenieurbüro über den Einzelhandelskonzern bis zur internationalen Versicherungsgruppe“, berichtet Marc Sundermann, Head of Business Development bei der QSC AG. Die Gründe für die steigende Nachfrage sind unterschiedlich. Bernd Hanstein, Hauptabteilungsleiter bei Rittal, macht dafür die vielen Modernisierungsprojekte in Branchen wie dem Finanz-, Versicherungs- und Gesundheitswesen oder in der produzierenden Industrie verantwortlich.

Dabei gehe es beispielsweise darum, kundenorientierte Abläufe weiter zu digitalisieren oder neue Methoden von Künstlicher Intelligenz (KI) bis Chatbots in die eigenen IT-Umgebungen zu integrieren. „Viele Komponenten werden hierbei über die Cloud und damit von externen Rechenzentren oder Dienstleistern bereitgestellt“, so Hanstein. „Die Treiber für Datenwachstum reichen von der elektronischen Patientenakte bis zu intelligenten Fitnessbändern. Auch die starke Automatisierung in den Fabriken im Rahmen von Industrie-4.0-Initiativen basiert auf einer starken Vernetzung von Maschinen über Internet-Technologien.“

Wandel im Colocation-Geschäft


Desweiteren würden Sensoren im Zuge des Internets der Dinge immer mehr Daten erzeugen, die konsolidiert und analysiert werden müssen. Hinzu kommt, dass immer mehr Anwendungen, die bislang noch klassisch „on premise“ vorgehalten wurden, in die Cloud wandern. Vor diesem Hintergrund fragen „die Verantwortlichen in den Unternehmen zunehmend häufiger danach, wie sie ihre IT an andere Clouds anbinden können und wie eine erweiterte Roadmap aussehen kann“, erklärt Marc Sundermann. Bei solchen hybriden Cloud-Umgebungen sprechen die Experten momentan gerne von der sogenannten Multi-Cloud.

Im Zuge der Verbreitung der Cloud-Technologien hat sich das Geschäft mit RZ-Services, Colocation und Housing in den letzten Jahren entsprechend gewandelt. „Wurde hier früher pure Fläche angefragt, kamen später gemanagte Server dazu und heute verschiebt sich die Nachfrage stark in Richtung Virtualisierung und Infrastructure as a Service (IaaS)“, erklärt Marc Sundermann. Ganz allmählich wachse auch die Nachfrage nach sogenannten Container-Lösungen: „Das heißt, Unternehmen, die bereits von monolithischen Anwendungen auf Microservices umsteigen, fragen nicht mehr nach virtuellen Maschinen (VMs), sondern nach Containern wie Docker“, so Sundermann. Hinter Docker verbirgt sich eine Open-Source-Software, die dazu verwendet werden kann, Anwendungen mithilfe von Betriebssystemvirtualisierung in Containern zu isolieren. Dies soll die Bereitstellung von Anwendungen vereinfachen, indem sich die Container, die alle nötigen Pakete enthalten, leicht als Dateien transportieren und installieren lassen. Somit gewährleisten Container die Trennung und Verwaltung der auf einem Rechner genutzten Ressourcen – egal ob Code, Laufzeitmodul, System-Tools oder Systembibliotheken.

Wie die Nachfrage in der Praxis aussehen kann, beschreibt Donald Badoux, Geschäftsführer bei der Equinix Deutschland GmbH: „Unsere Kunden umfassen Cloud- und IT-Service-Anbieter, Finanzdienstleister, Netzwerkbetreiber und Content-Provider. Insgesamt befinden sich in unseren Frankfurter Rechenzentren Business-Hubs für über 800 Unternehmen und über 350 Netzwerkpartner.“ Dabei kommen die meisten Anfragen von Neukunden bei dem Data-Center-Betreiber einerseits von Cloud-Providern, die Full-Services anbieten. Andererseits würde zunehmend auch der klassische Mittelstand aus unterschiedlichen Branchen Services anfragen.

Mögliche Engpässe


Dem im Zuge der erwähnten Multi-Cloud-Verbreitung entstehenden Hunger der Kunden nach immer mehr RZ-Kapazitäten wird aktuelle Hardware gerecht. Denn diese ist sehr leistungsfähig und kann die geforderten Ressourcen spielend bereitstellen. Auch gibt es laut Sundermann zurzeit keine Lieferengpässe bei Servern oder Storage, die in der Vergangenheit immer mal wieder für Schwierigkeiten sorgten. Desweiteren lassen sich mögliche Ressourcen­engpässe im RZ-Umfeld systemseitig gut abfedern. „Wir können uns auf die Nachfrage gut einstellen, indem wir z. B. mit Techniken wie Datendeduplizierung und Container-Strukturen gegensteuern“, betont Martin Setzler, Leiter Services und Mitglied der Geschäftsleitung bei der AEB GmbH in Stuttgart.

Während man technisch bestens aufgestellt ist, sieht dies bei Fläche und Personal anders aus. Laut Setzler sind dies zurzeit die einzigen Faktoren, die Engpässe im Markt verursachen könnten. Demnach seien insbesondere Virtualisierungs- und Multi-Cloud-Experten momentan rar gesät. Zudem sei mit zunehmender Relevanz von Containern sowie dem Zusammenrücken von Entwicklung und Betrieb in Richtung DevOps heute häufig eine Mischung aus Entwickler und Administrator gefragt, wo in der Vergangenheit reine Administratoren erforderlich waren. Daneben stellt im Colocation- und RZ-Geschäft die Fläche immer ein großes Thema dar. So setzen Unternehmen, die in der Vergangenheit mit Tier-2-Rechenzentren zufrieden waren, heute zunehmend auf Tier 3 oder mehr. „Entsprechend müssen RZ-Anbieter immer mehr Fläche höherer Güte nachbauen, um Engpässe bei der Bereitstellung zu vermeiden“, schätzt Sundermann die Situation ein.

Damit nicht genug, könnten sich – je nach Anwendung – die Netzwerkbandbreite und die durch Latenzen erzeugten Verzögerungen, mit der Daten an externe Rechenzentren übertragen werden, als Engpass erweisen. Lösbar wird diese Herausforderung derzeit durch den Trend hin zum sogenannten „Edge Computing“. Laut Bernd Hanstein ist damit die Verlagerung von Rechenleistung, Anwendungen, Daten und Services unmittelbar an die Randstelle eines Netzwerks gemeint. „IT-Ressourcen werden hier verstärkt aufgebaut, um schon am Punkt der Datenentstehung eine erste Verdichtung bis hin zu Analysen der Daten vornehmen zu können“, beschreibt der RZ-Spezialist die Vorgehensweise.

Anbindung an die Public Cloud


Neben den geforderten Rechenzentrumskapazitäten sorgen sich immer mehr RZ-Service- und Colocation-Anbieter um die direkte Anbindung an Public-Cloud-Provider aus ihrem Rechenzentrum heraus. „Laut dem internationalen Marktforschungsunternehmen IDC wird der Public-Cloud-Markt in der EMEA-Region in den nächsten vier Jahren um 26 Prozent wachsen“, berichtet Donald Badoux. Dabei habe Deutschland verglichen mit den anderen großen Märkten die höchsten Zuwachsraten. Nach Ansicht von Badoux spielt hierfür definitiv der Trend des Speicherns von Daten in der Cloud eine große Rolle.

Zudem wird es in weiterer Zukunft vermutlich viel Bewegung im Bereich des autonomen Fahrens geben. „Autonome Fahrzeuge erzeugen enorm viele Daten. Diese müssen rasch und effektiv in Rechenzentren verarbeitet werden, denn Latenzzeiten und Redundanzen sind hier höchst kritisch“, berichtet Badoux. Kaum ein RZ-Betreiber kann es sich leisten, nur auf einen Cloud-Anbieter zu setzen. Vielmehr ist Vielfalt gefragt, wodurch erneut die Multi-Cloud ins Spiel kommt. „Der Trend zur Multi-Cloud ist unaufhaltsam und bietet Anwendern viele Vorteile. Durch die Anbindung an Plattformen der großen Public-Cloud-Provider erhalten Unternehmen Zugriff auf Schlüsseltechnologien wie Machine Learning oder Big Data Analytics, die sie sonst nicht nutzen könnten“, berichtet Marc Sundermann. Kaum ein Unternehmen sei dazu in der Lage, entsprechende Lösungen mit vertretbarem Aufwand selbst aufzubauen. Ein guter Dienstleister sollte laut Sundermann seinen Kunden daher die Möglichkeit geben, die beste Multi-Cloud für dessen Bedarf aus allen verfügbaren Angeboten im Markt zusammenzustellen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 05/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Während so mancher RZ-Betreiber nicht umhin kann, seine Data Center für globale Public-Cloud-Angebote zu öffnen, ist diese Anbindung nicht in allen Branchen gewollt. Der Logistikspezialist AEB bemerkt etwa keine gesteigerte Nachfrage: „Eine Anbindung, insbesondere an nicht-europäische Cloud-Anbieter, ist (noch) kein Thema für unsere Kunden und deren geschäftsprozessrelevante Daten. Wir erleben eher den umgekehrten Trend, dass die Apps und Plattformen der Private Clouds unserer Kunden sich mit unseren Services verbinden wollen“, berichtet Martin Setzler. Dabei würden sämtliche Technologien der letzten 20 Jahre angefragt. „Zu unserer Überraschung zählen dazu in vielen Fällen noch immer Dateischnittstellen, aber auch Web-Services – und auch hier wieder alle Spielarten, von RPC bis REST. In Zukunft werden überdies sicherlich GraphQL-Anbindungen eine wichtige Rolle spielen“, glaubt Setzler.

Bildquelle: Thinkstock/Photodisc

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