Cloud-Marktplätze: Die Lehren des Scheiterns

Der Einfluss von Cloud Service Brokerage

Warum wird „Cloud Service Brokerage“ die Zukunft des Cloud Computings maßgeblich beeinflussen? Das erklärt Jörg Mecke, Business Unit Manager beim IT-Dienstleister Fritz & Macziol, in seinem Kommentar.

Jörg Mecke, Fritz & Macziol

Jörg Mecke, Business Unit Manager beim IT-Dienst­leister Fritz & Macziol

In der reinen Lehre der Marktwirtschaft regelt der Markt Angebot und Nachfrage sowie den daraus resultierenden Preis. Der Kunde entscheidet, welches Produkt er wählt. Wenn es in einem Markt keine Wahlfreiheit gibt, ist dieser gestört und Konsumenten fühlen sich unwohl. Das ist nun nichts Neues, sondern Inhalt der ersten Vorlesungen jedes Studenten, bei dem Wirtschaft Teil seines Studiengangs ist.

Was für den Markt im Allgemeinen gilt, ist auch für dessen Segment der Informationstechnologie anwendbar und gültig. Während der Kunde bisher die Wahl hatte, was er kaufen wollte, geht es im Zeitalter des Cloud Computings primär darum, was der Kunde am Ende nutzen möchte. Bis heute sind daher einige Cloud-Marktplätze aus unterschiedlichen Motivationen entstanden, die um die Gunst der Kunden werben. Distributoren haben Cloud-Services angeboten, um ihren Kunden – den Systemhäusern – ein einfaches Verkaufsmodell zu bieten und selber eine Daseinsberechtigung zu erhalten. Der Nutzen für die Unternehmen und Endanwender in Deutschland hält sich aber in Grenzen, weil der Distributorenmarktplatz nicht wirklich vergleicht, sondern nur das Angebot ausgewählter Partner schön nebeneinander darstellt – vergleichbar mit einem Wochenmarkt mit einem Obststand und lauter Preisschildern – qualitative Faktoren oder konkret vergleichbare Preise spielen keine Rolle.

Anders machte es die Deutsche Börse Cloud Exchange (DBCE), die 2015 mit der Kompetenz des Handelns und der vollständigen Markttransparenz aus dem Mutterhaus an den Markt ging. So hieß dann auch der erste Vortrag über die DBCE, den ich hörte, „Was hat Cloud Computing mit Schweinehälften zu tun?“ – ein Brückenschlag zur großen Warenterminbörse Eurex. Die Idee eines offenen Cloud-Marktplatzes in Deutschland war exzellent. Standardisierte Qualität und Vergleichbarkeit sollten IT-Einkäufern das Leben leichter machen. Dennoch kam es zum schnellen Aus im Februar 2016 für die DBCE. Der Betrieb wurde eingestellt.

Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig: Einerseits ist der Preis im Cloud Computing eben nicht alles und der Spotmarkt für eine ganz kurzfristige und auch nur kurz andauernde Nutzung sehr übersichtlich. Weiterhin hielt sich die Akzeptanz der Anbieter in Grenzen, viele wollten nicht mitmachen: Nur sechs Anbieter waren dabei, darunter noch nicht einmal die T-Systems, einer der Anteilseigner der DBCE. Außerdem hatte der Anbieter wichtige technische Voraussetzungen vergessen. Zum Beispiel wollten potentielle Kunden virtuelle Maschinen verschieben können und diese nicht immer wieder neu aufbauen müssen.

„Suchmaschine“ bleibt aktuell


Der einzige Cloud-Marktplatz, der bisher wirklich funktioniert, heißt leider Suchmaschine. Egal ob ­Google, Bing oder Yahoo: Die Benutzer in Unternehmen suchen und finden das, was sie brauchen und was ihnen ihre eigene EDV-Abteilung (scheinbar) verweigert: schnelle und gute Lösungen oder Apps in Hersteller-Stores, die schnell die akuten Probleme lösen. Dieser „Marktplatz“ ist daher immer noch enorm effizient und führt massenweise zu Schatten-IT. Das geschieht nicht absichtlich aus niederen Beweggründen, sondern aus der Tatsache, dass die eigenen IT-Kollegen perfekt im Konsolidieren und Kosten sparen sind, ihnen aber die Agilität, Flexibilität und Transparenz im Angebot von ihren eigenen Anwendern abgesprochen wird.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 05/2016. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Derzeit scheint es für IT-Abteilungen in Deutschland nur einen Ausweg aus der chaotischen Situation zu geben: Werde selber zum Marktplatz! Jedes Unternehmen und jede Behörde sollte ihren eigenen Marktplatz alias Service-Katalog haben oder einen in einem Verbund nutzen. Der offensive Vergleich der eigenen Leistung mit den Anbietern der Public Cloud in den Bereichen Funktionalität, SLA und Preis offenbart, dass die eigene IT tatsächlich günstiger sein kann als Public-Cloud-Angebote. Es gibt zudem Dienste, die für die kurzfristige Nutzung besser in der Public Cloud aufgehoben sind, langfristig aber besser intern in der Private Cloud fahren. Gartner wählt das Bild eines Supermarktes und sagt sinngemäß: „In jedem Supermarkt gibt es neben den Premiummarken auch Handelsmarken, die günstiger sind. Der Kunde hat die Wahl, wonach er schaut und kann eine bewusste Entscheidung treffen. Es ist für jeden etwas dabei und niemand muss den Laden wechseln, um seinen Einkauf abzuschließen.“

Das Bild zeigt, was die Nachfrage steuern kann: Cloud Service Brokerage, ein Portal mit völliger Preistransparenz, wo verschiedene (durch die interne IT gesteuerte und vom Datenschutzbeauftragten für gut befundene) interne und externe IT-Dienste angeboten werden. Eine Broker-Plattform, die mit Bestellung, Beschaffung, Bereitstellung und Abrechnung weit über die Idee der Cloud-Marktplätze hinausgeht. Cloud-Broker-Portale führen in der Theorie dazu, dass Preisvorteile genutzt werden können und der Bedarf der Anwender gedeckt wird. Die interne IT behält auch in Zeiten, in denen IT-Budgets in Fachabteilungen wandern, ihre Daseinsberechtigung. Die Voraussetzung: Sie stellt sich bewusst in einen ungewohnten Wettbewerb zu den optimiertesten Anbietern des Marktes, um gegen die Schatten-IT zu gewinnen und nicht nur zuzusehen.

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