Covid-19 verunsichert Digitalbranche

Der Letzte zahlt die Zeche

Das Coronavirus bedroht nicht nur die Gesundheit, es hat inzwischen auch massive wirtschaftliche Konsequenzen. Fabriken werden geschlossen, Lieferketten unterbrochen und Veranstaltungen abgesagt. Wer zahlt die Rechnung?

Weltkugel mit Corona-Aufkleber

Das Coronavirus geht um die Welt – und hält die IT-Branche mit unterbrochenen Supply Chains, stillgelegten Fabriken und abgesagten Messen in Atem.

Nach der Absage des Mobile World Congress in Barcelona im Februar und dem Bekanntwerden der ersten Corona-Fälle in Deutschland haben sich IT-Anbieter und -Interessierte gefragt, ob wohl die großen deutschen Messen stattfinden. Seit dieser Woche ist klar, dass mit der Twenty2x, der Hannovermesse und der Logimat nun einige der wichtigsten Branchenveranstaltungen verschoben oder – wie im Fall der Logimat – nun ganz abgesagt werden mussten. Zudem gab auch der Bitkom-Verband bekannt, dass die Hub.Berlin und der Big-Data.AI Summit auf Ende April verschoben werden, da, so Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard-Rohleder, die sichere Durchführung mit Blick auf Covid-19 nicht mehr gewährleistet werden könne. Selbst Großkonzerne wie Google und Facebook haben ihre jährlichen Entwicklerkonferenzen abgesagt.

Obwohl zuverlässige Zahlen noch nicht vorliegen, muss man kein Experte sein, um abzusehen, dass sowohl die Messe- als auch die IT-Branche finanzielle Einbußen werden hinnehmen müssen. Für die mit Großveranstaltungen verbundenen Gewerbe – Hotellerie, Gastronomie u.a. – liegt der wirtschaftliche Schaden auf der Hand, denn die potenziellen Kunden bleiben aus. Für das Wegfallen dieser oft fest in die jährliche Etatkalkulation eingeplanten Einnahmen haftet in diesem Fall niemand.

Die Messeveranstalter sind von diesem Problem in einer schwerwiegenderen Weise betroffen, denn neben der Frage, ob sie auf ihren eigenen, im Vorfeld entstanden Auslagen „sitzen bleiben“, müssen sie sogar fürchten, für etwaige Ausstellerkosten haftbar gemacht zu werden. Viele Unternehmen sind besonders in diesem Punkt verunsichert. Fest steht: die Haftungsrechtsfolge ist vom Gesetzgeber klar geregelt. Wie der Rechtsanwalt und Justiziar des Fachverbands Messen und Ausstellungen Martin Glöckner im Interview mit dem Handelsblatt erklärt, hängt diese unmittelbar davon ab, ob die Veranstaltung infolge einer behördlichen Anordnung abgesagt werden musste. Darf z.B. eine Messe gegenwärtig nicht durchgeführt werden, so liegt Glöckner zufolge ein Fall von höherer Gewalt vor, für den niemand zur Haftung gezogen werden könne. Im Fall der aktuellen Absagen liegt allerdings keine solche behördliche Anordnung vor.

Die Veranstalter selbst befinden sich in der Zwickmühle und berufen sich wegen der Verschiebungen bzw. Absagen auf eine Handlungsempfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI), das Ende Februar erst eine aktuelle Risikoeinschätzung veröffentlichte. Darin heißt es konkret: „Massenveranstaltungen können dazu beitragen, das Virus schneller zu verbreiten. Daher kann je nach Einzelfall das Absagen, Verschieben oder die Umorganisation von Massenveranstaltungen gerechtfertigt sein, um der vorrangigen Gesundheitssicherheit der Bevölkerung Rechnung zu tragen.“

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Da in Deutschland also derzeit keine behördliche Anordnung vorliegt, die Veranstalter aber die Einschätzung des RKI „freiwillig“ berücksichtigen, müssten sie eigentlich im Falle eines ersatzlosen Ausfalls für die Auslagen der Aussteller aufkommen. Daher bemühen sie sich, wie z.B. die Twenty2x oder die Hannovermesse, um Ersatztermine, die sie frühzeitig zu kommunizieren versuchen. Denn, so führt Rechtsanwalt Glöckler weiter aus: „Rein rechtlich müssen sie bei einer Verlegung infolge höherer Gewalt ihren Kunden nichts erstatten – weder Standgebühr noch Ticketkosten. In der Regel bemühen sich Veranstalter daher gegenwärtig um einen neuen Termin. Dann bieten sie ihre vertragliche Leistung auch weiterhin an, nur eben später.“ Veranstaltungen, die wie z.B. die Logimat kurzfristig abgesagt wurden und die nicht die Möglichkeit haben, auf einen anderen Termin auszuweichen, dürfte dies folglich besonders hart treffen.

Wieder anders wirkt sich Covid-19 auf die IT-Anbieter selbst aus, denn diese sind auf mehreren Ebenen betroffen. Unabhängig von den Absagen lange geplanter Veranstaltungen ist die Digitalbranche auch mit vorgelagerten Problemen konfrontiert, wie aktuelle Einschätzungen des Digitalverbands Bitkom nahelegen. In China, wo etliche Hardware-Komponenten produziert werden, mussten Fabriken geschlossen werden. Unterbrochene Lieferketten und eingestellte Geschäftsreisen tragen ebenfalls dazu bei, dass Unternehmen ihre Geschäftslage derzeit weniger positiv bewerten. „Die global besonders stark vernetzte Digitalbranche lässt das nicht unberührt“, wie Bitkom-Präsident Achim Berg konstatiert. Obwohl der Bitkom-Ifo-Digitalindex bereits die gedämpfte Stimmung widerspiegelt, bezieht sich dieser noch auf Werte, die bis Mitte Februar erhoben wurden – also noch vor Bekanntwerden der ersten Coronafälle in Deutschland und der Absage der genannten Veranstaltungen. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt erwarteten rund 25 Prozent der befragten Unternehmen negative Auswirkungen auf ihr Geschäftsergebnis in 2020 und sogar mehr als jedes Zweite (54 Prozent) ging von Konjunkturrisiken für die deutsche Wirtschaft aus. Immerhin rund 30 Prozent rechneten demnach sogar mit einer globalen Rezession. Berg dazu: „Das Coronavirus kann die Umsätze in der IT- und Telekommunikationsbranche belasten. Viele Unternehmen unterhalten Beziehungen zu Herstellern, Lieferanten und Kunden im asiatischen Raum.“

Nun, da Covid-19 sich auch in Westeuropa rasch verbreitet, stehen die IT-Anbieter zusätzlich auch vor dem Problem, dass sie die Teilnahme an lange geplanten Messen absagen müssen – entweder aus eigenem Antrieb, oder weil die entsprechenden Veranstaltungen gecancelt oder verschoben wurden. Zum einen entgeht ihnen damit die Gelegenheit, mit ihren Kunden ins Gespräch zu kommen und neue Produkte vorzustellen. Zum anderen verpassen sie natürlich auch die Chance, sich der Öffentlichkeit und den Medien zu präsentieren – ein wirtschaftlicher Schaden, der sich aktuell nur schwer beziffern lässt und den die Unternehmen nun versuchen müssen, anderweitig zu abzufedern.

Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus

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