Darauf kommt es an

Der passende Standort für Rechenzentren

Die Datenmengen steigen und damit auch der Bedarf an Rechenzentrumskapazitäten. Werden dafür speziell neue Datacenter gebaut, gilt es, die richtige Standortwahl zu treffen.

GPS-Standort inmitten einer Großstadt

Welcher Punkt eignet sich am besten als Standort für ein neues Rechenzentrum?

In naher Zukunft werden die Datenmengen enorm steigen. Diese Daten müssen auch verarbeitet werden – umso wichtiger werden Rechenzentren, wodurch gleichzeitig auch der Bedarf an Rechenzentrumsfläche steigt. Daraus ergibt sich allerdings eine Frage: Wo „stehen“ all diese Rechenzentren, wenn die Fläche durch die steigende Anzahl an Rechenzentren immer knapper wird? Klar ist: Der Kapazitätsbedarf wird weiter steigen. Klar ist auch, dass dafür neue Datacenter entstehen müssen. Doch welche Regionen eignen sich am besten als Standort für Rechenzentren?

Im Grunde entscheiden die Anforderungen der Unternehmen über den Standort von Rechenzentren. Es gibt aber entscheidende Merkmale, die die Wahl des Standorts beeinflussen können: Konnektivität, Klima und Kühlung, Umweltbedingungen sowie ein immer wichtiger werdender Faktor: Regionalität.

Schnelle und sichere Konnektivität

Die Rechenzentrumsnutzer verlangen heute eine möglichst schnelle Übertragungsgeschwindigkeit von Daten. Zudem haben die Anforderungen an Datenschutz und Zertifizierung ein deutlich höheres Niveau erreicht als früher. Entscheidend für den Standort von Rechenzentren ist daher eine gute Anbindung an das Glasfasernetz. Glasfaserkabel verbinden die Rechenzentren mit den Endgeräten. Je besser der Ausbau der Glasfaserleitung in einer Region ist, desto attraktiver ist diese als Standort für Rechenzentren.

Deutschland bietet bereits ein gut ausgebautes Glasfasernetz – besonders rund um den Internetknotenpunkt Frankfurt am Main. Dennoch ist es oft effizienter, in Regionen zu investieren, deren Internetnutzung boomt, im Vergleich aber preisgünstigere Konnektivität als in Deutschland oder den USA bietet. Ein Beispiel hierfür ist das indische Mumbai. Unternehmen, die dort in Rechenzentren investieren, profitieren wirtschaftlich. Allerdings bedeutet dies für europäische oder amerikanische Unternehmen meist eine sehr große Distanz zwischen Firmen- und Rechenzentrumsstandort.

Klimabedingungen und Kühlung

Weit oben auf der Agenda stehen bei vielen Unternehmensverantwortlichen die Themen Nachhaltigkeit und Betriebskosten. Eine umweltfreundliche RZ-Konzeption hat auf beide Aspekte eine positive Auswirkung. Letztlich ist die Frage des richtigen Klimatisierungskonzepts ein wichtiger Bestandteil eines nachhaltig betriebenen Rechenzentrums. Warum also nicht in besonders kühle Regionen ziehen und so Kosten für Klimatisierung einsparen?

Zahlreiche Unternehmen, wie etwa die Internetriesen Google und Facebook, verfügen über Rechenzentren in Skandinavien oder Island. Der Anreiz liegt auf der Hand: Durch die vergleichsweise niedrigen Temperaturen werden die Betriebskosten für eine externe Kühlung der Rechenzentren reduziert und zusätzlich der RZ-Betrieb umweltfreundlicher gestaltet. Zudem bietet die Region eine umfassende Zahl an nachhaltigen Energiequellen wie Solarenergie, Wasserkraftwerke und Windparks. Aber auch hier müssen Unternehmen eine große Distanz zwischen Firmenstandort und Rechenzentrum auf sich nehmen.

Optimale Umweltbedingungen

Generell entscheidend für die Wahl des Standortes ist die Sicherheit – nicht nur der Daten, sondern auch entsprechend sichere und günstige Umweltbedingungen. Der Standort sollte möglichst geringen Risikofaktoren wie Erdbeben oder Hochwasser ausgesetzt sein. Zudem sollten sich in der Nähe des Rechenzentrums keine „Gefahrenquellen“ wie Tankstellen oder Atomkraftwerke befinden. Denn durch mögliche Unfälle oder gar Explosionen könnte auch das Rechenzentrum einen enormen Schaden davontragen, wie beispielsweise unwiderruflicher Datenverlust, enormer Sach- oder gar Personenschaden.

Einige Unternehmen gehen hier noch einen Schritt weiter und schotten ihr Rechenzentrum komplett von der Außenwelt ab, beispielsweise unterirdisch oder sogar unter Wasser. Manche halten den Standort ihrer Rechenzentren sogar komplett unter Verschluss. Deutschland eignet sich aufgrund der günstigen Umweltbedingungen, etwa dem gemäßigten Klima sowie vergleichsweise wenigen Naturkatastrophen und dadurch verursachte Schäden besonders als Rechenzentrumsstandort. Warum also nicht in Deutschland bleiben?

Regionalität liegt im Trend

Frankfurt am Main bildet den größten Internetknoten der Welt. Aus diesem Grund liegt es nahe, dass sich dort auch die meisten Rechenzentren in Deutschland ansiedeln. Doch dies führt dazu, dass der Platz an Rechenzentren dort immer knapper wird. In vielen weiteren deutschen Städten wie beispielsweise München sind Flächen kaum oder nur extrem hochpreisig zu bekommen. So wird die Thematik auch sehr politisch – das Engagement der Verantwortlichen ist nach aktuellem Stand noch sehr ausbaufähig. Doch müssen sich Rechenzentren immer zwangsläufig in Großstädten ansiedeln?

Klar ist: Die benötigte Energieversorgung und Konnektivität sind in Großstädten besser als in ländlichen Regionen. Dennoch bevorzugen immer mehr Unternehmen Regionalität und eine geringe Distanz zu ihrem Rechenzentrum. Eine kurze Distanz zwischen RZ- und Unternehmensstandort hat einige Vorteile: Aufgrund der geringeren Entfernung verringert sich auch die Latenzzeit – d.h. die Daten können schneller und sicherer übertragen werden, da bei geringerer Distanz und Latenzzeit das Risiko für Störungen während der Datenübertragung niedriger ist.

Doch dieser Wunschstandort wird nun deutlich eingeschränkt. Die neue BSI-Richtlinie, die eine Distanz von 200 Kilometern zwischen zwei Rechenzentren vorsieht, wird zweifelsohne bei Unternehmen und Rechenzentrumsbetreibern zu Problemen führen. Unternehmen müssen die RZ-Infrastrukturen entsprechend anpassen und gegebenenfalls neue Rechenzentren errichten. Die Migration der RZ-Infrastruktur bringt allerdings einen enormen Aufwand mit sich – sowohl finanziell, als auch organisatorisch. Unternehmen müssen ihre gesamte Desaster-Recovery-Strategie überdenken und entsprechend anpassen. Sie stehen vor der Herausforderung, ein weiteres Rechenzentrum unter Berücksichtigung der Richtlinie zu errichten oder direkt komplett in die Cloud zu migrieren. Lohnt sich der Bau eines eigenen Rechenzentrums also überhaupt noch?

Colocation als Alternative

Neben dem Bau eigener Rechenzentren bietet sich für Unternehmen auch die Möglichkeit an, auf Colocation-Anbieter zurückzugreifen. Dabei können Unternehmen Racks, Cages oder Räume externer Anbieter nutzen und gleichzeitig von deren Infrastruktur profitieren, denn der externe Anbieter trägt auch die Verantwortung für den reibungslosen Betrieb. Die Rechenzentrumsfläche ist skalierbar – und dies auch im laufenden Betrieb. Je nach Anbieter variieren die Angebote. Von daher ist es wichtig, dass Unternehmen ihren individuellen Bedarf mit den Angeboten der RZ-betreiber abgleichen. Auf diese Weise gestaltet sich der Betrieb von Rechenzentren umso effizienter und nachhaltiger.

Wie aufgezeigt bietet Colocation den Unternehmen verschiedene Vorteile. Jedoch muss nicht immer eine Entscheidung für oder gegen ein eigenes Rechenzentrum getroffen werden. Vor allem, wenn bereits ein Rechenzentrum existiert, das jedoch nicht mehr ausreicht oder dem neuesten Standard entspricht, kann Colocation eine sinnvolle Ergänzung sein – ob die dazu gemietete Kapazität als Backup- oder Hauptrechenzentrum dient, hängt von den individuellen Anforderungen und der Leistungsfähigkeit des bereits existierenden Rechenzentrums ab.

* Der Autor Wolfgang Kaufmann ist Geschäftsführer bei Datacenter One.

Bildquelle: iStock/Getty Images Plus

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