Europäische Norm DIN EN 50600

Der rote Faden im Rechenzentrum

Mit der europäischen Norm DIN EN 50600 erhalten die IT-Verantwortlichen einen roten Faden für die Planung und Konzeption von Rechenzentren an die Hand.

In der Norm DIN EN 50600 wurden vier Handlungsfelder definiert, die künftig als roter Faden dienen können.

In der Norm DIN EN 50600 wurden vier Handlungsfelder definiert, die künftig als roter Faden dienen können.

Der Bau eines Rechenzentrums kann für die Betreiber eine große Herausforderung sein. So stellt sich bereits zu Projektbeginn die Frage, welche Kriterien betreffend der Umgebung und Ausstattung wichtig sind und worauf bei der Errichtung einer IT-Umgebung geachtet werden sollte. Neue Möglichkeiten kann hier die europäische Norm DIN EN 50600 bieten, die erste länderübergreifende Norm, die einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt. Sie liefert umfassende Vorgaben im Hinblick auf die Planung, den Neubau sowie den Betrieb von Rechenzentren und definiert Anforderungen an die Gewerke wie Baukonstruktion, Elektroversorgung, Klimatisierung, Verkabelung sowie Sicherheitssysteme. Die DIN EN 50600 bildet somit die Basis für eine Vereinheitlichung der europaweiten IT-Infrastruktur und bietet grundlegende Orientierungspunkte in Sachen Rechenzentrumsbau.

In der Norm wurden vier Handlungsfelder definiert, die künftig als roter Faden dienen können:

  • 1. Risiko- und Anforderungsanalyse
  • 2. Rechenzentrumsplanung
  • 3. auszuführende technische Infrastruktur
  • 4. Management und Betrieb

Doch wie setzen Betreiber die Planungsaufgaben gemäß der Norm am besten um? Hier gibt es verschiedene Wege. Wer einen Neubau errichtet oder aber sein Rechenzentrum von Grund auf saniert, kann bei der Planung früh Experten hinzuziehen, die sich im Rahmen der Analyse an den aktuellsten Erkenntnissen und den Vorgaben der Norm orientiert. „Rechenzentren werden leider oft zu groß ausgelegt und sind nicht ausgelastet, was hohe Kosten verursacht. Optimal ist ein Rechenzentrum in verschiedenen Ausbaustufen“, weiß Curt Meinig von Prior1 aus Sankt Augustin.

Angesichts der Komplexität der Norm und des Umstands, dass Unternehmen diese Aufgaben meist nicht alleine meistern können, kann der Rückgriff auf einen spezialisierten Dienstleister ratsam sein. Dieser sollte herstellerneutral und lösungsorientiert beraten, sich intuitiv im erweiterten Normenumfeld bewegen und gleichermaßen auch die Rolle eines Auditors wahrnehmen können. Zusätzlich sollte er größtmöglichen Wert auf eine anforderungsgerechte und skalierbare Auslegung legen. „Sich wie selbstverständlich in der DIN EN 50600 sowie in den weiteren Anforderungen und Normen im Rechenzentrumsumfeld zu bewegen, ist eine Kunst, die leider nur wenige beherrschen“, weiß der im Normenausschuss engagierte Branchenkenner Curt Meinig und führt fort: „Losgelöst von einzelnen Faktoren sollte der Dienstleister die europanormgerechten Anforderungen aus dem Effeff beherrschen und dem Kunden die relevanten Eckpunkte aufzeigen.“

Gemäß der DIN EN 50600, die in sieben Abschnitte unterteilt ist, werden Rechenzentren heutzutage in vielen Bereichen, wie dem Finanz- und Gesundheitswesen, der Energieversorgung oder öffentlichen Verwaltungen, als fester Bestandteil unverzichtbarer Infrastrukturen eingestuft. Teil 1 der Norm greift bereits bevor der Bauprozess startet, und beinhaltet die „allgemeinen Konzepte“. Hier werden eine fundierte Geschäfts- und Risikoanalyse einschließlich der Betriebskosten gefordert. Dabei werden die physikalischen, technisch bedingten sowie geschäftlichen Risiken betrachtet und damit einhergehend der Energieeffizienz und den Betriebskosten ein hohes Maß an Aufmerksamkeit geschenkt. Die Ausfall- bzw. Standortanalyse beschäftigt sich mit den Kosten und Konsequenzen, die durch Unterbrechungen entstehen. Dank der umfassenden Bewertung wird künftig bereits zu Beginn eines RZ-Projekts deutlich, welche negativen Auswirkungen eine unvorhergesehene Downtime haben kann, denn dort setzt die Analyse an. Aus der Geschäftsrisikoanalyse ergibt sich nicht nur eine geeignete Verfügbarkeits- und Schutzklasse, sondern auch ein ganzheitliches und skalierbares Niveau. Weitere Faktoren, die u.a. in Teil 1 der Norm berücksichtigt werden, sind allgemeine Empfehlungen bezüglich der Unterbringung funktionaler Elemente, wobei die Berücksichtigung des jeweiligen Verwendungszwecks eine wichtige Rolle spielt.

Die Grundlagen neu definiert


Teil 2-1: Die Grundlagen der Gebäudekonstruktion von Rechenzentren sowie die dazugehörigen Aspekte werden nicht exakt in Bezug auf deren Umsetzung erläutert. Viele Punkte der Gebäudekonstruktion werden allerdings auch in einem anderen Teil thematisiert. Teil 2-2 taucht hingegen tiefer in die Materie ein. Hier geht es um die angemessene Dimensionierung der Stromversorgung und -verteilung. Der Faktor Energieeffizienz nimmt aufgrund des steigenden Stromverbrauchs und des zunehmenden Datenverkehrs einen hohen Stellenwert ein. Innerhalb der Norm existieren daher drei Granularitätsniveaus zu diesem Thema: So erfasst Level 1 lediglich die Basisdaten, die zur Ermittlung der Energieeffizienz des gesamten RZ erforderlich sind. Level 2 beinhaltet erweiterte Daten und ermöglicht die Beurteilung von Teilsystemen. Die dritte Stufe hingegen ist granular. Hier werden demnach sehr viele Daten berücksichtigt, auf deren Grundlage schließlich eine detallierte Beurteilung und somit die bestmögliche Ermittlung der Energieeffizienz stattfinden. Damit wird eine solide Grundlage für die nachhaltige Optimierung geschaffen, mit der die Betriebskosten deutlich minimiert werden können.

Die Regelung der Umgebungsbedingungen des Rechenzentrums sowie der IT-Infrastruktur greift Normteil 2-3 mit spezifischen Angaben zu den Schutz-, Verfügbarkeits- und Energieeffizienzklassen auf. Darüber hinaus enthält er Informationen zu optimalen Temperaturbedingungen, zum Handling von flüssigkeitsführenden Leitungen sowie zum Umgang mit Rauchgasen. Zudem bietet dieser Part modellhafte Grundrisse und weist geeignete Standortparameter auf. Die physische Sicherheit spielt hier ebenfalls eine wichtige Rolle und wird erneut in Relation zu den jeweiligen Umgebungsbedingungen gebracht.
Der Normteil 2-4 beschäftigt sich mit der Verkabelung im Rechenzentrum, wie sie für Speichernetze und LAN notwendig ist. So wird an dieser Stelle eine Brücke zwischen IT und Facility geschlagen und der Bezug zum Gebäude über die Anforderungen an dessen Automation, damit verbundene Kabelwege, Räumlichkeiten und Schaltschränke praxisgerecht hergestellt.

Das Zeug zum Standardwerk?


Wie weit die europäische Norm über den Tellerrand blickt, verdeutlichen die vielfältigen Abfragekriterien, die sich sowohl mit dem Management, dem Betrieb sowie den Sicherungssystemen befassen. Zieht man aus den Neuerungen ein Fazit, so sollten IT-Verantwortliche aufgrund des Umfangs der relevanten Faktoren auf die fachliche Expertise ihres beratenden, planenden bzw. zertifizierenden Dienstleisters setzen. Die Basis für ein Standardwerk hinsichtlich der optimalen Planung eines Rechenzentrums ist gelegt – wenngleich die Hilfe von Expertenseite nach wie vor ein wichtiges Kriterium für den späteren Erfolg darstellt.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 09/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Zusätzlich wird aktuell daran gearbeitet, die DIN EN 50600 in die international gültige ISO/IEC TS 22237 zu überführen, wodurch die weltweite Relevanz sichergestellt wird. Desweiteren befindet sich der Leitfaden Betriebssicheres Rechenzentren der Bitkom aktuell in einem entsprechenden Überarbeitungsprozess auf der Basis der DIN EN 50600.


DIN EN 50600

Die europäische Norm macht umfassende Vorgaben für die Planung, den Neubau und den Betrieb von Rechenzentren. Sie befasst sich mit der Baukonstruktion, der Elektroversorgung, Klimatisierung, Verkabelung und Sicherheit von Rechenzentren. Der Standard befasst sich mit den organisatorischen, konstruktiven, baulichen und technischen Ausführungen. Er ist gegliedert in die allgemeinen Konzepte und beinhaltet ein Klassifizierungssystem für die Verfügbarkeit, die Betriebssicherung und die Energieeffizienz. Dazu gehören Ausführungen für die Energieversorgung und -verteilung.

Quelle: www.itwissen.info


Bildquelle: Thinkstock/iStock

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