Viele Testballons gestartet

Der wahre Aufwand der Mobility-Umsetzung

Mobile Arbeitsprozesse erweisen sich als Dauerbrenner für die Verantwortlichen. Doch je ­größer das Unter­nehmen und je vielfältiger dessen ­Geschäftsszenarien, umso aufwendiger ist die Umsetzung der Mobilstrategie.

Umfassende Mobilstrategien werden noch kaum ausgerollt. Vielmehr werden in einzelnen Bereichen Testballons gestartet.

Glaubt man Branchenkennern, befassen sich die meisten deutschen Großunternehmen und Konzerne schon längst mit der Ausarbeitung mobiler Strategien. „Allerdings sind die allerwenigstens von ihnen damit bereits fertig“, betont Stefan Moch, Head of Mobile Solutions bei Arvato ­Systems. Er ist sich überdies auch nicht sicher, „ob man überhaupt eine umfassende Strategie für etwas entwickeln kann, was sich ständig ändert und keiner genau sagen kann, wie es in zwei Jahren aussieht.“ Von daher trifft man fast kaum auf Konzerne, bei denen umfassende Mobilstrategien bereits ausgerollt werden. Vielmehr werden in einzelnen Bereichen „Testballons“ gestartet. Eine Einschätzung, die auch Guido Becker teilt: „Ich kenne kaum ein Unternehmen, welches Stand heute noch keine Mobilstrategie aufgesetzt hat.“ Allerdings betont der Vertriebsleiter und Prokurist bei der Allgeier IT Solutions GmbH, wären noch große Unterschiede ersichtlich, wenn man sich den „Reifegrad“ der Lösungen näher anschaut.

Laut Becker haben wesentliche Branchen, z.B. Handel, Medien, Tourismus und Automobilindustrie, mobile Strategien bereits in der Kommunikation mit ihren Kunden erfolgreich umgesetzt. Die interne Umsetzung der mobilen Strategie hinke jedoch vielfach noch hinterher. „Gerade dort läuft man aber Gefahr, durch Insellösungen, fehlende Skalierbarkeit und Risiken angesichts mangelnder Sicherheitsvorgaben den Anschluss zu verlieren“, warnt Becker.

Generell von einem Boom an Mobility-Projekten zu sprechen, wäre wohl zu viel des Guten. Es gibt jedoch die eine oder andere Branche, die sich als Vorreiter beim Einsatz mobiler Lösungen erweist. So hängt die Durchdringung laut Krisztian Toth, Chief Sales und Marketing Officer bei Scolvo, vom jeweiligen Industriesektor ab. Logistiker, Transportunternehmen oder Hersteller von Konsumgütern des täglichen Bedarfs (Fast Moving Consumer Goods, FMCG) haben bereits vor Jahren damit begonnen, ‚mobile Strategien’ aufzusetzen. „Zudem besteht insbesondere für Unternehmen deren Mitarbeiter im Außendienst tätig sind die natürliche Notwendigkeit, Daten und Arbeitsabläufe zu digitalisieren.“

Auf konkrete Erfolge angesprochen, verweist ­Krisztian Toth auf eigens umgesetzte Projekte: „Für den Versicherer Aegon setzten wir das komplette Schadensregulierungsmanagement mobil um, bei Rewe (Penny Markt und Billa) unterstützen unsere mobilen Lösungen die Abläufe von Shopvisits“, berichtet Toth. Nicht zuletzt wurde beim Rohstoffhändler Glencore der gesamte Instandhaltungsprozess mit Scolvo-Enterprise-Mobility-Lösungen mobil aufgesetzt.

Industrie 4.0 im Fokus


Über die genannten Beispiele hinaus ist Deutschland neben Japan führend im Bereich Industrie 4.0. „Es gibt bereits viele innovative Smart-Manufacturing-Projekte, die auf einer ganzen Reihe an Internet-of-Things-Anwendungen und damit mobilen Technologien aufbauen“, betont David Eden, Future Technologist und Product Innovator bei Tata Communications. In diesem Zusammenhang nimmt die Automobilbranche seit einiger Zeit eine Vorreiterrolle ein. So hat laut Eden kürzlich erst Volkswagen ein Forschungslabor gegründet, das speziell das Geschäft in Bereichen wie Internet of Things (IoT) und autonome Fahrzeuge vorantreiben soll. „Ziel ist es, hier ein großer Player für die Mobilität der Zukunft zu werden. Dank solcher Investitionen ist es nun möglich, dass innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre selbstfahrende Autos auf der Straße zur Normalität werden“, glaubt Eden. Damit sieht er nicht ganz so schwarz für die deutschen Automobilhersteller wie viele andere, die insbesondere für US-Spezialisten wie Tesla oder Google einen klaren Wettbewerbsvorteil sehen.

Gemäß einer im September 2016 veröffentlichten Studie von Tata Consultancy Services (TCS) und Bitkom Research stellt die Digitalisierung für die deutsche Wirtschaft generell eine der größten Chancen dar: Nahezu alle befragten Entscheidungsträger erkennen, wie wichtig ihre digital- und mobiltechnologische Weiterentwicklung für den künftigen Erfolg ihres unternehmerischen Handelns ist. Dabei sind laut der Studie Automobil-, Chemie- und Versicherungssektor am weitesten in der Digitalisierung fortgeschritten. 68 Prozent der befragten Automobilunternehmen planen, digitale Ansätze schnell und umfassend zu implementieren. In der Chemie- und Pharmabranche planen 59 Prozent proaktiv digitale Initiativen. 57 Prozent der Finanz- und Versicherungsunternehmen treiben bereits aktiv Digitalisierungsprojekte voran.

Besser keine Spielereien

In der Regel scheitern Mobilprojekte wie die meisten (IT-)Projekte auch, wenn sich kein klarer Geschäftsnutzen daraus ableiten lässt. Dies bestätigt Stefan Moch von Arvato Systems: „Reine Spielereien sind Projekte, bei denen Mobiltechnologie ausprobiert wurde, ohne auf den Nutzen abzuzielen.“ Gerade der Versuch auf einem bestehenden System eine allumfassende mobile Lösung (für dieses System) zu bauen, führe zu Realisierungsproblemen. Ein weiteres Problem sei, dass nur versucht wird, die bestehenden Systeme auf einem kleineren Bildschirm wiederzugeben, statt zu reduzieren, neu zu denken und die einzigartigen Vorteile der Geräte – z.B. Sensorik, Geologging – mit zu nutzen.

Desweiteren verbrennen sich die Verantwortlichen die Finger an Mobile-Projekten, die nicht gut vorbereitet werden, wo Bedürfnisse nicht klar identifiziert werden und die beteiligten Kooperationspartner nicht gut zusammenarbeiten. „Wir mussten beispielsweise bei einem Projekt für ein Versorgungsunternehmen eine zweimonatige Verzögerung in Kauf nehmen, da der beteiligte Support-Partner nicht in der Lage war, eine neue Software-Version aufzusetzen“, berichtet ­Krisztian Toth aus der Praxis.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2016. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Gleich von Beginn an sollten stets durchgängige Sicherheitskonzepte Bestandteil des Planungsprozesses sein. Laut Guido Becker ist der mobile Zugriff auf sensible Geschäftsinformationen und die internen IT-Systeme dabei umfassend abzusichern. Es müsse sichergestellt sein, dass persönliche und firmeninterne Informationen strikt getrennt werden und nicht unkontrolliert abfließen.

In puncto der mobilen Zugriffe auf Firmenapplikationen und -daten fordert Krisztian Toth überdies eine solide IT-Sicherheitsstruktur. „Gibt es Probleme mit mobilen Anwendungen, dann hängt dies mit dem Mangel an durchdachten Sicherheitsprinzipien in den Unternehmen zusammen“, weiß Toth. Von daher sollten Unternehmen auf mobilen Endgeräten keine sensiblen Informationen speichern oder nur solange, bis der jeweilige Prozess abgeschlossen ist. Generell können Informationen auf mobilen Endgeräten durchaus sicher gehalten werden, sie können verschlüsselt werden und „remote“ gelöscht werden, falls dies nötig sein sollte. „Auf einem sicheren Kommunikationskanal, etwa einem Virtual Private Network (VPN), ist die Kommunikation zwischen mobilem Endgerät und ERP (Enterprise Resource Planning) durchaus sicher, dennoch sollte das Mobilgerät nicht direkt, sondern über einen mobilen Server mit dem ERP kommunizieren“, ergänzt Krisztian Toth weiter.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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