Ganzheitliche Digitalisierung

Die Bausteine der Transformation

Im Interview erläutert Harald Weickert, CIO bei der Bechtle AG, wie sich eine Brücke von der alten Legacy-Welt in neue digitale Zeiten schlagen lässt und wie man die Mitarbeiter in Digitalprojekte so einbindet, dass sie den Wandel als Chance verstehen.

  • Harald Weickert, CIO der Bechtle AG

    „Mit individuellem E-Procurement bieten wir unseren Kunden einen Mehrwert bei ihren Beschaffungsprozessen", sagt Harald Weickert, CIO der Bechtle AG.

  • Harald Weickert, CIO der Bechtle AG

    Harald Weickert, CIO der Bechtle AG: „Es ist erfolgsentscheidend, die Mitarbeiter mitzunehmen und ihre Einstellung so zu begleiten, dass sie den Wandel als Chance verstehen, die sie selbst ergreifen wollen."

  • Harald Weickert, CIO der Bechtle AG

    „Agile Methoden funktionieren für viele Themen, aber sicher nicht für alle. Dennoch sind sie der Wasserfallmethodik überlegen", stellt der CIO der Bechtle AG, Harald Weickert, fest.

IT-DIRECTOR: Herr Weickert, die Bechtle AG ist das größte IT-Systemhaus in Deutschland mit 70 Standorten in der DACH-Region sowie Handelsgesellschaften in 14 europäischen Ländern. Was ist das Erfolgsgeheimnis des Unternehmens?
H. Weickert:
Das Geheimnis kann ich Ihnen nicht verraten. Ein Alleinstellungsmerkmal ist aber unsere vernetzte Dezentralität mit großer Nähe zu den Kunden. Es ist unverändert so, dass der persönliche Kontakt von großer Bedeutung ist – gerade im Systemhaus- und Servicegeschäft. Außerdem ist unser Leistungsspektrum mit der besonderen Kombination von Handelsgeschäft, Beratung und Dienstleistung in Tiefe und Breite einzigartig. Vernetzte Dezentralität heißt, dass die Spezialisten unserer verschiedenen Standorte bei komplexen Projekten zusammenarbeiten. Ein entscheidender Vorteil gegenüber kleineren IT-Dienstleistern. Wichtig ist auch, dass wir es verstanden haben, mit individuellem E-Procurement unseren Kunden einen Mehrwert bei ihren Beschaffungsprozessen zu bieten.

IT-DIRECTOR: Bechtle beschäftigt rund 11.000 Mitarbeiter. Wie „digital“ sind diese schon unterwegs?
H. Weickert:
Wenn wir über Digitalisierung sprechen, dann sprechen wir zuvorderst über eine notwendige Einstellung bei den Mitarbeitern, denn Digitalisierung fängt in den Köpfen an. Erst im zweiten Schritt geht es um das Geschäftsmodell und die damit verbundenen Prozesse. Wer digitalisieren möchte, muss sich auf Veränderungen einstellen. Wichtig ist dabei, Denken, Technologie und Prozesse als Gesamtheit zu begreifen. Dann lässt sich Digitalisierung gewinnbringend umsetzen. Auf diesem Weg befinden wir uns gerade.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

IT-DIRECTOR: Momentan wird viel über Arbeiten 4.0 geschrieben. Wie stellen sich „Modern Workplaces“ für Ihre Mitarbeiter dar?
H. Weickert:
In der CIO-Organisation ist es unser Job, die Anforderungen aus unterschiedlichen Abteilungen mit der passenden IT zu bedienen. Dabei ist unser wichtigstes Ziel, Prozesse so abzubilden, dass möglichst viel digital abläuft – und zwar nahtlos. Mit unserem Modern-Workplace-Konzept sorgen wir dafür, dass unsere Mitarbeiter jederzeit und überall mit jedem Gerät online arbeiten und unsere Kunden analog wie digital bedienen können. Damit das gut funktioniert, haben wir konzernweit entsprechende Kollaborationstechnologien im Einsatz. Zu den Tools zählen beispielsweise Webex, Videotelefonie oder Chat-Funktionen. Wichtig war uns dabei eine harmonisierte Oberfläche. Ob Office 365, Jabber oder Webex – alles muss möglich sein.

IT-DIRECTOR: Bereits im Dezember 2018 hat die Bechtle AG ihre Vision 2030 vorgestellt. Was verbirgt sich konkret dahinter?
H. Weickert:
Unsere Vision 2030 ist ein klares Versprechen für eine auf nachhaltiges Wachstum ausgerichtete, erfolgreiche Zukunft. Sie ist die vierte ihrer Art in unserer 36-jährigen Unternehmensgeschichte und folgt auf die Visionen 2000, 2010 und 2020. Die neue Vision setzt wie bereits die Vorgänger auf handfeste Ziele. Sie sieht einen Umsatz von zehn Milliarden Euro bei einer EBT-Marge von fünf Prozent vor. Sie formuliert aber auch den Anspruch auf Marktführerschaft sowie ein stets über dem Markt liegendes Wachstum.

Neu ist, dass die Vision 2030 erstmals eine Überschrift trägt: „Bechtle: Der IT-Zukunftspartner“. Wir haben damit einen Leitstern gesetzt, der Orientierung bietet und langfristige, messbare Ziele beschreibt. Wir wollen unsere Kunden mit einer leistungsstarken, angemessenen IT in die Zukunft begleiten.

IT-DIRECTOR: Sie nutzen drei Modelle – Enterprise Transformation Cycle, Business Model Canvas und Golden Cycle – um Transformationsprojekte zu unterstützen. Wie ist hier der Bezug zur Vision 2030?
H. Weickert:
Bei Canvas handelt es sich um ein Unternehmensmodell, das bei unseren Kunden, aber auch bei uns intern für eine Standortbestimmung und Neuausrichtung eingesetzt werden kann. Zusammen mit dem Transformation Cycle visualisiert es, woher man kommt und wohin man will.

IT-DIRECTOR: Warum haben Sie sich dafür entschieden?
H. Weickert:
Auf der Grundlage des Canvas-Modells haben wir uns im Team mit folgenden Fragen beschäftigt: Was sind unsere Leistungsmerkmale, die wir unseren internen Kunden – d. h. den Bechtle-Mitarbeitern – zur Verfügung stellen können? Über welche Kanäle lassen sie sich bedienen und welche Partner werden dazu benötigt? Welche Organisationsformen sind notwendig? Welche Kosten fallen an? Welche Einnahmen oder Einsparungen können generiert werden? Auf diese Weise haben wir unsere CIO-Organisation quasi als Unternehmen im Unternehmen aufgebaut.

IT-DIRECTOR: Welche Ziele verfolgen Sie damit?
H. Weickert:
Es geht darum, den Veränderungsprozess von der alten zur neuen Welt aktiv zu gestalten. Die alte Welt beschreibe ich dabei gerne als eine Art Komfortzone, die heute noch existent und für viele Unternehmen ungemein wichtig und notwendig ist. Ich kenne beispielsweise Unternehmen, die noch immer eine IBM 370 für Kunden im Einsatz haben. Das System läuft und leistet seine Dienste, aber eben in der Legacy-Welt.

Demgegenüber gibt es in der neuen, agilen Welt andere Systeme, Anwendungen, Entwicklungsmethoden, Services und Technologien – allesamt stark digital ausgeprägt. In einer Zeit des Übergangs von der alten in die neue Welt kann ein Canvas-Modell die Brücke schlagen, über die auch Menschen gehen können, für die die alte Welt eine liebgewonnene Komfortzone darstellt. Das Modell macht deutlich, dass die alte Welt existent, die neue Welt aber auch da ist. Wir in der IT müssen beide Welten bedienen können, um unser Business in Gänze nach vorne zu bringen – und zwar business-, projekt- und auch serviceorientiert. Man definiert sozusagen das „Big Picture“ und hat einen Weg, um dahin zu kommen.

IT-DIRECTOR: Welche Vorteile versprechen Sie sich von der Digitalen Transformation?
H. Weickert:
Sie bewirkt beispielsweise, dass wir unsere Kunden wesentlich individueller bedienen können. Der große Vorteil datenbasierter Geschäftsmodelle samt der Unterstützung durch Künstliche Intelligenz (KI) ist der deutliche Zugewinn an Services. Das fängt bei der Treffgenauigkeit der Suche an und hört bei additiven Dienstleistungen auf. Servicequalität und damit letztlich Kundenzufriedenheit sind auf den Punkt gebracht die großen Vorteile der Digitalen Transformation.

IT-DIRECTOR: Was bedeutet das für die Kundenbeziehungen?
H. Weickert:
Der persönliche Kontakt wird unverändert seine hohe Bedeutung behalten. Allerdings decken viele Kunden zunehmend eigenständig ihren Informations-bedarf: digital und mit hohem Qualitätsanspruch.

IT-DIRECTOR: Wie kanalisieren Sie das?
H. Weickert:
Zukünftig kann der Kunde über ein Dashboard seine Bestellhistorie jederzeit abrufen. Zugleich erhält er passgenaue Empfehlungen für weiterführende Services und bekommt relevante Informationen angeboten. Kundenindividuelle E-Procurement-Umgebungen bieten wir übrigens schon seit zwei Jahrzehnten an. Auf dieser Grundlage werden sich zahlreiche weitere maßgeschneiderte digitale Services entwickeln lassen.

IT-DIRECTOR: Wie erwähnt begleiten Sie den digitalen Wandel Ihrer Kunden. Worauf sollten diese bei der Umsetzung von Digitalprojekten besonders achten?
H. Weickert:
Der wichtigste Schwerpunkt im digitalen Umfeld sind immer die Prozesse: Wie laufen diese heute ab und wie kann man sie verändern, um in der digitalen Welt erfolgreich zu sein? Die Kombination des Prozesses, der Funktionen, die man sich wünscht, der Struktur des Unternehmens und der digitalen Technik müssen auf einem firmenspezifischen Datenmodell basieren – das ist der wesentliche Faktor.

IT-DIRECTOR: Woran könnte es liegen, dass Digitalprojekte scheitern?
H. Weickert:
Dies liegt meiner Erfahrung nach an den Menschen und nicht an den Prozessen. Fragt man CIOs, was die wesentlichen Bausteine der Transformation sind, dann werden viele antworten, dass es die alte und die neue Technologie, Prozesse und Menschen sind. Die härteste Nuss – wenn ich das so flapsig sagen darf – sind die Menschen. Genau deshalb ist es so erfolgsentscheidend, die Mitarbeiter mitzunehmen und die Veränderung ihres Mindsets so zu begleiten, dass sie den Wandel als Chance verstehen, die sie selbst ergreifen wollen. Generell gilt: Im Markt gewinnt der, der handelt. Nicht der, der glaubt, dass es machbar ist.

IT-DIRECTOR: Sehen Sie die Digitale Transformation als Chance an?
H. Weickert:
Unbedingt! Wir leben gerade in unglaublich spannenden Zeiten. Alles, was rund um die Künstliche Intelligenz passiert, eröffnet sensationelle Möglichkeiten für Unternehmen. Wir arbeiten selbst intensiv daran, KI nutzbar zu machen. Die Ergebnisse werden die Möglichkeiten der kundenindividuellen Betreuung tatsächlich revolutionieren.

IT-DIRECTOR: Welchen Rat würden Sie anderen Verantwortlichen geben, die ein digitales Projekt planen?
H. Weickert:
Sie sollten sich so gut es geht der neuen digitalen Welt widmen. Gleichzeitig sollten sie jedoch auch darauf achten, die alte Welt an sinnvollen Stellen nicht zu verlassen. Im Klartext heißt das: „Lasst die alte Welt im Standard laufen und fokussiert euch mit neuen Fähigkeiten darauf, in die digitale Welt einzutauchen.

IT-DIRECTOR: Bechtle unterstützt als Premium-Partner den Deutschen IT-Leiter-Kongress 2019 (DILK), der vom 28. bis 30. Oktober 2019 in Düsseldorf stattfindet. Im Rahmen Ihres Vortrags beleuchten Sie den erfolgreichen Weg von der Legacy in die hybride Welt. Wie gelingt Unternehmen ein solcher Umstieg?
H. Weickert:
Das gelingt nur durch das klare Aufzeigen der Richtung, dem möglichst plakativen Zeichnen eines „Big Pictures“ und durch die intensive Einbeziehung der wesentlichen Hauptakteure im Unter-nehmen.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielen hierbei agile Methoden?
H. Weickert:
Eine sehr große. Während wir die „alte Welt“ zu einer Organisation weiterentwickelten, in deren Mittelpunkt Business- und Service-Orientierung stehen, wurde mir Ende 2016 bewusst, dass wir beim Aufbau einer neuen Multi-Cloud-Service-Plattform und der dazugehörenden IT-Services den Fokus ändern sollten. Weg von der internen Sichtweise hin zu umfassenden Services für unsere Kunden, die ganz bequem über eine Plattform bedient werden. Daraus wurde dann ein Projekt mit dem Ziel, verschiedene Cloud-Services für unsere Kunden im B2B-Umfeld aufzubauen, mit einer eigenen Plattform, einer umfassenden Auftragsabwicklung, einem neuen Portal samt service-basiertem Content-Management-System und den dazugehörenden Schnittstellen. Den Start dieses Projekts mit zahlreichen neuen Funktionalitäten habe ich mit jungen Menschen im Alter von 28 bis 32 Jahren gewagt. Nach kurzer Zeit sagten sie: „Lass uns in Ruhe mit dem komplizierten Wasserfallkonstrukt, das gibt es heute nicht mehr. Wir machen Scrum.“

IT-DIRECTOR: Hat Sie das überzeugt?
H. Weickert:
Anfangs war ich skeptisch. Im Rückblick waren drei Faktoren für den Erfolg entscheidend: Den beteiligten Menschen muss das Ziel klar sein, Business-Vertreter mit Entscheidungsbefugnis müssen von Anfang an involviert sein und man muss Mitarbeitern im agilen Umfeld auch ihre Agilität lassen. Agile Methoden funktionieren für viele Themen, aber sicher nicht für alle. Mein Fazit lautet jedoch, dass sie der Wasserfallmethodik überlegen sind. Wir haben damit unglaublich viel Zeit gespart und hatten immer einen klaren Plan vor Augen.

IT-DIRECTOR: Wann wurde die Digitale Transformation bei Bechtle konkret angegangen?
H. Weickert:
Wir haben damit vor fünf, sechs Jahren begonnen. Dabei gingen wir teilweise auch in ganz kleinen Schritten vor, die aber immer auch das Ziel hatten, vorhandene Prozesse digital abzubilden. Ein Beispiel dafür ist die Unterschrift auf dem iPhone, wenn ein Service beim Kunden vor Ort erbracht wurde. Oder wir nahmen uns größere Schritte vor, etwa die Entwicklung unserer Cloud-Plattform. Die ganz großen Meilensteine der Digitalisierung liegen aber noch vor uns.

IT-DIRECTOR: Worauf wollen Sie sich dabei fokussieren?
H. Weickert:
Es ist ratsam, sich auf den Teil der IT zu konzentrieren, der den Geschäftswert erhöht. Der CIO mit seiner Organisation trägt die volle Verantwortung für die gesamte Informations- und Kommunikationstechnologie – Ende zu Ende. Verbunden damit erfolgt sukzessive die Digitalisierung des Unternehmens auf einem datenbasierten Geschäftsmodell.

IT-DIRECTOR: Mit Thorsten Krüger, Business Manager Consulting Services bei Bechtle, nimmt einer Ihrer Kollegen ebenfalls als Referent am Deutschen IT-Leiter-Kongress 2019 teil. Er betont: „Digitalisierung ist mehr als Automatisierung.“ Warum sollten die Unternehmen vor diesem Hintergrund ihre Transformationsprozesse von „Ende zu Ende“ denken?
H. Weickert:
Digitale Prozesse sind nicht die Übersetzung der alten Prozesse in eine neue Form. Deshalb ist es so wichtig, dass die Prozesse von Anfang bis Ende am Geschäftsmodell angelehnt, de-signt, komplett durchdekliniert und implementiert werden.

IT-DIRECTOR: Abschließend der Blick in die Zukunft: Arbeiten Sie bereits an der Vision 2050? Oder wie sieht die Zukunft Ihrer Meinung nach für Bechtle und für die IT-Landschaft in Deutschland aus?
H. Weickert:
Wir konzentrieren uns mit breitem Kreuz auf die festgelegte Vision 2030 und arbeiten hart daran, auf diesem Weg der zukunftsstarke IT-Partner für unsere Kunden zu sein. 

Harald Weickert

Werdegang: Harald Weickert blickt auf über 35 Jahre Führungserfahrung bei In-
dustrie-Großunternehmen und Konzernen der Informations- und Telekommunika-tionsindustrie zurück. In dieser Zeit hat er Großprojekte in der IT-Transformation und dem Change Management erfolgreich durchgeführt. Als Persönlichkeit zeichnet er sich durch sein visionäres Mindset aus und hat damit die ITK vieler Unternehmen zukunftsstark aufgestellt.
Derzeitige Position: CIO der Bechtle AG
Hobbys: Menschen, Motorradfahren, Reisen

Bild: Bechtle AG

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