Vernetztes Gesundheitswesen

Die Digitalisierung aktiv gestalten

Im Interview skizziert Dr. Jens Baas, Vorsitzender des Vorstands bei der Techniker Krankenkasse, die Chancen des vernetzten Gesundheitswesens und erläutert, wie die Versicherten bei der elektronischen Gesundheitsakte „TK-Safe“ die Hoheit über ihre Daten behalten.

Dr. Jens Baas, Vorsitzender des Vorstands bei der Techniker Krankenkasse

Dr. Jens Baas, Vorsitzender des Vorstands bei der Techniker Krankenkasse

IT-DIRECTOR: Herr Baas, welche sind die wichtigsten Eckpunkte der Digitalisierungsstrategie der Techniker Krankenkasse?
J. Baas:
Als größte deutsche Krankenkasse haben wir den Anspruch, die Digitale Transformation des Gesundheitssystems im Sinne unserer Versicherten voranzutreiben und mitzugestalten. Die Digitalisierung hat in den letzten Monaten, vor allem durch die Vorstöße von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, deutlich an Schwung gewonnen. Eine aus meiner Sicht wichtige Entscheidung, gilt es doch Entwicklungsrückstände der vergangenen Jahre aufzuholen. Andere europäische Länder wie Estland oder Dänemark sind uns hier in einigen Bereichen deutlich voraus.

Wir bemerken aktuell, wie große internationale Tech-Unternehmen den deutschen Gesundheitsmarkt und dessen Potential für sich entdecken. Die Tech-Riesen werden diese Chancen nutzen und damit einen verstärkten Wettbewerb auf den Markt bringen. Perspektivisch werden sie Angebote entwickeln, die zwischen Versicherten und Krankenkasse und auch zwischen Patienten und Arzt Fuß fassen. Daraus ergeben sich die wichtigsten Eckpunkte unserer Strategie: Wir wollen die Digitalisierung selbst gestalten und das Heft des Handelns keinen internationalen Unternehmen überlassen. Und ganz wichtig: Wir wollen den direkten Kontakt zu unseren Kunden behalten.

IT-DIRECTOR: Welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus?
J. Baas:
Die Digitalisierung bietet uns viele Chancen, ein patientenorientiertes und vernetztes Gesundheitswesen zu schaffen. Sie entlastet Ärzte bei der Dokumentation und unterstützt sie bei der Diagnosestellung. Sie bietet Patienten eine bessere Versorgung durch hilfreiche Apps und neue Technologien. Man denke nur an die Möglichkeiten, die Wearables in Zukunft noch bringen werden.

Digitalisierung schafft Transparenz und hilft, die steigenden Kosten im System zu dämpfen. Gleichzeitig sehe ich, dass große Tech-Unternehmen nun auf den Gesundheitsmarkt drängen. Bei denen steht der Profit an erster Stelle und die Kunden bezahlen mit ihren Daten. Ein Szenario: Haben Menschen ein gesundheitliches Problem, befragen sie erstmal Alexa oder Siri. Diese bieten ihnen eine mögliche Diagnose, nennen den vermeintlich besten Spezialisten, machen dort einen Termin und organisieren den Transport zum Arzt. Für den Nutzer scheinbar ein perfekter Rundum-Service. Das Angebot würde dabei – genauso wie etwa bei Hotelportalen – nicht nur strikt nach Qualität, sondern auch nach ökonomischen Gesichtspunkten gesteuert werden. Nicht ausschließlich das Wohl des Patienten stünde im Vordergrund, sondern auch die ökonomischen Interessen. Und hier kommen die Krankenkassen ins Spiel: Für uns ist der Bereich Gesundheit kein Profitfeld, wie für viele globale Wirtschaftsunternehmen. Wir sind hingegen der Idee einer solidarischen Krankenversicherung verpflichtet und setzen daher ganz andere Schwerpunkte – mit dem Fokus auf die Patienten und nicht auf dem Profit.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielen dabei Daten?
J. Baas:
In diesem Zusammenhang werden Daten eine immer größere Rolle spielen. Mit Daten füttern wir die Algorithmen, sie sind die Basis für die Künstliche Intelligenz, die auch im Gesundheitsbereich immer stärker voranschreitet. Daten helfen uns dabei, Diagnosen und Therapien zu verbessern, etwa im Kampf gegen Krebs oder Demenz. Aber wo kommen diese Daten her? Wer wacht über die sensiblen Gesundheitsdaten? Diese Frage ist aus meiner Sicht noch nicht ausreichend beantwortet. Wir als TK verfolgen strikt den Ansatz, dass unsere Versicherten die Hoheit über ihre Daten haben. Aus diesem Grund drängen wir seit einiger Zeit darauf, dass es eine einheitliche elektronische Patientenakte gibt, in der jeder Versicherte seine Daten sichern und nur er selbst auf diese zugreifen und sie freigeben kann.

IT-DIRECTOR: Wie starten Sie innovative Digitalisierungs-projekte?
J. Baas:
Nehmen wir unsere elektronische Gesundheitsakte „TK-Safe“ als Beispiel: Vor gut zwei Jahren haben wir gesagt, wir gehen damit voran, um endlich mehr Bewegung in die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu bekommen. Die Lösung hat zwischenzeitlich ihre Betaphase abgeschlossen und entwickelt sich in Sachen Operabilität und Nutzen für die Versicherten sehr gut. Eine solche Entwicklung setzt natürlich ein gut funktionierendes Projektteam, verlässliche Partner, wie in diesem Fall IBM, sowie eine abteilungsübergreifende Zusammenarbeit voraus. Aber allem voran müssen wir wissen, was der Versicherte will: Was sind seine individuellen Bedürfnisse und welche Lösungen braucht er dafür?

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielen dabei die Fachabteilungen, die IT-Abteilung und die Führungsriege?
J. Baas:
Innovationskraft treiben wir über funktionierende Vernetzung im Unternehmen, aber auch über eine fortschrittliche Lern- und Fehlerkultur voran. Wir wollen den Mut haben, uns Neues zu trauen, uns dabei offen Fehler einzugestehen, um daraus zu lernen. Natürlich muss die Führung dabei ein Vorbild sein. Wir wollen hin zu vernetztem Fachwissen, Arbeiten in interdisziplinären Teams aus IT- und Fachabteilungen. Wichtig sind mir Prozesse aus einem Guss. Nur so können Zusammenarbeit und Informationsfluss zwischen Fachabteilungen und operativen Einheiten verbessert, Arbeitsabläufe stärker verzahnt, beschleunigt und überflüssige Schnittstellen aufgelöst werden. Diese Vernetzung ist für mich der Schlüssel zum Erfolg in einer digitalen Welt.

IT-DIRECTOR: Zurück zur digitalen Gesundheitsakte TK-Safe – was genau steckt dahinter?
J. Baas:
Der Patient hat seine komplette Gesundheitshistorie in einer digitalen Akte. Wir sehen in der Bündelung der Daten unter der Kontrolle des Versicherten ein enormes Potential, die Versorgung zu verbessern. Das kann Behandlungsfehler und Doppeluntersuchungen verhindern. In einem modernen Gesundheitssystem sollte es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, dass Versicherte wissen, welche Informationen über sie vorliegen. Die Grundlogik der Lösung ist, dass die Gesundheitsdaten nur den Versicherten gehören und nur sie bestimmen, wer darauf Zugriff hat.

IT-DIRECTOR: Sie haben das Projekt gemeinsam mit dem IT-Partner IBM umgesetzt. Worauf kam es bei der Umsetzung dieses Großprojekts besonders an?
J. Baas:
IBM hat sich im Rahmen der europaweiten Ausschreibung als idealer Partner herausgestellt. Der Anbieter verfügt über die notwendige Infrastruktur sowie Server-Kapazitäten in Deutschland und vor allem hohe Sicherheitsstandards. Das hat sich auch bei der Umsetzung bemerkbar gemacht. Zudem merkten wir, dass IBM das Projekt gemeinsam mit uns gestalten und voranbringen will. Die Zusammenarbeit ist entsprechend konstruktiv. Nur so können wir unsere Pläne auch zügig und effektiv in die Tat umsetzen. Wir haben die Betaphase nun zwar beendet, aber wir entwickeln und optimieren die digitale Akte ja ständig weiter.

IT-DIRECTOR: Welche Technologien kommen zum Einsatz und wie wurde die digitale Gesundheitsakte in die vorhandene IT-Landschaft integriert?
J. Baas:
Unsere elektronische Gesundheitsakte wird komplett in einer Cloud in Deutschland betrieben. Eine Integration in die vorhandene IT-Infrastruktur der TK wurde bewusst nicht gewählt. Von daher stellen wir ausschließlich den Zugang über die TK-App sicher, weil die Nutzer auf diese Weise gegenüber der TK und IBM anonym bleiben.

IT-DIRECTOR: Welche Vorteile können sich die Versicherten von der Nutzung von TK-Safe versprechen?
J. Baas:
Unsere Versicherten bekommen damit einen vollständigen Überblick über Medikamente, Arztbesuche, Diagnosen und Impfungen. Sie sehen, welche Diagnosen gestellt, welche Beträge mit der Krankenkasse abgerechnet wurden, sie haben einen Überblick über Medikamente und anstehende Arzt- oder Präventionstermine. Somit entsteht nach und nach eine komplette Übersicht über die eigene Gesundheit. Bei TK-Safe starten unsere Versicherten auf Wunsch schon mit einer gefüllten Gesundheitsakte und können sich sämtliche, bei der TK vorhandenen Abrechnungsdaten in ihre Akte laden. Das unterscheidet uns von anderen Anbietern, wo sie sämtliche Informationen manuell eintragen müssen. Nach dem erfolgreichen Betatest mit über 100.000 Nutzern können nun alle TK-Versicherten ihren persönlichen digitalen Datentresor auf dem Smartphone nutzen.

IT-DIRECTOR: Welche Daten und Dateiformate können abgelegt werden? Mit welchen Authentifizierungsverfahren können die Nutzer darauf zugreifen?
J. Baas:
Dort können Gesundheitsdaten, die uns als Krankenkasse vorliegen, übertragen und dauerhaft gespeichert werden. Die App wird zudem mit den Patientendaten von Kliniken und Arztpraxen über die vollverschlüsselten Schnittstellen gespeist. Die Informationen können manuell um eigene Daten ergänzt werden. Freiverkäufliche Medikamente lassen sich per Barcodescanner hinzufügen, Arztbriefe oder Röntgenbilder können hochgeladen werden. Auf die App kann nur mit einer Zwei-Faktor-Authentifizierung zugegriffen werden: Der eine Faktor ist die Registrierung des Mobilgeräts mit einem persönlichen Freischaltcode. Der andere ist die Anmeldung in der App mit Benutzername und Passwort.

IT-DIRECTOR: Wie gewährleisten Sie die Datensicherheit und den Datenschutz der App? Und wie stellen Sie dies sicher, wenn es im nächsten Schritt auch um den Austausch sensibler Patientendaten – etwa zwischen Ärzten, Kliniken und der Krankenversicherung – geht?
J. Baas:
Die Daten werden immer an der Eingangsquelle verschlüsselt und gelangen so in die Akte. Nur für den Versicherten selbst sind die Daten sichtbar. Er bestimmt, wer welche Daten einsehen kann. Die Daten in TK-Safe sind dreifach verschlüsselt. Neben der Verschlüsselung auf dem Speichermedium und der Transportverschlüsselung gibt es eine zusätzliche Content-Verschlüsselung. Dazu besitzt nur der Versicherte den Zugang. Das hat den großen Vorteil, dass nur der Versicherte selbst die Daten auf seinem Mobilgerät einsehen kann. Neben der Dokumentation ist der Datenaustausch der größte Mehrwert der Akte. Mit dem Datenaustauschdienst KV-Connect sind bundesweit rund 12.000 Arztpraxen mit der Akte vernetzt, sodass Dokumente wie Arztbriefe direkt von den Ärzten aus ihrer Praxis-Software in die Gesundheitsakte gesendet werden können. Die elektronische Datenübertragung mit Krankenhäusern läuft bereits seit Start des Betatests. 18 Kliniken des Gesundheitskonzerns Agaplesion und das Universitätsklinikum Aachen sind aktuell angeschlossen. Dieses Netzwerk bauen wir natürlich ständig aus.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

IT-DIRECTOR: Ein Blick nach vorne: Welche Digitalisierungspläne wollen Sie in nächster Zukunft umsetzen?
J. Baas:
Priorität hat hier zunächst TK-Safe, zumal wir den gesetzlichen Auftrag haben, ab 2021 eine elektronische Patientenakte anzubieten. Darüber hinaus machen wir uns natürlich intensiv Gedanken, wie die Digitalisierung das Gesundheitswesen in den kommenden Jahren verändern wird und wie wir diesen Weg mitgestalten können. Es geht hierbei vor allem um den Ausbau digitaler Versorgungsangebote, um passgenaue Angebote für unsere Versicherten zu schaffen und diese mit TK-Safe zu verknüpfen.

IT-DIRECTOR: Als exklusiver Gesundheitspartner engagieren Sie sich für den Deutschen IT-Leiter-Kongress (DILK) vom 28. bis 30. Oktober 2019 in Düsseldorf. Was wollen Sie hier den Teilnehmern vermitteln?
J. Baas:
Beim DILK steht dieses Jahr das Thema Personal für uns im Fokus. Wir haben dazu drei Referenten gewinnen können, die über den Einsatz ausländischer IT-Spezialisten, über die Führung eines IT-Teams und das Recruiting der IT-Elite von morgen, also die Frage „Wie erreiche ich die Generation Z?“, sprechen. Und unsere „TK-Lounge“ lädt mit Aktionen, insbesondere zum Thema Virtual Reality, zu einem Besuch ein.

IT-DIRECTOR: Welche Herausforderungen sehen Sie für die IT-Landschaft in Deutschland in den nächsten zehn Jahren?
J. Baas:
Ich denke, die größte Herausforderung liegt in der Nachwuchsförderung und dem Kampf um die Talente. Wie stellen wir sicher, dass talentierte ITler im Land bleiben und der Standort Deutschland für sie interessant bleibt? Wie sprechen wir die Generation Z, den IT-Nachwuchs an? Auch unser Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften wird in Zukunft weiter steigen. Ich denke, dass viele ITler Krankenkassen noch nicht als favorisierten Arbeitgeber ins Auge gefasst haben. Doch gerade hier passiert in Zukunft so vieles. Das Gesundheitssystem wird immer digitaler, es entstehen Innovationen mit direktem Einfluss auf die Versorgung und Gesundheit der Menschen. Dass sich ITler in Zukunft noch stärker für das Gesundheitswesen, seine Ansprüche und Herausforderungen begeistern, das würde ich mir sehr wünschen.

 

Digitalisierung im Gesundheitswesen ...

... gewinnt nicht zuletzt dank wichtiger politischer Vorstöße deutlich an Schwung. Zugleich drängen internationale Tech-Riesen auf den deutschen Markt und sorgen für mehr Wettbewerb. Krankenkassen müssen ihre Rolle in diesem sich verändernden System neu gestalten, ihren Versicherten innovative Angebote machen und sich vernetzen. Die elektronische Patientenakte ist dabei die wichtigste Basis für die Digitale Transformation. Und auch die Frage, wie das Gesundheitssystem in Zukunft die besten Köpfe der IT rekrutieren kann, wird die Branche in Zukunft beschäftigen.


Bildquelle: Techniker Krankenkasse

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