Fetisch Großraumbüro

Die Hölle, das sind die anderen

Großraumbüros fördern die Kommunikation und kosteneffizient sind sie auch noch. Das ist in vielen Unternehmen immer noch ein Dogma. Doch langsam regt sich Widerstand.

B. im Rheinland, in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre. Noch nicht mal Steinzeit, sondern die Zeit der Dinosaurier. Alles war damals groß: Die elektrischen Schreibmaschinen, die wenigen Siemens-Terminals mit klobigen Greenscreens, die mausgrauen Telefone. Und natürlich war auch das Großraumbüro, nun ja, groß und laut.

Alte elektrische Schreibmaschinen klackern nicht dezent, sie machen RATATATATA PANG PANG PANG BING KRAAAAAAK WUUUSCH RATATATATA. Und telefonierende Kollegen sind immer nur einen Schritt vom Tod durch Erwerfen mit jener Schreibmaschine entfernt: “HALLO? HAAAALLLO? Ja F. hier, vom Steppenkurier. Dauert nur eine halbe Stunde. EINE HALBE STUNDE. Ich muss noch weg. AUF EINEN TERMIN.”

Kurz und gut: In diesem Großraumbüro mit Vieltelefonierern war konzentrierte Arbeit kaum möglich. Leider war die Einraumredaktion ohne Rückzugsbereich. Und verschärft wurde das Problem noch durch die dauerplaudernden Datentypistinnen im Nebenraum, die des besseren Zurufs wegen immer die Tür offen hielten. Für die Jüngeren: Sie scannten Texte mit den Augen und tippten sie in den Mainframe, während sie sich Urlaubserlebnisse erzählten - alles gleichzeitig. (Die Ergebnisse waren übrigens immer fehlerfrei.)

Seitdem hat sich fast alles geändert, nur die Hölle ist noch die gleiche: Das Großraumbüro. Interessanterweise ist dieses Instrument des angewandten Wahnsinns in vielen Unternehmen immer noch Standard. Praktisch alle Leute, die in diesem Grundrauschen aus Klimaanlage, Computergesumm und unterdrücktem Gebrabbel arbeiten müssen, hassen es wie die Pest.

“In den meisten Unternehmen, in die ich als Projektmanager Einblick bekomme, herrscht ein beklagenswerter Mangel an Möglichkeiten zum Rückzug des Einzelnen,” beschreibt Marcus Raitner in einem interessanten Blogpost die Erfahrungen mit dem andauernden Trend zum Großraumbüro.

Statt dessen werden komplizierte Umwege gegangen, um mal etwas Ruhe zu haben. “Mitarbeiter buchen für sich allein Besprechungsräume, um ungestört arbeiten zu können. Oder sie ziehen sich ins Homeoffice zurück. Der Teamgedanke und die Kommunikation in Ehren, aber wir Wissensarbeiter brauchen für unsere kreative Arbeit auch Abgeschiedenheit und Ruhe”, fordert Raitner.

Er ist dabei nicht allein: Im Zukunftsarchitekten-Podcast von Maik Pfingsten wurde schon vor einiger Zeit gefordert: “Gebt uns die Türen zurück.” Pfingsten kritisiert unter anderem die Controlling-Sicht, dass Großraumbüros kosteneffizienter seien. Doch das Gegenteil ist der Fall, denn die Arbeit wird deutlich weniger effizient erledigt.

“Grundsätzlich braucht ein Wissensarbeiter beides: Einen Ort zum stillen Arbeiten und einen zum Austausch mit anderen”, betont Raitner. “Das umzusetzen wäre gar nicht schwierig.” Eine viel bessere Lösung sind Einzelbüros. Sie sollten allerdings nicht wie im Gefängnis auf einem langen Flur angeordnet sein, sondern so, dass Arbeitsgruppen bei offener Tür in Rufweite sitzen. Dann gilt einfach die Konvention: Bei geschlossener Tür nicht stören.

In vielen Großraumbüros sind übrigens Konventionen die letzte Rettung vor dem Wahnsinn. In jener Redaktion im beschaulichen B. galt die unausgesprochene Übereinkunft, dass ab etwa 16 Uhr - mit näher rückendem Redaktionsschluss - möglichst nicht telefoniert und gequatscht werden solle. Zu hören war nur das Klackediklack der Terminals und das Ratata der Kugelköpfe - schließlich mussten jeden Morgen der Woche ein paar Seiten lokaler Lesestoff auf den Frühstückstischen liegen.

Bildquelle: Paul Wip / pixelio.de

Links:

  • Der Blogpost von Marcus Raitner

  • Der Podcast von Maik Pfingsten

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