Interview mit Dr. Gerhard Knecht (Unisys)

„Die Regierungen sind auf der Überholspur“

Das Internet muss sich ändern, zumindest in Europa muss eine Zone der Rechtssicherheit entstehen, fordert Dr. Gerhard Knecht, Sicherheits-Chef des IT-Dienstleisters Unisys.

Dr. Gerhard Knecht

Das Schengen-Routing ist umstritten, weil immer noch ausreichend Datenpakete in alle Welt gehen. Lässt sich das Internet überhaupt absichern?

Die Idee hinter dem Schengen-Routing ist nicht schlecht. Ein wichtiger Aspekt ist der immer stärker zunehmende digitale Geschäftsverkehr. Hier geht es darum, Vertrauen herzustellen. Das ist im Internet nicht so einfach, da die einzelnen Akteure nicht ohne weiteres identifizierbar sind. Da Man-In-The-Middle-Angriffe möglich sind, geschehen Internetgeschäfte immer ein wenig so, als habe der Verkäufer eine Skimaske auf. Der Kunde kann nicht erkennen, um welche Person es sich wirklich handelt.

Wie könnte diese Situation geändert werden?

Ändern kann sich dies zum Beispiel durch einen Identifizierungs-Layer, wie er für das Internet der Dinge vorgesehen ist. Diese Technologie kann problemlos auch in andere Bereiche übertragen werden. Das erfordert allerdings eine Speicherung der Verbindungsdaten.

So müsste zum Beispiel bei jedem Einkauf im Internet die gesamte Transaktion inklusive aller Personendaten festgehalten werden - mit Zustimmung des Kunden und nur für diese Transaktion, denn eine generelle Speicherung widerspricht dem Datenschutz. Nur so könnte Vertragssicherheit erreicht werden.

Das entspricht aber nicht unbedingt der Vorstellung von einer Privatsphäre im Internet. Wie kann sie denn gesichert werden?

Privatsphäre im Internet ist eine Illusion. Praktisch alle Unternehmen zeichnen sämtliche Daten ihrer Transaktionen auf. Darüber hinaus findet permanent eine Überwachung durch Werbe-Tracker und Analysewerkzeug für Websites statt. Wir werden nicht nur von der NSA überwacht, sondern auch von Google Analytics.

Die Freiheit im Internet ist also in Gefahr?

Das Internet war bisher ein Raum enormer Freiheit, der von vielen Leuten positiv genutzt werden konnte - siehe den arabischen Frühling. Die offenen Strukturen des Internets haben sehr dabei geholfen, es in enormer Geschwindigkeit zu verbreiten und auf den heutigen Stand zu bringen.

Bis vor relativ kurzer Zeit waren die Behörden und Regierungen dabei im Hintertreffen. Doch sie haben gelernt und aufgeholt. Die Regierungen sind auf der Überholspur. Spätestens in fünf Jahren werden sie alle anderen Akteure überholt haben.

Darüber hinaus gibt es im Internet auch so gut wie keine wirkungsvollen Vorkehrungen gegen Cyberkriminelle. Eine Form von regional abgesichertem Datenverkehr ist eine brauchbare Lösung. Sie erfordert allerdings mehr als Routing, damit eine Zone der Rechtssicherheit im Internet entsteht.

Bildquelle: Unisys

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