Blockchain-Hype

„Die Technologie muss noch weiter reifen“

Martin Kreitmair, Geschäftsführer und Mitgründer von Tangany, im Interview über Mythen, Halbwahrheiten und Anwendungsszenarien rund um die Blockchain-Technologie.

„Die Technologie muss noch weiter reifen“

Ein Markt für qualifizierte Blockchain-Fachkräfte ist laut Martin Kreitmair in Deutschland quasi nicht existent.

ITD: Herr Kreitmair, am Potenzial der Blockchain scheiden sich die Geister. Wieso polarisiert das Thema immer noch so?
Martin Kreitmair: Wir sprechen hier über ein bekanntes Muster. Viele bahnbrechende Technologien werden anfangs überhyped. Das bedeutet, die Erwartungen sind astronomisch hoch und die Realität kann nicht liefern. Es folgt das Tal der Ernüchterung und damit kommt die Polarisierung. Das haben wir früher schon öfter gesehen. Sei es bei 4K-Fernsehern, dem Internet in den Nullerjahren oder Künstlicher Intelligenz. 

ITD: Welche Mythen rund um die Blockchain halten sich am hartnäckigsten?
Kreitmair: Die häufigste ist sicherlich jene, dass Blockchain ein gigantischer Umwelt-Zerstörer sei. Tatsächlich stimmt es, dass etwa die Bitcoin-Blockchain sehr viel Energie benötigt. Dies trifft jedoch nicht auf alle Blockchains zu. Einige sind quasi klimaneutral. Und auch das Internet verbraucht sicherlich auch ein bisschen Strom. Das sollte man immer im Kontext sehen. Dennoch ist es natürlich sinnvoll über Alternativen nachzudenken, um den Bedarf weiter zu senken.

ITD: Viele Befürworter der Technologie suchen nach Szenarien, die über die bisherigen, eher speziellen Use Cases hinausgehen. Wann wird mit so einem breiten Anwendungsszenario zu rechnen sein und wie könnte dieses aussehen?
Kreitmair: Im Hintergrund passiert gerade einiges. Die Bundesregierung hat angekündigt Schuldverschreibungen noch dieses Jahr zu dematerialisieren und auf der Blockchain abzuwickeln. Das würde bedeuten, dass Schuldverschreibungen auf der Blockchain und ohne Zertifikate dieselbe Rechtsgültigkeit haben. Auch in anderen Bereichen bewegt sich gerade viel. Vor allem wird Vermögen digitalisiert, wie etwa Immobilien und damit für Kleininvestoren geöffnet.

ITD: Woran scheitern geschäftliche Blockchain-Projekte in der Praxis?Kreitmair: Häufig ganz einfach an der Komplexität der Technologie und einer sehr schlechten Usability. Die Technologie muss noch weiter reifen und benötigt noch viel Arbeit.

ITD: Welche Faktoren entscheiden über den Erfolg entsprechender Projekte?
Kreitmair: Eine gute Planung, realistische Ziele und vor allem die richtigen Technologien. Nicht alles muss immer zwingend dezentral gelöst werden. 

ITD: Wie sieht der Markt für qualifizierte Fachkräfte auf dem Gebiet aus?
Kreitmair: In Deutschland ist dieser quasi nicht existent. Um Entwickler zu finden, muss man diese selbst ausbilden. Die Universitäten nähern sich dem Thema jedoch so langsam. 

ITD: Welche Monetarisierungsmöglichkeiten bieten sich Betreibern von öffentlichen und privaten Blockchains?
Kreitmair: Da gibt es sicherlich sehr viele und es kommt sehr stark auf die Dienstleistung an, die erbracht wird. Grundsätzlich wird zunehmend bedarfs-gerecht abgerechnet und nicht mehr pauschal.

ITD: Welche Rolle spielt „Blockchain as a Service” für die Zukunft und Akzeptanz der Technologie?
Kreitmair: Das ist sicherlich nur für Entwickler relevant. Es wird vermutlich einige relevante, öffentliche Blockchains geben, analog zum Internet. Und Unternehmen werden eigene Blockchains betreiben – die damaligen Intranets. Am Ende kommt es drauf an, Produkte zu schaffen, die einen Mehrwert bieten und vom Endanwender angenommen werden.

Bildquelle: Tangany

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