Totale Vernetzung

Die Zukunft liegt im Internet der Dinge

Im Interview erläutert Patrick Mombaur, Senior Vice President Worldwide IoT Practice bei PTC Global Services, welchen Stellenwert das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) für die eigene Firmenstrategie besitzt und inwieweit sich dieses Thema – über die reinen Technologieaspekte hinaus – bereits in den Anwenderunternehmen etabliert hat.

Patrick Mombaur, PTC

Patrick Mombaur, PTC

IT-DIRECTOR: Herr Mombaur, wie hat sich Ihr Unternehmen in der Vergangenheit entwickelt?
P. Mombaur:
PTC wurde im Jahr 1985 in Boston gegründet, wobei unser Schwerpunkt zunächst auf dem dreidimensionalen Konstruktions-Tool „Pro Engineer“ lag. Die daraus entstandene Produktlinie vertreiben wir aktuell unter dem Namen „Creo“. In den darauffolgenden Jahren sind wir stark gewachsen, auch aufgrund regelmäßig getätigter Akquisitionen.

IT-DIRECTOR: Wo stehen Sie heute?
P. Mombaur:
Wir sehen uns als Marktführer im Bereich der Unterstützung von Produkt-Lebenszyklus-Prozessen und zwar nicht nur in der diskreten Fertigung, sondern darüber hinaus auch in vielen anderen Branchen. Unser Unternehmen operiert aktuell mit rund 6.000 Mitarbeitern, die einen Umsatz von circa 1,3 Mrd. US-Dollar generieren. Zudem blicken wir auf etwa 28.000 aktive Kunden, die wiederum über zwei Millionen verkaufte Lizenzen im Einsatz haben.

IT-DIRECTOR: Wie gestaltet sich Ihre Produktpalette?
P. Mombaur:
Was mit CAD-Systemen für die Unterstützung der Produktentwicklung begann, bauten wir in der Vergangenheit kontinuierlich aus. So haben wir beispielsweise im Jahr 1998 die erste Internet-basierte Lösung für die Verwaltung von Produktdaten (Produkt-Lifecycle-Management, kurz PLM) herausgebracht und damit die Transformation hin zu einem Anbieter von umfangreichen Enterprise-Applikationen eingeleitet. Heute decken unsere Software-Lösungen sämtliche Geschäftsprozesse der Anwender ganzheitlich ab – von der Produktentstehung über die eigentliche Produktion bis hin in den After-Sales/Servicebereich. Zudem konzentrieren wir uns seit 2014 auf die Prozesse rund um das Internet der Dinge, neudeutsch Internet of Things (IoT).

IT-DIRECTOR: Worin liegt der Unterschied zum Begriff „Industrie 4.0“?
P. Mombaur:
Mit Industrie 4.0 wird in Deutschland oft die digitale und vernetzte Fabrik und damit einhergehend eine vollautomatisierte Fertigung assoiziert. Doch das Internet der Dinge geht weit über die virtuelle Fabrik hinaus. Vielmehr geht es hierbei um die totale Vernetzung von Produkten im geschäftlichen wie privaten Alltag. Dies führt zu verbessertem Nutzen in der Anwendung der Produkte, aber auch: zur Automatisierung und Vernetzung aller Lebenszyklen des Produkts, von der Entwicklung über die Fertigung in den Betrieb. Zum Beispiel können Auswertungen von Betriebsdaten direkt in die Entwicklungsprozesse zur Produktverbesserung eingesteurt werden.

IT-DIRECTOR: Was ist in Ihren Augen charakteristisch für das Internet der Dinge?
P. Mombaur:
Das Internet der Dinge stellt einen disruptive Technologiesprung dar, und geht somit weit über isolierte Effizienz- oder Umsatzgewinne einzelner Marktteilnehmer hinaus. Es wird die Art und Weise in der Produkte entstehen, gefertigt und betrieben werden fundamental verändern. Durch die Verfügbarkeit und Vernetzung großer Datenmengen zwischen Nutzern, Sublieferanten und Herstellern werden sich Marktpositionen und Geschäftsmodelle verändern, Machtpositionen zwischen den „Playern“ verschieben und neue Marktteilnehmer etablieren.  Zum Beispiel Unternehmen, die heute in der reinen Herstellung von Produkten tätig sind, werden gezwungen werden, Betriebsverantwortung zu übernehmen, oder: Nutzer und Betreiber von Produkten werden verschärfte Anforderungen an Hersteller stellen und ihre Marktmacht ausbauen können. Dabei werden wir auch sehen, dass sich Industriegrenzen verschieben.

Deshalb: Um IoT in der Praxis erfolgreich voranzubringen, sollte man sich daher von rein technischen Begriffen lösen. Eine gute IoT-Strategie hat klare Geschäftsziele und verzahnt diese eng mit der Umgestaltung der Geschäftsprozesse und der – ebenso entscheidenden - Technologieplanung.

IT-DIRECTOR: Wie kann man eine IoT-Strategie am besten umsetzen?
P. Mombaur:
Für die IT-Verantwortlichen gibt es zwei praktikable Ansätze: Zum einen sollten sie das oberste Management bzw. die Vorstandsebene aktiv in die Entscheidungsprozesse einbinden. Denn IoT-Strategien besitzen einen unglaublich hohen Einfluss auf die gesamte Geschäftsstrategie eines Unternehmens. Sollte ein CIO ein IoT-Projekt allein technologisch angehen, wird er damit entweder scheitern oder aber keinen großen Nutzen schaffen können. Zum anderen hilft es oft, schrittweise vorzugehen, und – je nach Industrie und Anwendbarkeit – basierend auf der gleichen Technologieplattform die Geschäftsanwendungen Zug-um-Zug auszubauen.

IT-DIRECTOR: Im Zuge der IoT-Einführung entstehen Unmengen an Daten, die unmittelbar intelligent ausgewertet werden müssen. Welche Rolle spielen dabei sogenannte Big-Data-Analysen?
P. Mombaur:
Sie sind extrem wichtig – sie stellen ein weiteres großes Nutzenpotenzial der neu entstehenden und verfügbaren Daten dar. So können z.B. aus der Sammlung der Betriebsdaten von Nutzmaschinen heute wesentlich besser Störfälle antizipiert und vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden. Dies erhöht die Verfügbarkeit der Maschinen und senkt direkt die Kostenpositionen der Benutzer. Und verwandte Logiken werden ja derzeit bereits intensiv in der Presse bzgl. der Sammlung von Fahrverhalten von Autonutzern im Zusammenhang mit Versicherungstarifen diskutiert. Diese Analysen werden unter den Begriffen „Predicitive Analysis“ (vorhersagende Analyse) und „Prescriptive Analysis“ (maßnahmenorientierte Analyse) zusammengefasst und werden ebenso durch neue IT-Technologien ermöglicht. Wir haben uns hierzu durch die Akquisition des Analysesoftware-Anbieters Coldlight, dem Innovationsführer in der prädiktiven und präskriptiven Analyse, gut aufgestellt.

Aber IoT hat nicht nur Einfluss auf Big-Data-Analysen; eine ganze Reihe von Kern-CIO-Themen sind bei der umfassenden Einführung berührt: hierbei sind sicherlich IT-Sicherheit als auch weitgehende Veränderungen der gesamten Applikationsarchitektur der Unternehmen zu nennen

IT-DIRECTOR: Können Sie uns ein Beispiel skizzieren?
P. Mombaur:
Mit der Etablierung von intelligenten Stromzählern (Smart Meter) wird aktuell ein IoT-Anwendungsfall innerhalb der Energiebranche vorangetrieben. Dabei verlangt der Gesetzgeber von allen Energieversorgern, ab 2016 in Haushalten mit einem gewissen Energieverbrauch den Rollout von Smart Metern vorzunehmen, was schließlich 2024 erfolgreich abgeschlossen sein soll. Aktuell stehen zwar noch einige offene Fragen zur Standardisierung und Sicherheit der Devices im Raum – die tatsächliche Umsetzung ist jedoch nur eine Frage der Zeit.

Für die Energieunternehmen bedeutet dies, dass sie 20 bis 30 Prozent ihrer heutigen Zählerlandschaft durch Smart Meter ersetzen müssen, was ein expotentielles Datenwachstum zur Folge haben wird. Die heute bestehenden Applikationsarchitekturen können diese Datenmasse jedoch oftmals gar nicht verarbeiten. Denn bei vielen Versorgern fließen diese Datenströme ungefiltert in althergebrachte Abrechnungssysteme, die weder die nötige Performance noch die erforderliche Geschäftslogik für eine effektive Verarbeitung besitzen.

IT-DIRECTOR: Wie kann man dieses Dilemma lösen?
P. Mombaur:
Da zahlreiche Prozessketten betroffen sind, gilt es, an der Basis anzusetzen: Man sollte entsprechende Vorsysteme aufbauen, in denen die Daten zunächst aggregiert werden, um anschließend an die betriebswirtschaftlichen Applikationen weitergeleitet und dort intelligent genutzt zu werden.

IT-DIRECTOR: Wie wird der IoT-Markt in naher Zukunft aussehen?
P. Mombaur:
Wir sind uns sicher, dass sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren das Internet der Dinge in vielen Unternehmen und Industrien fundamental etabliert haben wird. Allerdings lässt sich – Stand heute – nicht genau vorhersagen, in welcher Branche zu welchem Zeitpunkt und mit welcher Intensität das Internet der Dinge genutzt werden wird. Wie für das kommerzielle Internet zu Ende der 90er Jahre gilt wohl auch heute für IoT: Die ganz kurzfristigen Änderungen werden manchmal überschätzt, die mittel- und langfristigen Zäsuren deutlich unterschätzt. Und in welchen Schritten sich die Industrien adaptieren, ist leider nicht vorhersagbar.

IT-DIRECTOR: Welche Standards werden sich durchsetzen?
P. Mombaur:
Es gibt heute und es wird wohl auch zukünftig viele verschiedene Standardisierungsinitiativen geben. An die Durchsetzung eines Standards glauben wir nicht, eher an „vertikale“ also industriespezifische Standards. Die IoT-Plattformen werden sich durchsetzen, die sowohl diverse Endgeräte als auch Kommunikationsprotokolle integrieren können. Letztlich punkten hier insbesondere offene Plattformen, mit denen sich auch sämtliche Infrastrukturen einfach betreiben lassen.

IT-DIRECTOR: Was bedeuten diese Entwicklungen für Ihre eigene Produktpalette?
P. Mombaur:
Wir wollen den IoT-Bereich in Zukunft kontinuierlich weiter ausbauen. Vor diesem Hintergrund haben wir im letzten Jahr die beiden marktführenden IoT-Spezialisten Thingworx sowie Axeda gekauft, deren Lösungen sehr gut zu unseren Produkten sowie zu unserer Kundenbasis passen.

Pro Quartal gewinnen wir derzeit zahlreiche Neukunden, allein in den letzten drei Monaten kamen über 60 neue Kunden, die im IoT-Bereich jetzt starten hinzu. Der Lizenzumsatz im IoT-Umfeld macht bereits zehn Prozent unseres Gesamtumsatzes aus, wobei wir davon ausgehen, dass sich dieser noch deutlich steigern wird. Darüber hinaus bieten wir unseren Kunden großen Nutzen durch die Integration dieser Plattformen mit den übrigen Softwareangeboten unseres Hauses – exakt mit dem Ziel der oben dargestellten Vernetzung aller Lebenszyklen eines Produkts.

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