Projekte erfolgreich realisieren

Digitalinvestitionen auf dem Radar

Im Interview erklärt Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung bei Microsoft Deutschland, wie sich Digitalprojekte erfolgreich realisieren lassen, warum Microsoft verstärkt auf Open Source setzt und welche KI-Technologien gefährlich für ­menschliche Grundrechte werden könnten.

  • Sabine Bendiek, Microsoft

    „Die Zeit der Alleingänge ist definitiv vorbei!“, so Sabine Bendiek von Microsoft.

  • Sabine Bendiek, Microsoft

    Sabine Bendiek, Microsoft: „In einer zunehmend vernetzten Welt ergibt es keinen Sinn, länger in abgeschotteten Ökosystemen zu denken.“

IT-DIRECTOR: Frau Bendiek, wie sind deutsche Firmen in puncto Digitalisierung aufgestellt?
S. Bendiek:
Das langjährige Lamento über eine digitale Trägheit gehört in die Mottenkiste, denn viele Unternehmen setzen zur Aufholjagd an. Laut KfW planen mehr als die Hälfte in den kommenden zwei Jahren verstärkt Investitionen in die Digitalisierung. Immerhin 90 Prozent der Firmen mit über 50 Mio. Euro Jahresumsatz investieren bereits massiv oder haben es fest auf dem Radar. Dennoch gibt es nicht nur kleinere Unternehmen, die noch Defizite haben: Insgesamt setzt die Wirtschaft in ihren Digitalisierungsvorhaben primär auf Effizienzgewinne und verschenkt das innovative Potential digitaler Produkte und Geschäftsmodelle. Also eher Optimierung des Bestehenden als wirklich Neues zu wagen. Was fehlt, ist eine Strategie, die über die reine IT hinausgeht.

IT-DIRECTOR: Aus welchen Gründen mangelt es noch an diesen Strategien? Was bremst die Vorhaben aus?
S. Bendiek:
Der eigentliche Antrieb geht nicht von Technologien, sondern von den Menschen aus: von Führungskräften und Mitarbeitern. Hier läuft es noch nicht rund: So sagen nur 38 Prozent, dass ihre Unternehmen eine Strategie zur Digitalen Transformation haben. Mehr als die Hälfte gehen davon aus, dass sie das schon „schaffen werden“. Aber unabhängig von der Frage, ob es eine Strategie gibt oder nicht: Der größte Reibungsverlust entsteht zwischen Führungskräften und Mitarbeitern. Zwar glauben 60 Prozent der Mitarbeiter, dass die Digitale Transformation prinzipiell die Wettbewerbsfähigkeit ihres Unternehmens stärken kann. Aber nur elf Prozent der Beschäftigten erleben die Entwicklung als gemeinschaftlichen Prozess unter Beteiligung aller Kollegen. Nimmt man dazu noch die Herausforderung, ausreichend Mitarbeiter für die Digitalisierung zu qualifizieren, ergibt das schon einige Reibungsflächen, die wir beseitigen müssen.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle sollte die Politik spielen, um die Entwicklung voranzutreiben?
S. Bendiek:
Sie kann wichtige Impulse geben: durch Rahmenbedingungen, gezielte Förderung oder wenn sie mit gutem Beispiel vorangeht und in die digitale Verwaltung investiert – was in Europa in einigen Ländern ja funktioniert. Aber bei uns stottert der Motor: Die jahrelange Hängepartie zum Digitalen Bildungspakt ist nur ein Beispiel. Auch das Kürzel „KI“ steht in Deutschland eher für K(l)eine Investition. Erst im November wollte die Große Koalition Deutschland zu einem weltweit führenden Standort bei Künstlicher Intelligenz (KI) machen und dafür bis 2025 3 Mrd. Euro bereitstellen. Doch im nachfolgenden Haushaltsentwurf wurde diese Summe erst einmal auf ein Drittel eingedampft. Zum Vergleich: China will allein in der Stadt Tianjin fast 13 Mrd. Euro in KI-Förderung investieren. Erst kürzlich hat die Bundesregierung dann für die laufende Legislaturperiode 650 Mio. Euro zugesagt, um mittels Quantentechnologie die sichere Datenkommunikation in Deutschland und Europa weiter voranzubringen. Natürlich lässt sich immer über Summen diskutieren, aber nachhaltig wirkt das noch nicht.

IT-DIRECTOR: Um die Zukunftsfähigkeit der Kunden zu garantieren, will Microsoft ihnen beim Aufbau digitaler Kompetenzen unter die Arme greifen. Wie könnte dies aussehen?
S. Bendiek:
Qualifikation ist der Schlüssel für Zukunftsfähigkeit – was übrigens nie anders war. Allerdings verringert die Digitalisierung aktuell die Halbwertzeit des einmal Erlernten drastisch. Laut Bundesarbeitsministerium werden bis 2025 durch Automatisierung und den Einsatz Künstlicher Intelligenz rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze verschwinden und gleichzeitig etwa 2,3 Millionen neue Jobs geschaffen. Per Saldo also ein Plus. Aber diese Stellen und Mitarbeiter besetzen bzw. qualifizieren sich nicht von selbst. Deshalb haben wir mit Partnern aus der Wirtschaft, dem Hochschulbereich und Verbänden im letzten Herbst eine breite Qualifizierungsinitiative gestartet. Das reicht von Angeboten für Schulen (Code your life) und Berufstätige (IT-Fitness) bis hin zur Vermittlung von KI-Kenntnissen und Strategien für Führungskräfte in unserer neuen AI-Business School.

IT-DIRECTOR: Welche Rollen spielen dabei Interoperabilität und Standardisierung?
S. Bendiek:
Die Zeit der Alleingänge ist definitiv vorbei! Um das Potential moderner Technologien rund um Cloud und KI auszuschöpfen, sind alle gezwungen, sich zu öffnen: für neue Formen der Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb von Unternehmen, für neue Partnerschaften auch über Branchengrenzen hinweg – und hierzu gehört eben auch die technologische Offenheit. In einer zunehmend vernetzten Welt ergibt es keinen Sinn, länger in abgeschotteten Ökosystemen zu denken. Wir selbst haben hier in den letzten fünf Jahren einen rasanten Wandel durchlaufen. Als Satya Nadella das ikonische „Microsoft loves Linux“ aussprach, war das ein Paukenschlag: „Hell freezes over“ war ein beliebter Twitter-Kommentar. Im Kern war es jedoch eine konsequente Reaktion auf einen absehbaren Wandel. Heute unterstützt unsere Cloud-Plattform Azure relevante Open-Source-Lösungen von Linux oder Red Hat, die mittlerweile über die Hälfte unseres Work­loads ausmachen. Wir sind kompatibel mit Internet-of-Things- und Datenplattformen von Kunden und Partnern wie Siemens Mindsphere oder SAP Hana. Mit der Open-Data-Initiative von Microsoft, SAP und Adobe erleichtern wir den Datenaustausch über unterschiedliche Plattformen hinweg. Zudem gehören wir zu den Unterstützern von IoT-Standards und beteiligen uns an Initiativen wie OPC-UA, DICE und MQTT5. Und nicht erst seit der Akquisition von Github tragen wir selbst aktiv zu Open-Source-Projekten bei.

IT-DIRECTOR: Können Sie uns eine „strategische Partnerschaft“ mit einem Industriekunden skizzieren?
S. Bendiek:
Ein Beispiel ist die Open Manufacturing Platform (OMP) von BMW. Rentabilität und Produktivität in der Produktion sind aktuell zumeist durch komplexe, proprietäre IT-Systeme sowie Datensilos eingeschränkt. Diese Hürden werden wir durch die Etablierung einer offenen Technologieplattform überwinden, die die Entwicklung von IoT- und Smart-Factory-Lösungen vorantreibt, weil sie von der OMP-Community gemeinsam genutzt werden kann, um die Effizienz in der Produktion zu steigern. Hierfür werden wir die OMP-Community kontinuierlich erweitern, voraussichtlich bis Ende 2019 um vier bis sechs Partner und mindestens 15 Anwendungsfälle in ausgewählten Produktionsumgebungen. Gemeinsam mit der BWM-Group ermutigen wir auch branchenfremde Hersteller und Zulieferer, sich anzuschließen.

IT-DIRECTOR: Weltweit sorgen zunehmend KI-Technologien für Furore. Was konkrete Einsatzgebiete betrifft, gelten Länder wie China und USA als führend. Hierzulande hingegen verfolgt laut einer aktuellen Untersuchung von Deloitte nur jede vierte Firma eine übergreifende KI-Strategie. Was sind die Gründe?
S. Bendiek:
Einige Punkte mit Blick auf Firmenkultur und staatliche Impulse habe ich oben angesprochen. Aber Deloitte sagt zudem auch, dass Deutschland durchaus vorn liegt, wenn es um die Nutzung von Machine Learning in der Prozessautomatisierung etwa in der Produktion geht. Sprich, dort wo wir traditionell stark sind, passiert schon sehr viel. Auch in der Grundlagenforschung sind wir gut unterwegs. Es fehlt aber an ausreichender Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft, gekoppelt mit einer Stärkung der anwendungsorientierten KI-Forschung. Wenn es uns gelingt, unsere Ingenieurskultur, die für ein hohes Qualitätsdenken und Gründlichkeit steht, mit Geschwindigkeit in der Digitalisierung und dem Mut, neue Services oder Produkte einfach mal auszuprobieren, zu verbinden, dann wäre das ein Schwenk auf die Überholspur.

IT-DIRECTOR: Welche Künstliche-Intelligenz-Ansätze sollten die Verantwortlichen denn verfolgen, um erfolgreich zu sein?
S. Bendiek:
Oft ist die Scheu groß, weil bei KI viele an die eine große Lösung denken, die die Welt verändert. Richtig ist: KI bietet Riesenpotentiale. Dazu gehört aber auch, zu starten und im ersten Schritt die Technologie dafür einzusetzen, im Unternehmen gezielt etwas zu verbessern. Beispielsweise manuelle Prozesse durch KI zu automatisieren und Mitarbeitern damit den Freiraum für die Aufgaben zu schaffen, wo sie ihre Fähigkeiten sinnvoller einsetzen können. Um zu zeigen, dass Investitionen, Risiko und Entwicklungszeit geringer ausfallen als angenommen, haben wir die „AI Factory for BizApps“ geschaffen. Mit diesem Programm helfen wir Unternehmen, sich rasch einen Vorteil mit KI zu schaffen. Wir nehmen Kunden mit einem Partner an die Hand und entwickeln für ihn eine KI-Lösung, die er umgehend einsetzen kann – und das in wenigen Wochen statt in sechs bis zwölf Monaten.

IT-DIRECTOR: In welchen Händen liegen die Verantwortlichkeiten für Projekte rund um Künstliche Intelligenz (z.B. beim CIO, der Fachabteilung, der Geschäftsführung)?
S. Bendiek:
Idealerweise setzt die Unternehmensleitung die strategischen Leitplanken. Sie bestimmt über die Zielsetzung und muss den Wandel in Gang setzen. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie der alleinige Impulsgeber für KI-Projekte ist. Hier kommen sowohl dem CIO als auch der Fachabteilung eine wichtige Rolle zu, die es aber zur orchestrieren gilt. Wichtig sind hier vor allem Transparenz und gemeinsame Zielsetzungen.

IT-DIRECTOR: Stichwort Digitalethik: Wer kann bzw. sollte letztlich Sorge dafür tragen, dass nicht nur in Unternehmen, sondern auch innerhalb der Gesellschaft kein Missbrauch von KI-Technologien erfolgt?
S. Bendiek:
KI birgt enorme Chancen für Wirtschaft, Umwelt oder das Gesundheitswesen. Aber wie bei jeder mächtigen Technologie müssen wir auch auf ihren Verwendungszweck achten. Wir haben uns strikte Entwicklungsprinzipien für KI gegeben mit Blick auf Diskriminierungs- und Barrierefreiheit, Schutz der Privatsphäre, Verantwortlichkeit, Transparenz und Zuverlässigkeit gegeben. Es gibt ein Aether-Komitee (AI and ethics in engineering and research), das Projekte ablehnt, wenn sie diesen Prinzipien widersprechen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Auch wenn wir darauf achten sollten, dass wir die KI-Entwicklung nicht überregulieren, wird es ohne verbindliche Regeln nicht gehen. Die Gesichtserkennung mittels KI hat unser Chefjustiziar Brad Smith kürzlich als „Geist, der dabei ist, aus der Flasche zu steigen“ umschrieben und für deren Einsatz ein gesetzliches Fundament gefordert. Ich sehe das ähnlich: Der Staat muss Regularien schaffen, um seine Bürger zu schützen, wenn Grundrechte bedroht sind – nicht zuletzt auch durch den Staat selbst.

Bildquelle: Microsoft

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